Der Anwalt der Schweizer Krebse

Der kämpferische Naturschützer Rolf Schatz kartiert und züchtet Krebse. Im Sommer hat er festgestellt, dass die einheimischen Krebse in der Stadt Zürich bereits ausgestorben sind.

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Auch wenn man sich mit Rolf Schatz in einem heimeligen Café verabredet, hat man beim Abschied schmutzige Schuhe und nasse Füsse. Denn Schatz ist einer, für den die Theorie grau ist und die Realität draussen vor der Tür stattfindet. Zumeist in einem Bach. So verlassen wir nach angeregtem Gespräch das Café und stapfen durch den Schnee, gleiten auf nassem Laub aus und steigen über Gartenzäune. Dabei wollte ich nur erfahren, welche Resultate seine Krebskartierung ergeben hat. Zahlen und Fakten, die sich bestens im Trockenen austauschen liessen.

Rolf Schatz hat in den letzten Jahren in verschiedenen Bezirken des Kantons zusammen mit freiwilligen Helfern und Mitgliedern der von ihm gegründeten Interessengemeinschaft «Dä Neu Fischer» nächtelang mit Taschenlampen die Gewässer nach Krebsen abgesucht. Eine aufwendige Arbeit – und vom ­Ergebnis her auch eine frustrierende.

Keine Krebse mehr in der Sihl

Als die erste Krebskartierung im Bezirk Horgen ergab, dass nur noch in 24 von 151 überprüften Bächen und Weihern Edelkrebse und in 23 Fliessgewässern Steinkrebse leben, war Schatz erschüttert: «Ich glaubte, es handle sich um ein miserables Resultat.» In der Sihl habe er als Kind noch problemlos Krebse gefunden, erzählt der 49-jährige Langnauer. «Nun leben dort keine Krebse mehr.» Doch bei der Kartierung weiterer Bezirke musste er feststellen: «Der Bezirk Horgen schneidet sogar noch gut ab.»

Der Tiefschlag folgte diesen Sommer. 140 Stunden suchten Schatz und seine Helfer die Gewässer der Stadt Zürich nach Krebsen ab. Das Resultat ist niederschmetternd: Die einheimischen Krebsbestände sind in der Stadt Zürich ausgestorben. Gefunden wurden in einigen Gewässern lediglich ausländische Krebsarten: Im Katzensee der aus Osteuropa eingewanderte Galizierkrebs und der Amerikanische Rote Sumpfkrebs, in der Limmat – allerdings etwas flussabwärts im Limmattal – der Kamberkrebs und im Zürichsee der ebenfalls aus Amerika stammende Signalkrebs.

Alle vier verdrängen die einheimischen Bestände. Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs, der Kamberkrebs und der Signalkrebs sind Träger der Krebspest. Dem Galizierkrebs wird zwar die Krebspest selbst ­gefährlich, doch vertreibt er die einheischen Arten, weil er kräftiger ist als sie.

Er eckt an und bekommt recht

Rolf Schatz ist ein aufmüpfiger Naturschützer, der an vielen Fronten kämpft, was ihn wiederholt zum Opfer von Vandalenakten gemacht hat. Vor allem am Herzen liegt ihm die Jugend. «Wir sind unserer Jugend einen sorgsamen Umgang mit den Gewässern schuldig», sagt Schatz. Und was sich bei andern nach Plattitüden anhört, ist bei ihm eine Kampfansage. «Unsere Gewässer verkommen zum landwirtschaftlichen Nutzbetrieb», polemisiert er und wettert gegen das massenhafte Aussetzen von Jungfischen, da diese den natürlichen Kreislauf stören. Er machte sich damit bei der Fischerzunft nicht beliebt.

