Dem Kanton Zürich fehlt es an Kindergärtnerinnen

1000 zusätzliche Kinder treten im Kanton Zürich neu in den Kindergarten ein. Noch sind viele Stellen unbesetzt, und das Schulamt ergreift Massnahmen.

Immer jüngere Kinder, viele mit Defiziten: Für die Lehrpersonen wird die Arbeit immer anspruchsvoller. Foto: Keystone

Immer jüngere Kinder, viele mit Defiziten: Für die Lehrpersonen wird die Arbeit immer anspruchsvoller. Foto: Keystone

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Zürich – Im grössten Schulkreis der Stadt Zürich, dem Glattal, werden nach den Sommerferien rund 725 Kinder neu in den Kindergarten kommen. Ein Jahr zuvor waren es 613. Laut Rosemarie Binggeli werden fünf bis sechs neue Kindergartenklassen geschaffen. «Der Mangel an Kindergartenlehrpersonen ist massiv», sagt die Vizepräsidentin der Kreisschulpflege Glattal. Auf die ausgeschriebenen Stellen gingen kaum Bewerbungen ein. Ausschreibungen würden zwar breit gestreut und Studienabgänger direkt angesprochen. «Aber es bleibt eine Zitterpartie.»

Eltern von angehenden Kindergärtlern stellten dieses Jahr 336 Zuteilungsgesuche im Schulkreis Glattal – so viele wie noch nie. Da die Klassen mit durchschnittlich fast 20 Kindern alle voll seien, besteht weniger Spielraum als bisher, um die Wünsche der Eltern zu berücksichtigen. So kann es sein, dass Geschwister unterschiedliche Schulen besuchen müssen und auch Freunde oder Nachbarskinder getrennt werden. Erste Priorität hat der Schulweg. Ein Kind sollte in der Lage sein, diesen allein zu bewältigen.

Dass die Hälfte aller Eltern ein Gesuch stellt, ist neu. Auch andere Gemeinden erhalten vergleichbar viele Gesuche. Binggeli erklärt sich diese Entwicklung auch damit, dass der Alltag für viele Familien eine organisatorische Herausforderung ist. «Eltern versuchen, Zeit zu sparen, indem Krippe und Kindergarten ihrer Kinder möglichst auf dem Arbeitsweg liegen.» Noch befinde man sich mitten im Prozess der Zuteilung. Ziel sei es, mit möglichst vielen Eltern einvernehmliche Lösungen zu finden.

In Horgen treten nach den Sommerferien 211 Kinder neu in den Kindergarten ein. 17 von ihnen können wegen des um zwei Wochen verschobenen Stichtags eingeschult werden. Horgen bringt die gesamthaft 24 zusätzlichen neuen Kindergärtler in einem Pavillon unter, eine Stelle ist noch offen. Roger Herrmann, Leiter des Horgner Schulsekretariats, bereiten vor allem die Zuzüger Sorgen. Bis kurz vor Schulstart am 18. August melden diese ihre Kinder noch an, was die Planung erschwere. Da man ausgeglichene Klassengrössen anstrebe, sei es nicht möglich, den vielen Zuteilungswünschen der Eltern gerecht zu werden.

«Zu wenig Wertschätzung»

Laut Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich, hat sich schon lange abgezeichnet, dass bald mehr Kinder eingeschult und entsprechend mehr Lehrpersonen auf Kindergartenstufe gebraucht werden. Dass es nun doch zu einem Lehrermangel gekommen ist, erklärt sie mit den hohen Anforderungen, die eine Kindergärtnerin erfüllen muss, ohne angemessen entlöhnt zu werden. So gelte es, Kinder mit Sprachschwierigkeiten und speziellen Bedürfnissen zu integrieren und jedes Kind einzeln zu fördern. Die Kinder seien immer jünger, viele hinkten in ihrer Entwicklung hinterher. Viele Kindergärten seien in zu kleinen Räumen mit schlechter Schalldämpfung untergebracht. Der Lärmpegel sei entsprechend hoch, was für die Lehrperson stressig sei.

Allen gerecht zu werden und gleichzeitig die administrative Aufgaben zu erfüllen, sei ein strenger 100-Prozent-Job, der nicht voll entlöhnt und zu wenig wertgeschätzt werde. Kindergartenlehrpersonen erhalten bei einer vollen Stelle bloss 87 Prozent ihrer Lohnstufe. Es brauche bessere Rahmenbedingungen, damit die Kindergartenstufe nicht zur Problemstufe werde. Fleuti: «Der Kindergarten ist das Fundament der Volksschule! Würden Sie am Fundament Ihres Hauses sparen?»

Für Lilo Lätzsch, die Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, gehört der Kindergarten im Bewusstsein der Bevölkerung nicht zur Schule. «Die Arbeit der Kindergärtnerinnen wird nicht als gleichwertig empfunden», sagt sie. Noch immer geistere in den Köpfen das Bild der «Gfätterlitante» herum. Dabei sei die Eingangsstufe fachlich gesehen die wichtigste. Hier machten Kinder die ersten, prägenden Lernerfahrungen, sagt Lätzsch.

Systematisches Lernen

Walter Bircher, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich, hofft, dass sich in Zukunft noch mehr angehende Lehrer für den Kindergarten entscheiden. 131 Anmeldungen seien dieses Jahr für die Eingangsstufe eingegangen. Vergangenes Jahr waren es 121. Auf der Eingangsstufe gibt es zwei Studiengänge: Kindergarten und Kindergarten-Unterstufe. Der Abschluss des Letzteren berechtigt zur Lehrtätigkeit auf der Kindergartenstufe und auf der 1. bis 3. Primarstufe. 62 Studierende haben sich dafür eingeschrieben, und die Erfahrung zeigt, dass rund die Hälfte der Absolventen dieses Studiengangs später auf der Kindergartenstufe unterrichtet.

Der Studiengang Kindergarten-Unterstufe trage viel dazu bei, junge Menschen für das Studium zur Kindergartenlehrperson zu begeistern, da er ihnen auch die Primarstufe als Option offenlasse, sagt Bircher. «Auf der Kindergartenstufe entwickeln die Kinder das systematische Lernen. Für einen erfolgreichen Verlauf der Schulkarriere haben die Kindergartenjahre eine zentrale Bedeutung.» Die Lehrtätigkeit auf der Kindergartenstufe sei deshalb eine der verantwortungsvollsten Aufgaben. Wenn die Gesellschaft die Bedeutung des Kindergartens mehr anerkenne, würden sich künftig wohl noch mehr angehende Studierende für diese Stufe entscheiden.

Erstellt: 15.05.2014, 23:46 Uhr

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