Der Kanton Zürich will die «Irrenanstalt» abbrechen

Bis zu 170 Patienten beherbergte die ehemalige Pflegeanstalt Ober Halden in Egg. Nun soll ein Teil der Gebäude verschwinden. Dagegen wehrt sich ein Nachbar.

Er möchte die Gebäude nach und nach wieder instand stellen – der Kanton hat aber andere Pläne: Kurt Fawer.

Er möchte die Gebäude nach und nach wieder instand stellen – der Kanton hat aber andere Pläne: Kurt Fawer. Bild: Dominique Meienberg

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Einen harschen Rüffel erhält die kantonale Baudirektion von Regierungsrat Markus Kägi (SVP) in einem denkmalpflegerischen Gutachten: Sie habe bei drei Gebäuden der ehemaligen Pflegeanstalt Ober Halden in Egg «in eklatanter Weise gegen die eigenen Regeln verstossen». Nicht nur die verbindliche Unterhaltspflicht habe sie ignoriert, sondern während Jahrzehnten auch die Verpflichtung des Staats, Schutzobjekte zu erhalten. Beides ist im kantonalen Planungs- und Baugesetz vorgeschrieben.

Einige Fotos im Gutachten über die Schutzwürdigkeit der psychiatrischen Anstalt zeigen den schlechten Zustand der Gebäude: durchgebrochene Decken, morsche Holzwände, eingestürzte Treppen. Seit die psychiatrische Anstalt vor 40 Jahren aufgehoben wurde, sei jeglicher Gebäudeunterhalt vernachlässigt worden, schreibt der Gutachter. «Die daraus entstandenen Schäden, verstärkt durch Vandalentätigkeit, haben zu einem Zustand geführt, der mit desolat zurückhaltend umschrieben ist», schreibt er weiter. Sein Schluss ist klar: Er empfiehlt der Gemeinde, die drei Gebäude aus dem Inventar der Schutzobjekte der Gemeinde Egg zu entlassen. Und dem Abbruchgesuch stattzugeben.

Sicherheit geht für Kanton vor

Genau das hat der Kanton vor: Er will das ältere der beiden Patientenhäuser, das Chalet mit angebautem Betsaal und das Waschhäuschen abreissen. Noch diesen Sommer werden die Bagger auffahren, sagt Thomas Maag von der Baudirektion. Zwei Gründe gibt er an: die Sicherheit und die Lage der Gebäude in der Landwirtschaftszone. Dies schränke die Nutzung stark ein. Der Kanton werde nach dem Abriss darum nichts Neues erbauen. Er hat das gesamte Ensemble, zu dem auch ein neueres Patientenhaus und das Personalhaus gehören, 1974 von den Erben des ehemaligen Besitzers gekauft. Zum Vorwurf, der Kanton habe die Gebäude verfallen lassen, sagt Maag, dass die Baudirektion diese im Mai 2000 von der Gesundheitsdirektion übernommen habe. Die Liegenschaften hätten sich bereits damals in einem schlechten Zustand befunden.

Gegen den Abriss wehrt sich Kurt Fawer. Der knapp 80-Jährige besitzt gemeinsam mit seinem Sohn Daniel die Gärtnerei im kleinen Weiler Ober Halden. Diese ist in der Gärtnerei des ehemaligen Instituts untergebracht, die zur Selbstversorgung diente. Die Fawers hatten Gebäude und Land ab 1996 gepachtet, seit 2002 sind sie Eigentümer. Ein Teil der verwaisten Altbauten diente ihnen bis 2011 als Lagerraum.

Entstehungszeit im 17. Jahrhundert

Fawer wäre interessiert gewesen, die Gebäude zu übernehmen – im Baurecht, wie es sich der Kanton im vergangenen Herbst noch überlegt hatte. Bevor das desolate Gutachten vorgelegen war. Er liess von einem Architekten ausrechnen, dass eine Instandsetzung der drei Gebäude rund 2,5 Millionen Franken kosten würde. «Natürlich könnte ich nicht alles auf einmal machen, das wäre zu teuer. Doch ich würde Teile davon nach und nach instand stellen», sagt er. Dabei geht es ihm nicht darum, die Gärtnerei zu vergrössern. Diese erhielte benötigten Lagerraum, Garderoben und Schulungsräume.

Fragmente in einem Dachstuhl weisen auf eine Entstehungszeit im 17. Jahrhundert hin. Der Maler Heinrich Jucker, der zur Pilgermission St. Chrischona gehörte, nahm 1887 erste Patienten auf. Er baute das Bauernhaus kontinuierlich zum Pflegeheim aus. Er nannte es «Anstalt der Humanität und christlichen Barmherzigkeit», für die Bevölkerung dagegen war es die «private Irrenanstalt». Um 1906 liess er das Chalet erstellen, das laut Gutachten die zeittypischen Merkmale des «Schweizer Holzstils» aufweist. Bis zum Tod Juckers bot die Anstalt Platz für 40 «Insassen», wie sie damals genannt wurden. Sein Schwiegersohn, der Chrischona-Prediger Franz Hugo Halama, führte das Pflegeheim weiter und eröffnete 1953 das neue Bettenhaus mit 170 Pflegeplätzen. 1976 ging das Ensemble inklusive des 1962 erstellten Personalhauses an den Kanton. Das Burghölzli betrieb hier eine Aussenstation.

Uriellas Lagerräume

Auch nach dem Abzug der Psychiatrie blieb der Weiler mit Randständigen und sozialen Institutionen verbunden: Von 1995 bis 2005 befand sich in der neueren Klinik eine geschlossene Drogenstation, seit 2005 ist dort ein Durchgangszentrum für Asylsuchende. In die Erneuerung investiert der Kanton eine Million Franken. Und seit einem halben Jahr vermieten die Fawers einen grossen Teil des ehemaligen Personalhauses an die Sozialwerke von Pfarrer Sieber, der hier eine Aussenstelle des Fachspitals Sune-Egge betreibt. Und die «Wunderheilerin» Uriella soll in der alten Klinik Sachen aus Wohnungsräumungen gelagert haben, die sie an Flohmärkten weiterverkaufte.

Fawer ist vom Entscheid des Kantons enttäuscht. Er hofft trotz allem noch auf eine Lösung. Denn für ihn geht beim Abriss ein Stück Sozialgeschichte der Region verloren. Der Gutachter dagegen meint, dass der Geschichte etwas Zufälliges anhafte, auch wenn diese in sozialer, medizin- und architekturgeschichtlicher Hinsicht interessant sei. «Die Geschichte der Anstalt bleibt eine Episode, die zwar das Schicksal vieler Menschen entscheidend geprägt hat, mit der Entwicklung von Egg aber kaum etwas zu tun hat.»

Erstellt: 15.06.2013, 14:22 Uhr

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