Doch er bekam recht: Die Zürcher ­Fischerei- und Jagdverwaltung hat ­dieses Jahr beschlossen, dass in acht Zürcher Flüssen keine Jungfische ausgesetzt werden dürfen. Sie will wissen, ob die ­Naturverlaichung noch funktioniert. Zurzeit setzt Schatz sich zudem für die griffige Umsetzung der neuen Gewässerschutzverordnung ein, die grössere Pufferzonen entlang den Bächen verlangt. Dort dürfen die Bauern keine Gülle austragen. Damit bringt Schatz die Bauern gegen sich auf. Das Thema wird zurzeit in Bern diskutiert.

Schulstoff Forellen

Weil sich Schatz geärgert hat, dass die Kinder in der Schule viel über Meeressäuger wie Delfine und Wale, aber nichts über einheimische Fische ­erfahren, hat er ein Lehrmittel zum Thema «Lebensgemeinschaft Wasser» verfasst. Er ist aber kein Studierter – und will auch gar keiner sein. Er ist einer, der ­genau hinschaut und gerne quer denkt. Deshalb stehen wir jetzt mit nassen Schuhen oberhalb von Langnau am ­Albis in einer Rinderweide und etwas später im Wasserschloss eines stillgelegten ­Reservoirs.

Rolf Schatz hat nämlich angefangen, in Kooperation mit dem Fischer-Verein Thalwil Steinkrebse zu züchten. In dem Wasserbecken auf der Weide hält er achtzig Steinkrebse: dreissig Böcke und fünfzig Weibchen. Im Frühling sortiert er die Weibchen aus und bringt sie ins Reservoir, wo er eine eigentliche Jungkrebs-Zuchtstation eingerichtet hat. Sie scheint zu funktionieren: Letztes Jahr konnte er im Chrebsbach in Thalwil insgesamt 500 Steinkrebse aussetzen. «Sie leben noch», sagt Schatz stolz.

Unterwegs in Sachen Gewässerschutz

Rolf Schatz war bis vor zwei Jahren hauptberuflich Verkaufsleiter in der Firma seines Bruders, einem Unternehmen für vernetztes Wohnen. Als er für einen Kunden in der Toilette einen Fernseher planen sollte, war ihm plötzlich klar: «Das ist nicht meine Welt.» Seither ist er freiberuflich in Sachen Gewässerschutz unterwegs. Er gibt Jungfischerkurse, ist einer der fünfzehn Fischerei-Instruktoren des Kantons und gefragter Referent für Gewässerschutz.

Ab kommendem Sommer wird er in Zusammenarbeit mit dem Wildnispark Zürich im Sihlwald für Schulklassen Lektionen zum Thema Lebensgemeinschaft Wasser anbieten. Und er kartiert und züchtet eben Krebse. Da er das, obwohl Autodidakt, nach wissenschaftlichen Kriterien tut, wird er dabei von Bund und Kanton finanziell unterstützt.

Nur noch ausländische Tiere

Als Rolf Schatz diesen Sommer die Krebsbestände im Limmattal untersuchte, freute er sich besonders auf den Einsatz am Schäflibach. «Der ist bestimmt voller Edelkrebse», hatte ihm der Zürcher Fischereiaufseher Andreas Hertig prophezeit. Gefunden hat er einen einzigen. Der idyllische, renaturierte Binzerliweiher in Oetwil, der wie geschaffen für Krebse scheint, war dagegen tatsächlich «gragled voll» – aber nicht von einheimischen Krebsen, sondern von eingeschleppten Kamberkrebsen.

Schatz sagt: «Gewässer, in denen Kamber- oder Sumpfkrebse leben, sind für die einheimischen Arten irreversibel verloren.» Wir wagen eine ketzerische Frage: Was ist eigentlich so schlimm, wenn es statt einheimischer Stein-, Edel- oder Dohlenkrebse Rote Sumpfkrebse oder Kamberkrebse gibt? Die Gegenfrage kommt prompt: «Was ist eigentlich so schlimm, wenn in der Schweiz keine Schweizer mehr leben?»

