Der Gnadenhof

Ein Zürcher Marktfahrer führt in Hunzenschwil einen Hof, wo Tiere leben, die sonst keinen Platz haben. Bereits beim Betreten des Geländes merkt man den Unterschied zu einem Bauernhof.

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Wer einen Bauernhof aufsucht, wird in der Regel vom Hofhund begrüsst, will heissen, ange­kläfft. Bei Franziska und Daniel Schmid übernimmt Hari, der Ziegenbock, diese Aufgabe. Doch er bellt nicht, sondern stupst die Leute mit seiner Nase liebevoll an. Er hat ein hellbraunes Fell, noch hellere Augen, ist lustig, kennt keine Angst und ist an allem interessiert, was sich bewegt.

Hari weicht den Besuchern nicht von der Seite. «Er wurde als fünf Wochen altes Zicklein zu uns gebracht», erzählt Franziska Schmid. Nicht nur die Menschen, auch die anderen Tiere mögen ihn. «Die beiden Pferde Sissi und Sophie haben ihn sofort adoptiert, als wärs ihr eigenes Fohlen. Hari darf mit den Pferden alles machen. Manchmal beisst er sie sogar leicht ins Ohr, um sie daran zu erinnern, dass er auch von ihrem Heu fressen will», sagt Daniel Schmid.

Bauer und Seelsorger

Der Hof der Familie Schmid ist kein gewöhnlicher Bauernhof. Er ist eine Kombination von Gnadenhof und Gärtnerei und befindet sich in der Gemeinde Hunzenschwil im Aargau. Lange haben die Schmids gesucht, bis sie 2010 dieses Anwesen fanden. Am Rande eines Waldes und umgeben von neu aus dem Boden gestampften Einfamilienhäusern haben sie auf 4,5 Hektaren Land ihren Traum verwirklicht: einen Ort, wo sie ein paar Tieren ein glückliches Leben ermöglichen und sich selbst ihren Lebensunterhalt mit biologischem Gemüsebau erwirtschaften können.

Das Gemüse verkauft Daniel Schmid jeden Donnerstag auf dem Markt am Tessinerplatz in Zürich. Dort steht er hinter seinem Stand, packt jedem Kunden eine Zugabe in die Tüte. Für viele Menschen ist er zum Vertreter einer heilen Welt geworden, die sie selber in der Stadt vermissen. «Manche Kundinnen erzählen mir ihre ganze Lebensgeschichte, weil sie einsam geworden sind», so Schmid. Die zusätzliche Seelsorgerarbeit macht er gerne, seine Farm kann er damit allerdings nicht über Wasser halten. Im Winter verdient er zusätzliches Geld als Architekt und Bauleiter.

Angstfrei leben

Daniel Schmid ist geübt, auf verschiedenen Beinen zu stehen. «Ich arbeite, um das zu leben, was unseren Vorstellungen von einem achtsamen Umgang mit Natur und Tieren entspricht», sagt er und krault dabei eine Kuh, die mit der Zunge auf die Stelle zeigt, wo sie von Franziska auch noch gerne gebürstet würde. Auf Schmids Weide dürfen vier Kühe mit und ohne Hörner, acht Schafe, zwei Ziegen und drei Pferde natürlich alt werden. Tiere, die sie vor dem Schlachten retteten oder die wie Hari von anderen Leuten auf einem Wanderweg aufgefunden wurden. Wenn die Tiere nicht im Freien sind, leben sie gemeinsam im gleichen Stall, meist harmonisch und zufrieden. «Von diesem Zusammenleben könnten wir vieles lernen», bemerkt ­Daniel Schmid philosophisch.

Dass die Schmids kein Fleisch essen, ist nicht wirklich überraschend. Sie sind nicht nur Vegetarier, sondern Veganer. Ihr Hof heisst «Vaikuntha». Der Begriff kommt aus dem Sanskrit und heisst unter anderem: angstfrei leben. Vaikuntha ist für die Schmids eine Antwort auf die unmenschliche Art, wie Menschen heute mit Nutztieren umgehen: Hühner, die gemästet werden, bis sie nicht mehr stehen können. Kühe, die mit Steroiden vollgepumpt werden. Kälber, die kurz nach der Geburt von den Muttertieren getrennt werden, weil es die Milchwirtschaft erfordert. «Wir haben den Respekt vor den Tieren als Lebewesen verloren», sagt Daniel Schmid. »

