Das schlechte Geschäft mit O-Bike

Die Leihvelos verschwinden ganz aus den europäischen Städten. Für den Zürcher Kleinunternehmer Firat Kutal ein Fiasko.

Im August 2017 war Umzug 24 noch mit dem Verteilen oder Lagern der O-Bikes beschäftigt und gab Tagesanzeiger.ch/Newsnet Einblick in die Arbeit. (Video: Lea Blum, 21.8.17)
Video: Reto Oeschger

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Der Deal sah vielversprechend aus: Das Zürcher Zügelunternehmen Umzug 24 wurde im letzten Sommer damit betraut, für den in Singapur ansässigen, weltweit operierenden Fahrradverleiher O-Bike in der Schweiz Velos zu verteilen, wieder einzusammeln, falls sie beschädigt waren, und sie zu lagern. Der 36-jährige Firat Kutal stellte für den Job acht Leute an und mietete zehn Lagerräume. «Ich sah das als grosse Chance», sagt er am Telefon.

Auf der Website von Kutals Zügelunternehmen gab es bald die Rubrik «O-Bike». Dort stand: «Eine Partnerschaft zwischen O-Bike und Zürich kann helfen, die Stadt grüner und nachhaltiger zu machen.» Doch für Zürich wie auch für Kutal erwies sich das Geschäft als wenig nachhaltig. Vor ein paar Wochen gab O-Bike bekannt, seine Veloflotte aus den Schweizer Städten abzuziehen. Dies bestätigte auch die Stadt Zürich. Gerüchten zufolge sei der Abzug aus ganz Europa geplant. Einen Grund dafür gab O-Bike nicht an.

120’000 Franken Schulden

Firat Kutal spürte, dass sich das Geschäft nicht günstig entwickelte: Im November letzten Jahres hörte O-Bike auf, die Rechnungen zu bezahlen. Dies sagte Kutal gestern dem «Landboten». Seinen für das Projekt angestellten acht Mitarbeitern musste er kündigen, bei seiner Firma hatten sich Schulden in der Höhe von 120’000 Franken angehäuft. Das führte zu einem neuen Vertrag mit O-Bike. Um seine Schulden zu begleichen, wurde sein Zügelunternehmen Anfang Juni beauftragt, 50’000 O-Bikes in den Städten Amsterdam, Rotterdam, Berlin, München und Wien einzusammeln und weiterzuverkaufen. Ein Teil des Erlöses soll an O-Bike, ein anderer an Kutals Firma gehen. «Eine Monsteraufgabe, aber es ist machbar», sagt er.

Seither ist Kutal ein vielbeschäftigter Mann. Er hat in Holland, Deutschland, Bulgarien oder Serbien Abnehmer gefunden für seine O-Bikes. Dort werden die Velos geschliffen, gemalt und mit neuen Logos versehen – oder in ihre Einzelteile zerlegt. Die Mindestverkaufszahl für die Velos liege bei 500 Stück, der Preis in einem tiefen zweistelligen Bereich. Einige Grossabnehmer habe er schon finden können, wie er sagt. Doch summierten sich auch Lagerungs- wie auch Mitarbeiterkosten, der Druck steige. Bis Ende Juni sollen die Velos aus den Strassen Zürichs verschwunden sein, so die Abmachung mit der Stadt.

Dazu kommt: Das Einsammeln der O-Bikes erweist sich für Kutals Firma als schwierig, weil das Ortungssystem der Velos seit Monaten nicht mehr in Betrieb ist. Kutal schätzt, dass von den 750 in Winterthur und Zürich verteilten O-Bikes noch etwa 300 in Umlauf sind. Um diese zu finden, ist er nun auf Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen.

Europaweiter Rückzug von Leihvelos

Mit der negativen Entwicklung von O-Bike stehen die Zürcher Städte nicht allein da. Ähnliche Probleme verzeichnen auch die Städte Wien oder München. Die Singapurer Firma hat sich auch von dort zumindest teilweise zurückgezogen. Andere asiatische Anbieter vermeldeten in diesem Jahr zudem, dass sie sich aus Frankreich oder Italien verabschiedet hätten. Auch England war für sie kein Glücksfall. Als Grund gaben sie Vandalismus an, in der nordenglischen Stadt Manchester seien die Schadenszahlen besonders hoch.

Für Kurt Egli, Geschäftsführer von Pro Velo Winterthur, kommt die Entwicklung nicht überraschend. Den mangelnden Erfolg von O-Bike sieht er in der Qualität. «Die Velos sind nicht stabil genug, haben nur einen Gang, und die Sättel können nicht justiert werden», sagt er. Für die Schweizer Topografie seien sie nicht geeignet. Dazu kämen die negativen Schlagzeilen zur Datensammelwut des Unternehmens. Er habe grundsätzlich nichts gegen solche Veloflotten, doch O-Bike sei die falsche Firma für den hiesigen Markt gewesen.

Kutal sieht das mittlerweile ähnlich. Seine Zusammenarbeit mit O-Bike sieht er als «misslungenes Geschäft». Doch sei er zuversichtlich, dass er die Velos loswerde. Nur damit Geld verdienen werde er wohl nicht mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 15:27 Uhr

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