Der Luxus-Porsche «sah super aus»

Das Auto-Inserat im Internet wirkte wie das perfekte Schnäppchen. Dann erlebte ein Rentner eine böse Überraschung.

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Für 65'000 Franken, nur 65'000 Franken, hatte der 32-jährige Verkäufer den Porsche 911 Turbo S auf einer Internetseite zum Verkauf ausgeschrieben. Dazu muss man wissen: Im Gegensatz zu einem 911er-Turbo, der für gut 200'000 Franken zu haben ist, muss man für einen neuen 911er-Turbo-S über 300'000 Franken hinblättern. Und da das angepriesene Auto selbst nach Meinung des Obergerichts ohne jeden Zweifel «super aussah», versprach sich der 73-jährige Tessiner ein Schnäppchen.

Für 21'300 Franken ersteigert

Bei der Besichtigung erfuhr er vom Verkäufer, das Fahrzeug habe einen Blechschaden gehabt. Der sei aber behoben. Zudem sei das Auto rundherum neu lackiert worden. Nach der Besichtigung des Autos monierte der Rentner nur noch, eine Kontrolllampe des Airbags funktioniere nicht. Der Mangel wurde umgehend behoben, und gemeinsam begaben sich Käufer und Verkäufer zum Strassenverkehrsamt Zürich, meldeten den Eigentümerwechsel und liessen den Fahrzeugausweis umschreiben.

Gleichzeitig legte der Tessiner – der deutschen Sprache nicht mächtig – dem Verkäufer ein Papier zur Unterschrift vor, auf dem ein Satz stand, der von einem wenig begabten Computerprogramm hätte stammen können: «Nicht Zwischenfälle erfordern Intervention Ausbessern des Rahmen oder Karosserie erlebt.» War sich der 32-Jährige bewusst, dass er mit seiner Unterschrift unter den nicht auf Anhieb verständlichen Satz bestätigte, dass der Porsche kein Unfallfahrzeug war, dass also keine tragenden Karosserieteile hatten ausgewechselt werden müssen? Nicht nur über diese Frage wurde später vor Gericht gestritten.

Aufgemotztes Unfallfahrzeug

Nicht zu bestreiten war immerhin: Der 32-Jährige, ein gelernter Automechaniker, hatte den Porsche vier Monate vorher im Internet für 21'300 Franken ersteigert. Aus dem Inserat der Autohilfe Zürich war hervorgegangen, dass es sich um ein Unfallfahrzeug handelt. Der Porsche war nämlich zwei Jahre zuvor in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Von der zuständigen Versicherung wurde er als Totalschaden abgeschrieben. Eine Expertise hatte ergeben, dass diverse tragende Karosserieteile hätten ausgewechselt werden müssen.

Dass er lediglich ein aufgehübschtes Unfallauto gekauft hatte, erfuhr der 73-Jährige, als er das Fahrzeug im Tessin einer spezialisierten Porsche-Garage überliess, damit es für die periodische Kontrolle im Strassenverkehrsamt vorbereitet werden konnte. Von den Fachleuten musste sich der Rentner in der Folge sagen lassen, dass er keine Chance habe, das Fahrzeug im aktuellen Zustand durch die Prüfung zu bringen. Konfrontiert mit einem Auto mit Totalschaden, wollte der Tessiner den Kaufvertrag rückgängig machen. Doch der Verkäufer war, wie es in der Anklageschrift heisst, «für ihn in keiner Weise mehr erreichbar».

Schadenersatz für den Rentner

Die Geschichte trug dem 32-Jährigen eine Anklage wegen Betrugs ein. Dass ihn das Bezirksgericht unter anderem zu einer bedingten Freiheitsstrafe von fünfzehn Monaten verurteilte, akzeptierte er nicht. Vor dem Obergericht verlangte er einen Freispruch. «Ich hoffe, dass wir am Schluss die Wahrheit haben. Dass ich das nicht getan habe, was mir vorgeworfen wird», sagte er.

Das Obergericht erlebte eine Premiere: Zum ersten Mal war die Gerichtsbank ausschliesslich mit Frauen besetzt. Sie bestätigten nach geheimer Urteilsberatung die Verurteilung des Schweizers wegen Betrugs, erhöhten die Strafe auf sechzehn Monate und verlängerten die Probezeit auf drei Jahre. Als Automechaniker habe der Beschuldigte gewusst, «was es heisst, wenn von einem Unfallauto die Rede ist». Diesen Umstand habe er dem Käufer verschwiegen. «Dass der Beschuldigte auch noch das Papier unterschrieb, dass es kein Unfallauto ist, war sogar aktiv arglistig.»

Gemäss den Beurteilungsrichtlinien des Verbandes freiberuflicher Fahrzeugsachverständiger gilt ein Auto als nicht unfallfrei, wenn ein Schaden den Umfang eines Bagatellschadens überschritten hat. Als Bagatelle gelten geringfügige Deformationen wie ein zerkratzter Kotflügel, ein leichter Rempler am Stossfänger oder kleine Lack- oder Karosserieschäden an der Fahrzeugaussenhaut.

Neben ziemlich hohen Gerichtskosten und Prozessentschädigungen müsste der 32-Jährige dem Rentner auch Schadenersatz in Höhe von 37'000 Franken bezahlen. Die Summe ergibt sich aus dem Kaufpreis von 65'000 Franken abzüglich des Wiederverkaufserlöses von 28'000 Franken. Doch der 32-Jährige wird das Geld wohl nicht zahlen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 11:03 Uhr

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