Ungastliche Bäche

Der Grund für den desolaten Zustand des Krebsbestandes liegt aber nicht nur bei den eingeschleppten fremden Arten, sondern bei den Gewässern selbst: «Unseren Fliessgewässern wird viel zu wenig Sorge getragen», sagt Schatz. Sie werden durch Dünger und Pestizide verunreinigt, die Siedlungsentwässerung läuft bei starken Regenfällen direkt in die Flüsse, was immer wieder zu abruptem Hochwasser führt, wodurch die Unterschlupfe für Krebse und andere Wassertiere zerstört werden.

Durch Bachstauungen wird der Geschiebehaushalt gestört, sodass die Flusssohle ausgewaschen und steinhart wird. «Das ist kein Leben mehr für einen Krebs», sagt Schatz. Er schätzt: «Wenn wir nicht reagieren, werden 2030 die einheimischen Krebse im Kanton Zürich ausgestorben sein.» Dann kommen die Fische dran. «Und schliesslich geht es dem Menschen an den Kragen.»

Vor zwei Jahren wurde Rolf Schatz als Grünliberaler in den 7-köpfigen Gemeinderat von Langnau am Albis gewählt. «Die politische Arbeit ist gar nicht so frustrierend, wie man mir vorausgesagt hat», findet er. «Ich kann wirklich etwas bewegen», findet Schatz. Neben dem Ressort Infrastruktur kümmert er sich dort um den Gewässer- und Naturschutz. Wetten, dass die Gemeinderäte gelegentlich mit schmutzigen Schuhen und nassen Füssen von der Gemeinderatssitzung nach Hause kehren?

Erstellt: 18.12.2012, 10:03 Uhr

Krebse im Kanton Zürich. Für Detailansicht auf Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Krebspest

Für einheimische Arten tödlich
Unsere drei einheimischen Krebsarten sind höchst anfällig auf die Krebspest, die um 1860 erstmals in Mitteleuropa auftauchte. Sie wurde von amerikanischen Krebsarten wie dem Roten Sumpfkrebs und dem Kamberkrebs eingeschleppt. Diese sind Träger dieses Pilzes, werden aber aufgrund eines körpereigenen Enzyms selber nicht krank.

Die Krebspest ist eine äusserst ansteckende und bei einheimischen Krebsen unheilbare Pilzerkrankung, welche die Gelenke der Tiere schädigt. Innert zehn Tagen fallen dem Krebs die Beine ab und er verendet. Die letzten Jahre zeigen, wie schwierig es ist, die Ausbreitung der amerikanischen Krebse zu verhindern. So gibt es etwa im Säuliamt noch keine ausländischen Krebse. Doch ist der Zugersee voll von Kamberkrebsen, die sich schon in der Lorze breitmachen. Und auch in der Aare leben Kamberkrebse. Die Chancen sind gering, dass diese daran gehindert werden können, ins Säuliamt einzuwandern.

Der Bund ist derzeit daran, Krebsbarrieren auszuprobieren. Das sind glatte Rampen, die so steil sind, dass die Fische sie gerade noch passieren können, die Krebse aber abrutschen. Allerdings sind diese nur flussaufwärts einsetzbar. Sinn macht es, in den befallenen Gewässern den Bestand an ausländischen Krebsarten möglichst gering zu halten, damit die Tiere sich nicht aus Platznot weiter verbreiten. Alle abzufischen, ist laut Experten kaum möglich.

Auf keinen Fall soll man Krebse aus einem Gewässer in ein anderes tragen oder Aquariumkrebse aussetzen. Denn ein einziges befallenes Tier reicht aus, um in einem Weiher oder Bach den ganzen Bestand an einheimischen Krebsen auszulöschen. Erschwerend kommt dazu, dass die Sporen des Krebspest-Pilzes äusserst widerstandsfähig sind. Deshalb sollten Fischer und Wassersportler ihre Stiefel oder Sportkleidung jeweils vollständig trocknen, bevor sie von einem Gewässer ins andere gehen. (net)

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