Zürcher Gemeinden im Vergleich (2)

Der Gymigraben

Fast jeder zweite Schüler macht in Zollikon die Matur, in Höri nicht mal jeder zwanzigste. Wie lässt sich diese Kluft erklären?


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Unterschied ist gewaltig. In Zollikon absolvieren 44 Prozent aller Schülerinnen und Schüler erfolgreich die gymnasiale Reifeprüfung. In der Flughafengemeinde Höri sind es dagegen gerade mal 4 Prozent. Das erstaunt Höris Gemeindeschreiberin Melanie Trabelsi überhaupt nicht. Wegen des Fluglärms, sagt sie, würden in Höri vor allem günstige Wohnungen angeboten. Darin wohnen Menschen mit eher tiefem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau. Dies wiederum wirkt sich auf die Schulkarriere der Kinder aus. Denn der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm.

Die Redewendung trifft auch für Zollikon zu. Mit dem Unterschied, dass dort das Wohnen teuer und das elterliche Bildungsniveau hoch ist. Entsprechend machen in Zollikon viele Schüler die Matur, wie Schulpräsident Patrik Jeuch weiss. Seine eigenen Söhne absolvieren aber eine Lehre – wie bereits ihr Vater, der heute ein eigenes Architekturbüro führt.

Nicht stolz auf Spitzenplatz

Jeuch ist auch nicht sonderlich stolz auf Zollikons Spitzenplatz bei der Maturitätsquote: «Wir arbeiten nicht darauf hin, indem wir die Schüler drängen, aufs Gymnasium zu gehen.» Im Gegenteil. Immer wieder würden die Kinder darunter leiden, wenn ihre Eltern sie in die Mittelschule prügeln wollten, sagt Jeuch. Dann versuche man der Familie Alternativen aufzuzeigen. Vielen Ausländern sei nämlich nicht bewusst, dass in der Schweiz auch der Weg über die Berufsbildung sehr erfolgreich sein könne.

Stattdessen hätten sie das Gefühl, für eine Karriere müsse man studieren. Wie von der Bildungsdirektion empfohlen, bietet aber auch Zollikon Vorbereitungskurse für die Gymiprüfungen an. So soll verhindert werden, dass nur jene Schüler eine Chance haben, deren Eltern teure Lernstudios bezahlen können.

Plätze 1 bis 6 gehen an Goldküste

Nicht nur Zollikon, auch alle anderen Gemeinden an der Goldküste weisen eine hohe Maturitätsquote aus. Die ersten sechs Plätze machen sie unter sich aus. Dies zeigt eine Auswertung der kantonalen Bildungsdirektion für den «Tages-Anzeiger». Dabei verglich sie die Zahl der Maturitätsabschlüsse in den letzten sechs Jahren mit der Anzahl Personen, die in dieser Zeit 19 Jahre alt wurden. Daraus resultiert die hier publizierte Maturitätsquote.

Nicht berücksichtigt sind all jene, die ihren Mittelschulabschluss ausserhalb des Kantons Zürich machten. Auch die Eidgenössischen Maturitätsprüfungen wurden nicht miteinbezogen. Bei Gemeinden an der Kantonsgrenze kann dies zu Verzerrungen führen – vor allem ganz im Norden, wo etliche das Gymnasium in Schaffhausen besuchen. Auch kann die Quote bei kleineren Gemeinden schwanken. Denn eine Matura mehr oder weniger macht dort rasch einen Prozentpunkt aus. Bei sechs sehr kleinen Gemeinden müssen wir gar auf eine Angabe verzichten, da die geringe Schülerzahl keine sinnvolle Aussage erlaubt.

Dennoch ergibt sich ein klares Bild: Nebst dem rechten Zürichseeufer weisen vor allem Gemeinden im Knonauer Amt eine hohe Maturitätsquote aus. Auch am linken Zürichseeufer absolvieren viele erfolgreich die Reifeprüfung, während die Quote in der Flughafenregion tief ist. In der Stadt Zürich beträgt sie 20,5 Prozent.

Ausländeranteil sagt wenig aus

Wer glaubt, die Maturitätsquote verhalte sich umgekehrt proportional zum Ausländeranteil, irrt. Zollikon liegt beim Ausländeranteil im oberen Drittel der Gemeinden. Auch Kilchberg und Rüschlikon kennen trotz eines relativ hohen Ausländeranteils eine hohe Maturitätsquote. Es kommt eben darauf an, welche Ausländer in einer Gemeinde wohnen – reiche Expats oder arme Hilfsarbeiter.

Evident ist dagegen der Zusammenhang mit dem Steuerfuss: Wo dieser tief liegt, ist die Maturitätsquote in der Regel hoch. Dies wiederum hängt natürlich mit dem mittleren Einkommen der Bewohner zusammen: Steuergünstige Gemeinden ziehen gut gebildete Reiche an. Und je mehr die Eltern verdienen, desto eher machen die Kinder die Matura. Das zeigt die Statistik eindrücklich. Zollikon, Zumikon, Erlenbach, Kilchberg, Küsnacht, Herrliberg, Wettswil und Uitikon sind allesamt reiche Gemeinden.

Fast jeder Fünfte im kantonalen Schnitt

Aus der Reihe tanzen Trüllikon und Schlatt. Trotz tiefer Einkommen verzeichnen sie eine Maturitätsquote von 25,5 Prozent. Beides sind aber kleine Gemeinden, deren Wert stark schwanken kann. Auf der anderen Seite weist Lufingen trotz hoher Einkommen eine Maturitätsquote von nur 10 Prozent aus.

Im kantonalen Schnitt machen rund 18 Prozent die Matura. Gesamtschweizerisch liegt Zürich damit im Mittelfeld. In der Romandie liegt die Maturitätsquote höher, im Tessin gar bei 28,5 Prozent. Am tiefsten ist sie in St. Gallen (13,4 Prozent) und Glarus (13,1 Prozent). Dabei gehen 58 Prozent aller Maturitätszeugnisse an Frauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2014, 06:52 Uhr

Die Schweiz, das Land der Chancengleichheit? Mitnichten, wie die Analyse der Gymnasiasten-Zahlen zeigt. Gymnasiastinnen in der Westschweiz. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken.

Artikel zum Thema

Ein Drittel mehr Einwohner innert fünf Jahren

Die Zürcher Gemeinden im Vergleich (1) Pfungen und Eglisau sind in den letzten Jahren massiv gewachsen – vier Mal stärker als der Rest des Kantons. Das ist nicht ohne Folgen geblieben. Mehr...

Zürcher Gemeinden im Vergleich

Serie in sechs Folgen

Welche Zürcher Gemeinde hat die untreusten Einwohner? Welche wächst am stärksten? Und welche steht finanziell am schlechtesten da? All dies und noch mehr erfahren Sie diesen Sommer. Wir vergleichen die Daten aller Zürcher Gemeinden und zeigen, was diese Unterschiede bewirkt. (is.)

Bisher erschienene Folgen: Einwohnerwachstum 18. Juli

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Casualdating ist besser als Tinder

Noëlle war acht Monate auf Tinder. Hier verrät sie, weshalb sie die Suche nach Sex-Dates jetzt lieber über The Casual Lounge angeht.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Angestellten einer Werkstatt in Tuntou, China, fertigen Laternen in Handarbeit. Diese werden als Dekoration für das chinesische Neujahrsfest dienen, das Anfang Februar stattfindet. (Januar 2019)
(Bild: Roman Pilipey/EPA) Mehr...