Der Mann im Hintergrund und das Schweigegeld

Beat Husi ist seit 19 Jahren Staatsschreiber. Aus den Regierungssitzungen könnte er so einiges erzählen.

Staatsschreiber Beat Husi 1995 ganz hinten rechts mit Schnauz. Damals mit ihm im Regierungsrat (von links): Verena Diener, Eric Honegger, Moritz Leuenberger, Ernst Homberger, Hans Hofmann, Ernst Buschor und Rita Fuhrer. Foto: Staatskanzlei des Kantons Zürich

Staatsschreiber Beat Husi 1995 ganz hinten rechts mit Schnauz. Damals mit ihm im Regierungsrat (von links): Verena Diener, Eric Honegger, Moritz Leuenberger, Ernst Homberger, Hans Hofmann, Ernst Buschor und Rita Fuhrer. Foto: Staatskanzlei des Kantons Zürich

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Staatsschreiber Beat Husi ist ein seltener Gast bei Kantonsratsdebatten. Gestern gab ihm die Diskussion über den Geschäftsbericht der Regierung Gelegenheit zum Besuch der Tribüne im Rathaus. Husis Staatskanzlei ist nämlich die Herausgeberin des 700 Seiten dicken Berichts. Darin listet die Regierung auf, was sie letztes Jahr «für eine lebenswerte und wirtschaftlich aussichtsreiche Zukunft» des Kantons Zürich so alles unternommen hat. Und das Parlament darf wortreich sagen, was es daran schlecht oder gut findet.

Die jährliche Debatte darüber ist eine Pflichtübung und plätscherte gestern vor sich hin. Sechs der sieben Regierungsräte sassen wie die Musterschüler auf ihren Sitzen und lauschten dem Lob und der Kritik des Parlaments. Es fehlte einzig Sozial-, Polizei- und Sportminister Mario Fehr (SP). Er befand sich noch aufder Rückreise aus Brasilien. Dort hatte der Fussballfan dieFussball-WMbesucht.

So hübsch gesittet geht es bei der Geschäftsberichtsdebatte nicht immer zu. Wie sich Staatsschreiber Husi beim Pausenkaffee erinnert, wurde er von Claudio Zanetti (SVP) auch schon für sein Machwerk laut und deutlich zum Rücktritt aufgefordert. Aber als aktueller Präsident der Geschäfts­prüfungs­kommission kann sich Zanetti im Ratssaal momentan die lauten Töne nicht leisten.

Husi ist allerdings ohnehin nicht der Mann, der sich von politischen Scharmützeln beeindrucken lässt. Seit 1995 ist er Staatsschreiber. Er begann, als Ernst Homberger (FDP) Regierungspräsident war, und Justizdirektor Moritz Leuenberger (SP) kurz vor dem Sprung in den Bundesrat stand. Mit bald zwei Jahrzehnten auf dem Staatsschreiberposten ist er das mit grossem Abstand amtsälteste Mitglied der Regierungssitzung, die immer mittwochs im Rathaus stattfindet.

+++

An diesen Regierungssitzungen darf Husi mitreden, aber nicht mitentscheiden. Er hat damit schon einige Regierungskrisen mit erlitten. Damit wäre er die ertragreichste Quelle für saftige Regierungsinterna, besser als eine Fliege an der Wand des Sitzungszimmers. Aber Husi schweigt darüber. Nicht wie ein Grab, sondern sehr beredt.

Von seinem Vorgänger Hans Roggwiller sagten die Journalisten, er beziehe keinen Lohn, sondern ein Schweigegeld. Wenigstens diesen Kalauer muss Husi sich nicht mehr anhören. Seit 1999 beschäftigt die Regierung für das Schweigen nämlich eine Regierungssprecherin. Jetzt muss Susanne Sorg die Regierung ins beste Licht rücken. Und abwimmeln, wenn diese findet, es gebe nichts zu sagen.

Beat Husi ist offiziell ein politischer Eunuch. Aber er kann in entspannteren Runden seinen wachen politischen Verstand nicht verleugnen. Dieser ist geschärft durch seine Jahre als CVP-Gemeinde­rat in Kilchberg. Und durch seine Zeit als Chefbeamter im Stadt­zürcher Gesundheitsdepartement und damit als Berater des damaligen Stadtrats und Parteifreunds Wolfgang Nigg.

Für den 61-Jährigen stellt sich bald die Frage, wie die Regierung seine Nachfolge regeln soll. Er selber findet, es wäre klug, zuerst die Wahlen im Frühling 2015 abzuwarten und dann dem Nachfolger vor der übernächsten Neuwahl genügend Zeit zum Ein­arbeiten zu geben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2014, 11:16 Uhr

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