Ein Bauchgefühl rettet keine Menschenleben

Fehlende Leitplanken, exponierte Fussgängerstreifen: Der Kanton Zürich übergeht regelmässig Sicherheitsbedenken aus der Bevölkerung – und dies aus gutem Grund.

«Die Horrorkurve»: Zehn Unfälle in den vergangenen Jahren. Für die sogenannte Horrorkurve wird seit Jahren eine Leitplanke verlangt. Die Baudirektion ist gegenteiliger Ansicht.

«Die Horrorkurve»: Zehn Unfälle in den vergangenen Jahren. Für die sogenannte Horrorkurve wird seit Jahren eine Leitplanke verlangt. Die Baudirektion ist gegenteiliger Ansicht.

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«Wir werden ständig angefeindet», sagt Regierungspräsident Markus Kägi (SVP). Beim Verkehr sei es wie beim Fussball: Jeder fühle sich als Experte und wisse, was zu tun sei. «Im Kanton Zürich leben rund 1,5 Millionen Verkehrsexperten, die es besser wissen.» Dabei würden sie eines vergessen:

«Die Kantonsstrassen werden immer sicherer.» Markus Kägi

Es war eine unerwartete Medienkonferenz, die der Vorsteher der kantonalen Baudirektion gestern Morgen abhielt. Das Thema Verkehrssicherheit ist ein Dauerbrenner. Doch im Grunde gab es nichts Neues zu verkünden. Kägis Motivation war eine andere: die Besänftigung der aufgebrachten Bevölkerung.

Das Fachwissen beim Kanton sei immens. «Wir haben die besten Leute.» Kägi verweist auf seinen Mitredner Stevan Skeledzic – «eine Koryphäe der Verkehrsplanung». Soeben sei der Leiter der Fachstelle für Sicherheit aus Deutschland zurückgekehrt. Dort habe er an einer Hochschule referiert. «Unsere Sicherheitsinstrumente sind in ganz Europa gefragt.»

Angst und Ärger

Was Experten begeistert, löst bei einem Teil der Bevölkerung Angst und Ärger aus. In den letzten Monaten häuften sich die Berichte über erzürnte Bürger und Lokalpolitiker, die sich vom Kanton übergangen fühlen. Von «fahrlässigen Sicherheitsentscheiden» ist die Rede, von «Fachidioten» und «Elfenbeintürmlern».

Die emotionalen Ausbrüche haben eine Ursache: Issi. So nennt sich die ­«Infrastruktur der Sicherheitsinstrumente», die der Bund seit gut einem Jahr zur Verfügung stellt. Zürich ist einer von acht Kantonen, die dem Ruf aus Bern bereits gefolgt sind und die komplexe, mehrstufige Sicherheitsanalyse anwenden. Unter der Leitung von Skeledzic wurden schon Dutzende Projekte umgesetzt. Bei einigen kam es zu Widerstand aus der Bevölkerung.

«Die Horrorkurve»

Am 23. Januar kurz vor Mittag fährt ein Angestellter der Gemeinde Maur mit einem Kleintransporter die Zürichstrasse in Richtung Ebmatingen. Die Strasse ist eisig, der Mann fährt mit stark reduzierter Geschwindigkeit. Die Vorsichtsmassnahme ist vergeblich: In der Kurve oberhalb des Bänkeltobels bricht das Heck des Fahrzeugs aus. Der Lenker gibt Gegensteuer, das Gefährt kommt dennoch von der Strasse ab und stürzt ins Tobel. «Ich hatte Glück und kam mit Schürfungen davon», sagt der Gemeindearbeiter.

Der Unfall ist der vorläufig letzte einer langen Serie, die sich an derselben Stelle der Kantonsstrasse ereignet hat. Schon drei Fahrzeuge landeten im Tobel. In Maur wird der Streckenabschnitt «Horrorkurve» genannt. Bevölkerung und Gemeinde verlangten schon mehrfach nach einer Leitplanke. Der Kanton erteilte dem Wunsch jedes Mal eine ­Absage. «Ich denke, es muss erst einen Toten geben, bevor gehandelt wird», sagt der Verunfallte.

Gemäss Sicherheitsexperte Skeledzic handelt es sich um einen typischen Fall von «Scheinsicherheit». Eine Leitplanke würde das Gefahrenpotenzial der Kurve nicht vermindern – im Gegenteil. Man habe die Situation genau geprüft. Eine Abschrankung hätte möglicherweise zur Folge, dass das Auto auf die Gegen­fahrbahn katapultiert wird. Entgegenkommende Fahrer würden zusätzlich gefährdet. «Das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger verlangt nach einer Leitplanke.» Das Verkehrsamt setze jedoch objektive Massstäbe an und komme zum gegenteiligen Schluss. «Ein Bauchgefühl rettet keine Menschen­leben», so Skeledzic.