Tiere haben Gefühle

Das Ehepaar will niemandem vorschreiben, wie es zu leben gilt. Die Schmids laden Menschen einfach auf ihren Hof ein und ermöglichen ihnen eine direkte Begegnung mit den Tieren. Um zu zeigen, dass Tiere Lebewesen sind wie du und ich, erzählt Franziska Schmid folgende Geschichte: «Als die Ziege Lila zum Tierarzt musste, reagierten die beiden Pferde Sissi und Sophie mit nervösem Durchfall. Kaum war die Ziege wieder da, freuten sie sich und sprangen herum, als wären sie auf eine neue Weide geführt worden.»

Für die Tierhaltung ist Franziska Schmid zuständig. Immer wieder staunt sie, wie weit der moderne Mensch sich von der Natur entfernt hat. «Es waren kürzlich Kinder hier, die tatsächlich nicht wussten, dass Kühe Gras fressen.» Auf dem Gnadenhof lernen sie, dass Kühe auch liebesbedürftig sind, dass sie gerne gestreichelt oder am Hals gekrault werden. Auch Franziska Schmid hat noch ein zweites Standbein. Sie arbeitet zu 80 Prozent als Praxisgehilfin in Zürich. Deshalb steht sie morgens um 4 Uhr 30 auf, putzt zuerst den Stall heraus, füllt Wasser nach und schaut, ob Klauen nachgeschnitten werden müssen und ob es allen gut geht.

Daniel Schmid ist der Gärtner und hat im Moment alle Hände voll zu tun. Im Gewächshaus, das er vor zwei Jahren baute, reifen Tomaten der unterschiedlichsten Sorten. Er ist froh, nicht mehr befürchten zu müssen, dass ihm der Hagel die ganze Ernte vernichtet wie 2012. Draussen wachsen Kohl, Broccoli, Salat, Randen, Zucchetti, Gurken, Peperoni, Kürbisse, Auberginen und Salat. Schmid arbeitet ohne jegliche Chemie. Stattdessen benutzt er selbst hergestellte Pflanzenjauche. Den Mist seiner Tiere durchmischt er mit Gartenabfällen; um die Bodenstruktur nicht kaputt zu machen, pflügt er das Feld ohne schwere Maschine. Seine Frau trainiert die Pferde, damit sie ihm dabei helfen können. «Die Arbeit ist streng, aber sie gefällt mir – und sie macht Sinn», erklärt Schmid.

Indien änderte alles

Eigentlich ist Daniel Schmid kein richtiger Bauer. Zuerst hat er Hochbauzeichner gelernt. Danach wollte er die Welt erkunden. Mit Schiff, Eisenbahn und Autobussen reiste er nach Griechenland, in die Türkei, in den Iran, nach ­Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Burma, Kambodscha, Vietnam. Insgesamt dauerte das Abenteuer 22 Monate und veränderte Schmid total. «Die gewaltige Armut in Indien hat mich zutiefst berührt», sagt er. Schmid begann die Religion der Hindus zu studieren und zu begreifen, dass jedes Lebewesen eine Seele hat. Konsequenterweise wurde er Vegetarier.

Aus Indien brachte er die Idee zurück, ein Waisenhaus zu bauen. Er holte die Matura nach und studierte Sozialwissenschaften. Dabei wurde ihm klar, dass er nicht in Indien, sondern hier etwas verändern wollte. So entstand das Projekt Gnadenhof und Gemüseanbau. ­Inzwischen leben und arbeiten die Schmids schon vier Jahre in Hunzenschwil. Obwohl sie nach gutbürgerlichem Verständnis «Exoten» sind, wurden sie von ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gut aufgenommen. Einige packen aktiv mit an.

Derzeit ist die Farm voll. Platz für neue Tiere hat es nicht, auch wenn die Nachfrage gross ist. Immer wieder erhalten die Schmids Anrufe im Sinne von: Wenn ihr das Tier nicht sofort aufnehmt, wird es getötet. «Unsere Tiere haben wir stellvertretend für alle andern», sagt Daniel Schmid, «mehr können wir gar nicht bewältigen.»

Erstellt: 14.07.2014, 07:31 Uhr

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