Der Antifeminist sieht sich als moderner Mensch

Alfredo Stüssi will für die Interessengemeinschaft Antifeminismus in den Nationalrat. Davon würden auch die Frauen profitieren, sagt er.

«Politiker sollten vor ihrer Karriere mehr reisen»: Alfredo Stüssi mit passender Kulisse beim Zweierplatz im Kreis 4.

«Politiker sollten vor ihrer Karriere mehr reisen»: Alfredo Stüssi mit passender Kulisse beim Zweierplatz im Kreis 4.

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Eines stellt Alfredo Stüssi beim Treffen mit der Journalistin in einem Café gleich von Anfang an klar: «Ich bin kein Frauengegner.» Im Gegenteil, er versteht sich als Gentleman mit südländischem Flair. Selbstverständlich bezahlt er ihren Kaffee, und ebenso selbstverständlich überlässt er ihr charmant die Wahl des Tisches. Dann strahlt er sie an und sagt: «Wissen Sie, ich liebe Frauen.»

Bodyguard im B-Movie

Er ist eine schillernde Figur, dieser Alfredo Stüssi, Gründer der Männerpartei und Nationalratskandidat für die Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF). Breitschultrig, in Anzug und Krawatte gekleidet, die schwarzen Haare straff zu einem Rossschwanz gebunden, könnte der 44-Jährige ohne Weiteres als Bodyguard in einem B-Movie durchgehen. Der gelernte Kaufmann hat in seinem Berufsleben schon als Zeitungsverträger und als Tänzer gearbeitet; jahrelang war er in der Reisebranche tätig und lebte in Ländern wie Brasilien, Russland und der Türkei. Heute ist er selbstständig, handelt mit Internetlizenzen und Kosmetika. Und er sagt Sätze wie: «Muslimischen Frauen geht es gar nicht so schlecht. In der Türkei haben die Frauen die Hosen an.» Oder: «Politiker sollten vor ihrer Karriere mehr reisen. Das öffnet den Horizont.»

Was bewegt diesen Mann dazu, eine Männerpartei zu gründen und sich der IGAF anzuschliessen? Eigene Betroffenheit? «Ja und nein», sagt Stüssi. Politisiert habe ihn das Schicksal eines Freundes, der auf Druck seiner Ex-Frau sein Kind zur Adoption freigab. Aber auch seine eigene Biografie war prägend. Aufgewachsen ist Stüssi im Glarnerland – ohne Vater. Und er hat eine elfjährige Tochter in Deutschland, die er so gut wie nie sieht. «Ein klassischer Fall von Entfremdung durch die Mutter», sagt er. Anderseits ist Stüssi heute glücklich verheiratet, hat einen fünfjährigen Sohn, dessen Betreuung er mit seiner Frau teilt.

Mehr Teilzeitarbeit für Männer

Sein Familienmodell ist für Stüssi der Beweis, dass er und seine Mitstreiter nicht die Ewiggestrigen sind, zu denen die Gegnerinnen die IGAF gerne stempeln. «Wir sind moderne Männer, nicht Machos. Männer, die kochen und wickeln können und auch mal einen Knopf ‹aabüeze›.» Die Frauen, ist er überzeugt, seien die, die am meisten von den Antifeministen profitierten. In der Tat klingen einige Ideen, die Stüssi in Bern einbringen will, fortschrittlich: Er verlangt Vaterschaftsurlaub und mehr Teilzeitarbeit für Männer. Bei Trennungen soll das gemeinsame Sorgerecht üblich sein. «Wir müssen wegkommen von der Geschlechterpolitik.»

Gegen Alimente für Kinder

Was Stüssi vorschwebt, hat freilich auch eine Kehrseite, und die dürfte für viele Frauen schwer verdaulich sein. Frauen sollen nicht nur Militärdienst oder Wehrpflichtersatz leisten und gleich lang arbeiten müssen wie Männer. Jegliche Art von Frauenförderung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft findet Stüssi überholt. Vor allem aber will er Scheidungsrecht und Gewaltschutzgesetz radikal umkrempeln. Alimente für Kinder will er ebenso abschaffen wie Unterhaltszahlungen an Ehepartner. Die Frauenhäuser, die seiner Meinung nach allein darauf ausgerichtet sind, Beziehungen zu beenden, will er durch Zufluchtshäuser für beide Geschlechter ersetzen – und deren Adressen sollen nicht geheim sein. Die verlassenen Partner sollen dort Einlass haben, damit sie ihre Kinder sehen können.

Dass er damit ebenso aneckt wie mit dem Begriff Antifeminismus, ist ihm bewusst. Die Provokation ist durchaus gewollt, man schreibe fürs Fussvolk, sagt Stüssi, nicht für die Elite. Ob es für eine Wahl reicht, sei schwer zu sagen. Aber schlecht seien seine Chancen nicht: «Immerhin ist etwa die Hälfte der Bevölkerung geschieden. All diese Leute sprechen wir an.»

Erstellt: 26.06.2011, 22:47 Uhr

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