Seit Issi zum Einsatz kommt, wurden schon Dutzende Instandsetzungsprojekte realisiert. Es geht dabei ums Ausmerzen typischer Sicherheitsdefizite wie ungenügende Sichtweiten, fehlende Strassenausrüstungen oder mangelhafte Signalisationen. Über die Kosten gibt der Regierungsrat keine Auskunft. Er hält jedoch fest: Weniger Unfalltote bedeuten tiefere Kosten. «Es rechnet sich, glauben Sie mir», sagt Kägi.

Dies zeigt der Verkehrsdirektor am Beispiel einer Kreuzung in Hinwil, die analysiert wurde: 13'500 Fahrzeuge passieren die Stelle pro Tag, in drei Jahren gab es elf Unfälle. Die Baudirektion geht davon aus, dass sie mit besserer Verkehrsplanung einen Unfall pro Jahr verhindern könnte. Unfallfolgekosten in der Höhe von 920'000 Franken würden eingespart. «Damit amortisieren wir die Baukosten locker», sagt Kägi.

Gefährliche Fussgängerstreifen

Solche nüchternen Kalkulationen vermögen die Bevölkerung nicht zu besänftigen. In Uetikon und Russikon etwa sorgten zwei Fussgängerstreifen für Unmut. In beiden Fällen verschob der Kanton die Streifen um einige Meter, weil es ­sicherer sei. Viele Bewohner hatten den gegenteiligen Eindruck: «Die Situation für die Bevölkerung ist eindeutig gefährlicher geworden», sagt der Russiker Wolfgang Schlumpf. Der Kanton hielt ­jedoch trotz zahlreicher Beschwerden aus der Bevölkerung an seinem Entscheid fest. Schlumpf fürchtet nun um die zahlreichen Schulkinder, die täglich den Weg passieren. «Wir fühlen uns einfach nicht ernst genommen.»

Fall Russikon: Nachdem dieser Fussgängerstreifen verschoben wurde, hagelte es Kritik aus der Bevölkerung. Er sei unübersichtlich und eine Gefahr für Schulkinder.

In Uetikon war es Hans-Peter Amrein (SVP), ehemaliger Präsident der Verkehrskommission, der sich am lautesten gegen die Verschiebung der Fussgängerstreifen zur Wehr setzte. Der Lokalpolitiker sprach bereits 2015 in der «Zürichsee-Zeitung» von einem «Verhältnisblödsinn», einer Idee, die nur von «Verwaltungsstüblern» kommen könne.

Fall Uetikon: Ein Fussgängerstreifen auf der Seestrasse wurde um 28 Meter versetzt. Das kostete 150'000 Franken. In der Bevölkerung stiess der Entscheid auf Unverständnis.

«Wir nehmen die Hinweise aus der Bevölkerung ernst», sagt Skeledzic. Wenn die Sicherheitsanalyse jedoch ein anderes Resultat ergebe, sei es fahrlässig, den Wünschen nachzukommen. Mit den Anfeindungen aus der Bevölkerung müsse man leben, sagt Kägi. Schliesslich seien sie «keine Kuschelpolitiker», sondern «Unfallverhinderer». «Es ist Zeit, dass wir die Leute über unsere erfolgreiche Arbeit aufklären», sagt Kägi.

Die Zahlen sprechen für den Kanton: 2016 gab es noch 22 Verkehrstote – so wenig wie nie. 1970 verunfallten 248 Menschen auf der Strasse tödlich. Dies, obwohl es damals dreimal weniger Fahrzeuge gab.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2017, 22:38 Uhr

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Fall Maur: Zehn Unfälle in den vergangenen Jahren. Für die sogenannte Horrorkurve wird seit Jahren eine Leitplanke verlangt. Die Baudirektion ist gegenteiliger Ansicht.

Fall Uetikon: Ein Fussgängerstreifen auf der Seestrasse wurde um 28 Meter versetzt. Das kostete 150 000 Franken. In der Bevölkerung stiess der Entscheid auf Unverständnis.

Fall Russikon: Nachdem dieser Fussgängerstreifen verschoben wurde, hagelte es Kritik aus der Bevölkerung. Er sei unübersichtlich und eine Gefahr für Schulkinder.

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