Analyse

Der Fall Badran

Die Frage bei Politikern ist nicht, ob sie Vorbild sind, sondern was für Politiker sie sind.

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Eine Nationalrätin raucht. Der Türsteher wirft sie raus. Sie ärgert sich über den mitrauchenden Journalisten, der davongeschlichen ist. Ende der Geschichte.

Anfang der Debatte. Bis jetzt erschienen zwei Dutzend Artikel. Flankiert von Hunderten, meist empörten Onlinekommentaren. Nach der Devise von Oscar Wilde: «Vulgär ist, was andere Leute tun.»

Der Hauptvorwurf gegen die Politikerin Jacqueline Badran ist, dass sie das Rauchverbot verletzt hat. Und damit ihre Vorbildfunktion. Dazu ist bei allem Respekt zu sagen: Schnorfeldigorfel. Es gibt in der Schweiz kaum jemand, der einen Politiker zum Vorbild hat: Wer auf Erden will wie Gaby Huber oder Gerold Bührer sein?

Klar zählt Höflichkeit. Trotzdem ist es so, dass die Politiker, die einem auffallen, oft Unfug gebaut haben. Der neue Walliser Staatsrat Oskar Freysinger trug obszöne Gedichte vor; das Talent der SP, Cédric Wermuth, rauchte aus PR-Kalkül einen Joint; der Tessiner Superpopulist Giuliano Bignasca nahm Kokain; die FDP-Feministin Claudine Esseiva riskierte ein Oben-ohne-Plakat; im Institut des SVP-Strategen Christoph Mörgeli fanden sich zahlreiche Leichen.

Man muss diese Politiker dafür nicht mögen; interessante Köpfe sind sie trotzdem. Auch, weil interessanten Leuten öfter Peinlichkeiten passieren, denn sie riskieren einfach mehr als der Rest.

Der einzige Fall, bei dem dies ernsthaft zu diskutieren ist, liegt vor, wenn die systematische Verletzung von Manieren zur Politik gehört. Etwa bei der Linken 1968 oder bei der SVP seit 1990. Dann ist der Stil relevant, dann ist er Kern der Politik.

Aber sonst? Die Frage bei Politikern ist nicht, ob sie Vorbild sind, sondern was für Politiker sie sind. Und im Fall Badran hat diese letzte Woche ein Beispiel gegeben. Bei der Anhörung im Parlament redete Ivan Glasenberg, Chef des Rohstoffgiganten Glencore, lange darüber, wie viel Gutes seine Firma tue.

Bis Badran eine einfache, unhöfliche Frage stellte: Wie viel Steuern zahlen Sie in der Schweiz? Und der Chef des Rohstoffhändlers musste sagen: «Zero.» Keine Steuern bei 4,5 Milliarden Franken Gewinn. Das wäre eine Debatte wert gewesen.

Erstellt: 20.03.2013, 11:17 Uhr

Constantin Seibt ist Reporter beim «Tages-Anzeiger».

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