Der «Islamisten-Leitwolf» reiste ins syrische Kampfgebiet

Das Bundesstrafgericht wirft dem potenziellen Drahtzieher der Winterthurer Islamistenszene vor, er habe für den IS gekämpft. Im heute veröffentlichten Entscheid werden zahlreiche Einzelheiten bekannt.

Mutmasslicher Islamist in U-Haft: S. aus Winterthur. (Foto: Facebook)

Mutmasslicher Islamist in U-Haft: S. aus Winterthur. (Foto: Facebook)

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Im Februar hat die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen einen potenziellen Drahtzieher der Winterthurer Islamistenszene eröffnet. Im Raum stand der Verdacht auf Unterstützung und Mitgliedschaft einer Terrororganisation. Aufgrund des laufenden Strafverfahrens wollte sich die Bundesanwaltschaft (BA) nicht zum Verhafteten und den konkreten Tatbeständen äussern (TA vom 23.6.16).

Jetzt wird klar: Die BA wirft ihm vor, nach Syrien gereist zu sein und sich dort an Kampfhandlungen auf der Seite des Islamischen Staats (IS) beteiligt zu haben. Zudem habe er unter anderem das Winterthurer Geschwisterpaar Alban* und Adea* verleitet, in den Nahen Osten zu reisen. Das geht aus einem Entscheid des Bundesstrafgerichts in Bellinzona vom 27. Juni 2016 hervor, der heute für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Die beiden minderjährigen Teenager waren im Dezember 2014 aus Winterthur verschwunden und wurden in Syrien vermutet. Seit Dezember 2015 sind sie zurück in der Schweiz.

Die Zürcher Strafverfolgungsbehörden führen ebenfalls ein Strafverfahren gegen den 30-jährigen Winterthurer namens S. In diesem Zusammenhang wurde er festgenommen und im Februar in Untersuchungshaft versetzt. Drei Monate später beantragte die BA, die Untersuchungshaft um weitere drei Monate zu verlängern. Der Muslim mit italienischen Wurzeln reichte Beschwerde ein – diese hat das Bundesstrafgericht nun abgewiesen.

Schwer bewaffnet und in Militärkleidung

Gemäss eigenen Angaben sei S. zum sunnitischen Islam konvertiert und hege Sympathien für den Islamischen Staat, heisst es im Entscheid. Er sei der Hauptverantwortliche des Kampfsportvereins MMA Sunna, dessen prominentestes Mitglied Kickboxweltmeister Valdet Gashi sei. MMA steht für Mixed Martial Arts, eine Form von Kampfsport. Sunna bedeutet auf Arabisch «der rechte Weg des Propheten Mohammed». Gashi verschwand nach Syrien, wo er bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sein soll.

Valdet Gashi zog 2014 in den Heiligen Krieg nach Syrien. Foto: Facebook

S. hat offenbar gestanden, ebenfalls ins syrische Kriegsgebiet, namentlich nach Aleppo, gereist zu sein und sich dort – teilweise schwer bewaffnet und in Militärkleidung – in einem Camp aufgehalten zu haben. Er habe auch in der Nacht bewaffnet Wache gehalten. Weiter gibt S. zu, Bilder von Fahnen, die der IS für sich beansprucht, zu besitzen und anderen Personen zugeschickt zu haben. Unbestritten ist zudem, dass die Ehefrau von S. ihm während seines Aufenthalts in Syrien mitteilte, er solle gesund zurückkehren oder als Märtyrer sterben. Mit Bekannten unterhielt sie sich über «sein Training» in Syrien, den Jihad und seinen möglichen Märtyrertod.

S. gibt also sehr viel zu. Er bestreitet aber, in Syrien an Kampfhandlungen teilgenommen zu haben und den IS in irgendeiner Weise unterstützt zu haben. Der Zweck seiner Reise sei «einzig die Verteilung von Hilfsgütern» gewesen. Das sei eine «reine Schutzbehauptung», schreibt das Bundesstrafgericht. Die BA habe zahlreiche Fotos sichergestellt, auf welchen er im IS-Kämpferstil posiere. Hingegen bestünden «gar keine Anhaltspunkte, wonach der Beschwerdeführer tatsächlich Hilfsgüter verteilt» habe. Laut dem Bundesstrafgericht besteht ein «dringender Tatverdacht einer Unterstützung des IS».

Geschwisterpaar an den Flughafen gefahren

Betreffend dem minderjährigen Geschwisterpaar hat S. ausgesagt, er kenne Alban und Adea, seit die beiden klein gewesen seien. Er habe mit ihnen die Moschee besucht.

Zentraler Gebetsraum in der An'Nur-Moschee in Winterthur. (Foto: Doris Fanconi)

Zudem habe Alban oft bei ihm im Kampfsportverein trainiert. Der Vater der beiden wiederum hat ausgesagt, S. habe seine Kinder für ihre Reise in die Türkei an den Flughafen gefahren. S. bestreitet das. Auch mit dem Aufenthalt der Geschwister im Kriegsgebiet habe er nichts zu tun. Laut Bundesstrafgericht wurden die beiden von ihrem Vater Ende Dezember 2014 als vermisst gemeldet. Daraufhin seien sie in die Türkei und dann in den Irak gereist. Bisher war einzig bekannt, dass sie in die Türkei flogen und von dort in Richtung Syrien verschwanden.

Für das Gericht ist nicht ersichtlich, weshalb der Vater der Teenager gegen den Beschuldigten, den er von klein auf kennt, belastende Angaben erfinden sollte. Valdet Gashi sei gemäss Medienberichten im Kampf für den IS gestorben. Sowohl er als auch Alban hätten im Club von S. trainiert. Es bestehe eine «sehr hohe Wahrscheinlichkeit», dass S. die Geschwister «zur Reise ins Gebiet des IS mitverleitet hat».

Untersuchung auf weiteres Umfeld ausgedehnt

Zum jetzigen Zeitpunkt besteht laut Bundesstrafgericht der dringende Verdacht, dass S. den Tatbestand der Unterstützung einer kriminellen Organisation erfüllt beziehungsweise gegen das sogenannte IS-Gesetz verstossen hat. Daran änderten auch die Bestreitungen nichts, die S. vorbringe. Die Untersuchungshaft sei im Weiteren zu verlängern, weil Kollusionsgefahr bestehe und die ihm vorgeworfenen Straftaten als mittelschwer einzustufen seien. Es sei nicht einzusehen, weshalb die angeordnete Untersuchungshaft unverhältnismässig sei.

Von entscheidender Bedeutung für das Gericht ist, dass die S. belastenden Beweise erst bei der Hausdurchsuchung am Tag seiner Verhaftung sichergestellt werden konnten und die Auswertung noch nicht abgeschlossen ist. Weitere Personen müssten ermittelt und einvernommen werden. Die zurzeit laufende Strafuntersuchung ist auf weitere Mitbeschuldigte aus seinem unmittelbaren Umfeld ausgedehnt worden – «wobei dem Ganzen wohl ein internationales Netzwerk zugrunde liegt», schreibt das Gericht.

Für S. gilt die Unschuldsvermutung.

* Namen der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 11:59 Uhr

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