Das wäre der richtige Film gewesen

Das Schweizer Fernsehen hat seinen lange angekündigten Film über das Jugendstrafrecht ausgestrahlt. Das Werk ist nach dem Hype um Carlos so erhellend wie überfällig.

Man gewinnt Einblicke ins Leben anderer Männer mit einer ähnlichen Biografie wie derjenigen Carlos': Jugendlicher Straftäter im neuen Dokumentarfilm.

Man gewinnt Einblicke ins Leben anderer Männer mit einer ähnlichen Biografie wie derjenigen Carlos': Jugendlicher Straftäter im neuen Dokumentarfilm.

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Gut ein Jahr ist es her, da löste ein Dokfilm über den Jugendanwalt Hansueli Gürber einen Sturm der Entrüstung aus. Darin zeigte Filmer Hanspeter Bäni unter anderem, wie Gürber mit dem jungen Intensivtäter Carlos umsprang und wie viel das kostete.

Jetzt doppelte Bäni mit einem neuen Film nach, der den Titel «Zwischen Recht und Gerechtigkeit» trägt. Der Anfang wirkt reisserisch, man ist versucht wegzuzappen, wenn mit dramatischen Klängen untermalt der Fall Carlos noch einmal aufgerollt wird. Wer aber länger zusieht, kommt bald nicht mehr um den Gedanken herum: Das wäre der richtige Film gewesen, der richtige Umgang mit dem Thema Jugendstrafrecht. Nicht das verunglückte Porträt über Gürber, das nur so im Vorbeigehen den Fall Carlos und seine Kosten aufgriff, ohne Hintergründe zu erklären und Vergleiche anzustellen.

«Zwischen Recht und Gerechtigkeit» liefert endlich Antworten und Einblicke in den Jugendstrafvollzug, der hierzulande massiv kritisiert wird, um den uns das Ausland aber beneidet. Und er stellt die richtigen Fragen: Warum es sich lohnt, in Erziehung zu investieren statt in Repression. Warum die Behauptung falsch ist, Carlos sei bloss verhätschelt worden. Warum das Leben im Knast angenehmer ist als im Erziehungsheim. Und warum härtere Strafen nicht abschreckend wirken.

Hansueli Gürber spricht erstmals wieder

Erstmals seit August 2013 spricht Hansueli Gürber, mittlerweile pensioniert, über Carlos und den Hype nach dem Film. Ein erhellendes und längst überfälliges Gespräch, das vieles richtigstellt. So erzählt Gürber unverblümt, wie er Carlos zu Beginn brutal hart anpackte, ihn als Elfjährigen für sechs Monate einsperrte: «Etwas, was ich vorher nie für möglich gehalten hätte.» Er erklärt, warum Thaiboxen aus seiner Sicht nicht falsch war: «Carlos war ja schon muskulös und gewalttätig.» Die Idee sei gewesen, seine Gewalt in geordnete, zulässige Bahnen zu lenken.

Zu Wort kommen aber auch andere Fachleute wie Strafrechtsprofessor Marcel Niggli, der unmissverständlich klarmacht: Es ist belegt, dass Erziehung das Rückfallrisiko senkt, während reiner Drill es sogar erhöht. Niggli gibt aber auch zu, dass das für die Opfer schwierig sei.

Die Fälle von Igor, Gianluca und Gianni

Und schliesslich gibt der Film Einblicke ins Leben anderer junger Männer mit einer ähnlichen Biografie wie derjenigen Carlos'. Etwa Igor, der das Heim «mühsam» findet, weil der Tag mit Kritik anfängt und mit Kritik endet. Nichts, was er tut, bleibt unbeachtet; manchmal hasst er alle Leiter, weil sie besser als er wissen, was gut für ihn ist.

Aber auch Gianluca und Gianni sind zu sehen, die beide die Wende geschafft haben. Die froh sind um die Hilfe, die der Staat ihnen gewährt hat, und stolz auf das, was sie erreicht haben. Hätte das Gefängnis nicht dasselbe gebracht? Gianluca sagt, er habe gewusst, was ihm gedroht habe, wenn er zugeschlagen habe: «Aber daran denkt man nicht, wenn man hässig ist.» Erst nach einer langen Therapie wurde ihm klar: «Ich muss mein Leben ändern.»

Systemschwächen nicht ausgeblendet

Es ist eine der grossen Stärken des Films, dass die Autoren Simon Christen und Hanspeter Bäni die Kritik am Schweizer Jugendstrafrecht nicht verschweigen, sondern auch aufzeigen, wo dessen Schwächen sind: dass es auf Kooperation setzt. Vor allem aber, dass es mit der Akzeptanz in der Gesellschaft hapert, weil es teuer ist und für die Opfer oft unverständlich.

Christen und Bäni verdeutlichen aber auch, was Repression konkret bedeutet. Es sind vielleicht die eindringlichsten Bilder im Film: der Blick in ein Bootcamp in den USA, wo man versucht, Straftäter mit stupidem und rüdem Drill umzupolen. Mit deutlich weniger Erfolg als in der Schweiz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2014, 21:05 Uhr

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