Interview

Der König des Untergrunds

Martin «Tino» Schippert brachte die Hells Angels nach Zürich. Ein Film über sein Legenden bildendes Leben und Sterben kommt am Donnerstag ins Kino. Adrian Winkler sagt, woran Tino scheiterte.

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Sie haben einen Dokumentarfilm über Tino, einen Anführer der hiesigen Rockerszene der Sechziger- und Siebzigerjahre, gedreht. Weshalb kommt dieser Film gerade jetzt heraus?
Alles begann vor zehn Jahren. Damals drehte ich einen Film über die Halbstarkenszene in Zürich und den Fotografen Karlheinz Weinberger, der sie dokumentierte. Ich war sofort fasziniert, dass es schon Anfang der Sechzigerjahre, lange vor den Studentenunruhen, eine Jugendbewegung gab, die offen gegen die Gesellschaft rebellierte. Als ich mich über das Thema weiter informierte, fiel immer wieder der Name Tino. Das war der Anfang. Da die Finanzierung des Films aber immer wieder auf wackeligen Beinen stand, dauerte es lange, bis ich ihn fertigstellen konnte. Dass er jetzt in die Kinos kommt, hat schlicht damit zu tun, dass er nun fertig geworden ist.

Tinos rebellischer Lebenswandel beginnt in der Halbstarkenszene in Zürich. Wie muss man sich die Limmatstadt Anfang der Sechziger vorstellen, gegen die diese Szene rebellierte?
Die Gesellschaft Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger war sehr restriktiv. Alles, was aus Amerika kam, wie Rock ’n’ Roll oder Jeans, war absolut verpönt. In Zürich gab es ein Halbstarkenregister, in dem 19-jährige Töffli-Gang-Buben fichiert wurden. Mädchen, die sich in diesen Kreisen bewegten, wurden in Heime abgeschoben. Die Halbstarken wehrten sich mit ihrem Äusseren dagegen, sie provozierten eine Reaktion der Gesellschaft. Es war aber eine Rebellion aus dem Bauch heraus, keine intellektuelle. Die meisten Halbstarken kamen aus einfachen Arbeiterfamilien. Tino war da eine Ausnahme.

Gegen Ende der Sechziger waren Tino und seine Lone-Star-Gang aber plötzlich auch Teil der studentischen Protestbewegung. Weshalb?
Das hatte mit einer allgemeinen Entwicklung zu tun. Plötzlich merkten verschiedene Gruppen, dass sie mit der Gesellschaft nicht einverstanden waren. Einerseits die intellektuellen Studenten, die sich schnell ideologisierten. Andererseits die Hippie-Untergrund-Bewegung, die neue Lebensmodelle suchte. Tino und seine Gang waren ein dritter Pol. Alle hatten einen gemeinsamen Feind. Hinzu kam, dass Tino, mit seinem Motorrad und seiner Rockerkluft, so etwas wie eine Symbolfigur für diesen Freiheitsdrang wurde. Auch Friedrich Dürrenmatt sah in ihm ja diesen Prototyp des Rebellen und Freiheitsliebenden. Dafür verschloss er die Augen vor den dunklen und gewalttätigen Seiten, welche die Rocker immer auch umgaben.

Anfang der Siebziger ging Tino in die USA, um von den dortigen Hells Angels die Erlaubnis für einen Schweizer Ableger einzuholen. Warum war es der Lone-Star-Gang plötzlich wichtig, Hells Angels zu sein?
Die Hells Angels waren schon damals die berühmteste Rocker-Gang der Welt. Aus Gesprächen mit seinem Bruder erfuhr ich, dass Tino es wie eine Art Beförderung ansah, dass er nun zu ihnen gehörte. Hinzu kam, dass es sich um eine weltumspannende Organisation handelt. Tino sagt ja im Film, dass er sich wünsche, dass eines Tages «Hells Angels Welt» und nicht «Switzerland» auf ihren Jacken steht. Eine weltweite Gesellschaft also, die auf Kameradschaft aufbaut.

Einige Gang-Mitglieder sagen in Ihrem Film, dass es in dieser Zeit plötzlich auch um Geld ging. Prostitution, Drogen, Einbrüche. Diese Themen streifen Sie im Film nur marginal. Haben Sie hier nicht ein zu romantisches Bild von Tino gezeichnet, also lieber den Rebellen gezeigt statt den Schläger und Kriminellen?
Ich sehe das anders. Im Film wird klar gesagt, dass Tino einen Polizisten zusammengeschlagen hatte, andere zu Prostitution und Einbrüchen animierte und auch selbst mit dabei war. Aber es ist auch nicht so einfach: Innerhalb der Gang gab es immer einzelne, die mehr kriminelle Energie hatten und andere weniger. Die meisten, auch Tino, arbeiteten ja weiterhin in regulären Jobs. Eine generelle Aussage konnte ich da nicht machen. Dass es aber eine düstere Seite gab, beschreibe ich im Film klar.

Was der Film schön zeigt: In den Siebzigern werden die hiesigen Hells zum Medienphänomen und spielen selbst in Zigarettenwerbespots mit – als räuberische Gangster auf dem Motorrad.
In meinen Augen ist dies die Tragik von Tino und der Gang. In B-Movies oder dem Werbespot zementierten sie das Image der Outlaws, der kriminellen Rocker. Man muss sich vorstellen: Ende der Sechziger waren Biker-Filme, wie «Easy Rider», en vogue, es gab in der Schweiz aber kaum jemand, der diesem Bild entsprach. Mit Tino hatten Medien und Gesellschaft nun eine Art fleischgewordenen Film. Er war eitel und zimmerte mit an seiner eigenen Legende vom grossen Rockerboss. Die Rocker waren aber zu naiv, zu erkennen, dass sie damit ein Klischee bedienten, dass ihnen selbst schliesslich schaden würde. Als es zu einer Vergewaltigung in ihrem Clublokal kam, griff die Polizei hart durch. Auch bei jenen Rockern, die daran nicht beteiligt waren.

Tino starb 1981 in Bolivien. Er war aus der Schweiz geflohen, weil er eine kurze Haftstrafe nicht absitzen wollte. Sie haben sich ihm durch die Schilderungen seiner Freunde und Verwandten genähert. Was war er für ein Mensch?
Auf jeden Fall ein Mensch mit verschiedenen Gesichtern. Ich glaube, genau deswegen konnten so unterschiedliche Menschen ihre Wünsche in ihn hineinprojizieren. Am Ende aber, so glaube ich, hatte er sich verrannt. Er hatte Heimweh, kämpfte sich aber weiterhin durch Bolivien. Ich glaube, seine Eitelkeit, sein Image des Königs des Untergrunds, machte es ihm unmöglich, sich einfach zu stellen und die paar Monate im Gefängnis freiwillig abzusitzen. Damit schaufelte er sich buchstäblich sein eigenes Grab. Am Ende hat sein Tod ja nichts Heroisches. Er ist elend verreckt, mit gerade mal 35 Jahren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2014, 18:21 Uhr

«Er war eitel und zimmerte mit an seiner eigenen Legende vom grossen Rockerboss»: Filmemacher und Journalist Adrian Winkler, drehte «Tino – Frozen Angel». (Bild: zvg)

Ab Donnerstag im Kino

Der Film über Martin «Tino» Schippert und die Gründung der Hells Angels Switzerland läuft ab Donnerstag im Arthouse Movie 2, um 18.15 Uhr.

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