Der Goldküste geht das Geld aus

In den reichen Gemeinden am Zürichsee sinken die Einnahmen, und das Eigenkapital schrumpft. Jetzt bleibt etlichen Steuerparadiesen nur noch die Steuererhöhung.

Das finanzpolitische Klima an der Goldküste verdüstert sich: Überfahrt auf dem Zürichsee mit der Fähre von Meilen.

Das finanzpolitische Klima an der Goldküste verdüstert sich: Überfahrt auf dem Zürichsee mit der Fähre von Meilen. Bild: Keystone

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Noch vor wenigen Jahren waren die Gemeindekassen am Zürichsee prall gefüllt. Doch mit Verspätung hinterlässt die weltweite Finanzkrise auch an der Goldküste deutlich ihre Spuren.

So ist in den Finanzberichten aus den Gemeindehäusern, die derzeit an die Steuerzahler verschickt werden, viel von dunklen Wolken und düsteren Aussichten die Rede. Besonders dramatisch tönt es in Zumikon. Die Gemeinde ist in der Rangliste der steuergünstigsten Gemeinden von Platz eins auf Platz elf zurückgefallen, und der Abstieg geht ungebremst weiter. Im letzten Jahr haben die Zumiker zähneknirschend einer Steuererhöhung um 6 auf 82 Prozent zugestimmt. Doch das ist nicht genug, wie der Gemeinderat in seinem Bericht über die Lage der Gemeindefinanzen schreibt: «Es zeigt sich, dass durch die Steuererhöhung kaum Mehreinnahmen erzielt werden können, da das Steueraufkommen rückläufig ist.»

Eigenkapital aufgebraucht

Weil die Steuererhöhung fast unbemerkt verpufft ist, hat der Zumiker Gemeinderat die Sparschraube noch mehr ange­zogen und legt den Stimmberechtigten einen Voranschlag vor, in dem die Ausgaben von 89 auf 74 Millionen zurückgefahren werden. Doch weil auch das nicht reicht, will der Gemeinderat die Steuern nochmals um 4 Prozent erhöhen. 3 Prozent davon will der Gemeinderat brauchen, um die «notwendige Liquidität für die Deckung der laufenden Ausgaben zu schaffen». Sollten die Stimmberechtigten die Steuererhöhung Anfang Dezember ablehnen, müsste Zumikon wohl Fremdkapital aufnehmen, um das mehrfache Millionendefizit zu decken, denn: «… das liquide Eigenkapital ist zum heutigen Zeitpunkt aufgebraucht.» Gemeindeschreiber Thomas Kauflin wollte sich gestern nicht näher äussern, insbesondere wollte er nicht sagen, wo konkret gespart werden soll. Dies sei noch geheim, werde aber bald kommuniziert.

«Sehr hohe Investitionen»

«Deutlich rascher als geplant» sinkt auch das Nettovermögen in Küsnacht. Verantwortlich sind die «sehr hohen Investitionen und der Rückgang der Steuerkraft», wie der Gemeinderat schreibt. Obwohl Küsnacht in den letzten Jahren rekordhohe Grundstückgewinnsteuern von jährlich rund 22 Millionen Franken verbuchen konnte, ist das Vermögen in vier Jahren um 52 Millionen Franken gesunken. Die Konsequenz daraus: Küsnacht will den Steuerfuss auf 77 Prozent (plus 2 Prozent) erhöhen. «Damit können wir anstehende Infrastrukturprojekte ohne grössere Verschuldung realisieren», teilt Finanzvorsteherin Ursula Gross Lehmann (FDP) mit.

Vorläufig ohne Steuererhöhung will es die Nachbargemeinde Herrliberg versuchen, obwohl die Steuereinnahmen auch dort leicht rückläufig sind. Allerdings verfügt Herrliberg im Unterschied zu Zumikon noch über ein beträcht­liches Nettovermögen von 57 Millionen Franken. Wie Finanzvorstand Reto Furrer (FDP) gestern sagte, will der Gemeinderat das Vermögen bis auf rund 30 Millionen Franken abbauen, bevor die Steuern angehoben werden. Zudem hat der Gemeinderat Sparmassnahmen eingeleitet. So hat er Investitionen sistiert und den Budgetposten «soziale und kulturelle Projekte» von 500 000 auf 200 000 Franken gekürzt. Dies sei nicht besonders schlimm, da das bereitgelegte Geld für Entwicklungshilfeprojekte im In- und Ausland ohnehin nie voll ausgeschöpft worden sei.

Weniger Boni für die Manager

Furrer sieht vor allem zwei Gründe für die schrumpfenden Einnahmen an der Goldküste. Erstens seien die Managerlöhne und -boni wahrscheinlich kleiner als früher. Und zweitens registriere man in Herrliberg weniger Handänderungen. In den letzten beiden Jahren seien durch den Verkauf der Vogteiwiese und eines Grundstücks an Tennisass Roger Federer rekordhohe Gewinnsteuern in die Herrliberger Kasse gespült worden. Mit seinem Steuerfuss von 78 Prozent gehört Herrliberg nach wie vor zu den zehn steuergünstigsten Gemeinden im Kanton Zürich.

Vorerst keine Steuererhöhung soll es auch in Erlenbach, Zollikon und Meilen geben. In Meilen rechnet Finanzvorstehern Beatrix Frey-Eigenmann (FDP) sogar mit steigenden Steuereinnahmen, allerdings nur weil die gut verdienende Bevölkerung wächst und nicht, weil die Meilemer höhere Einkommen und Vermögen versteuern. Für die weitere Zukunft ist Frey-Eigenmann indes wenig optimistisch: «Im nächsten Jahr werden wir wohl über eine Steuererhöhung diskutieren müssen.» Derzeit liegt der Steuerfuss in Meilen wie in Erlenbach bei 82, in Zollikon bei 79 Prozent.

Glencore-Euphorie vorbei

Am linken Seeufer ist die Lage der Gemeindehaushalte ähnlich angespannt wie an der Goldküste. Rüschlikon zum Beispiel, das den Steuerfuss wegen Ivan Glasenbergs Glencore-Millionen bis auf 72 Prozent senken konnte, will wieder 3 Prozent mehr. Und in Thalwil plant der Gemeinderat den «Vermögensverzehr» sogar mit einer Steuererhöhung von 80 auf 85 Prozent zu stoppen.

Einzig in Horgen scheint finanzpolitisch die Sonne. Dort konnte der Gemeinderat die Einnahmeprognosen wegen neuer guter Steuerzahler um 4 Millionen Franken nach oben korrigieren. Weil auch das Eigenkapital bei satten 90 Millionen liegt, soll der Steuerfuss sogar um 3 auf 87 Prozent gesenkt werden.

Erstellt: 14.10.2014, 06:16 Uhr

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