Der Nachbar liefert die Ware

Bei Ikea einkaufen, ohne selber hinzugehen: Kunden, die ohnehin mit dem Auto nach Spreitenbach fahren, sollen die Artikel ausliefern. Ein Zürcher Start-up-Unternehmen macht es möglich.

Startete mit einem Kartoffeltaxi: Die Jungunternehmerin Stella Viktoria Schieffer.

Startete mit einem Kartoffeltaxi: Die Jungunternehmerin Stella Viktoria Schieffer. Bild: Sabina Bobst

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Die Idee von Stella Viktoria Schieffer ist simpel: Wer nach Spreitenbach zu Ikea fährt, soll künftig nicht nur den eigenen Einkauf ins Auto packen, sondern auch die Bestellungen von Leuten, die in der Nachbarschaft wohnen. Die Ware liefert er dann auf der Heimfahrt gegen ein kleines Entgelt ab. Eine Internet-Plattform bringt Transporteur und Besteller zusammen. Ersterer füllt sein Auto und erhält eine Entschädigung, Letzterer spart Zeit, weil er nicht selber ins Einrichtungshaus fahren muss. Beide profitieren.

Stella Viktoria Schieffers Idee ist keine Vision mehr: Anfang 2013 schaltet die 25-Jährige das neue Angebot auf dem Internet unter www.bringbee.ch auf. Kunden können auf der Website in einem reduzierten Ikea-Katalog mit etwa 2500 Artikeln blättern und bestellen: kleine Gegenstände wie Orchideen, Wassergläser, Kerzenständer, Lampen, Frotteetücher, Bettwäsche. Nicht bestellt werden können grosse Möbel wie Betten, Tische oder Schränke. «Dafür bietet Ikea bereits einen Lieferservice an, diesen wollen wir nicht konkurrenzieren», sagt Schieffer.

Mit Kartoffeltaxi gestartet

Erste Erfahrungen mit einem Lieferservice hat Schieffer bereits gemacht. Mit Bio-Bergkartoffeln, die der ehemalige Spitzenkoch und heutige Genusstrainer Freddy Christandl im bündnerischen Filisur kauft und bei sich im schwyzerischen Feusisberg lagert. Mit Schieffer hat er das Projekt www.kartoffeltaxi.ch lanciert: Pendler haben in diesem Herbst bereits zum zweiten Mal die Gourmetkartoffeln auf Bestellung mit ihrem Auto von Feusisberg nach Zürich gefahren.

Hinter den beiden Projekten stecken viel Arbeit und Wissen: Stella Viktoria Schieffer, die in der Nähe von Düsseldorf aufgewachsen ist, hat in den USA und an der ETH in Zürich Verkehrsplanung und Konstruktion studiert und ihre Ausbildung mit einem Master abgeschlossen. Gemeinsam mit ihrem Mitstudenten Philipp Oberender hat sie das Unternehmen Polyport GmbH gegründet. Die Philosophie – oder Schnapsidee, wie sie Schieffer nennt – dahinter war und ist heute noch: 70 Prozent der Autos, Lieferwagen und Lastwagen fahren fast leer von A nach B. Diese ungenutzten Transportkapazitäten wollen sie nutzen.

Preisgelder für die Gründung

Mit dieser Idee besuchten Schieffer und Oberender Kurse am Institut für Jungunternehmer. Zum einen, um herauszufinden, ob die Idee überhaupt etwas taugt. Zum andern wollten sie lernen, wie man ein Unternehmen gründet und einen Businessplan schreibt. Denn dieses Wissen bekamen sie an der ETH nicht vermittelt.

Schieffer und Oberender beteiligten sich erfolgreich an Wettbewerben für Start-up-Unternehmen wie dem Axa Innovation Award, Venture Kick oder Hub Zurich Fellowship. Bei Letzterem bekamen sie zwar nur den Runner-up Award, konnten damit aber ein Jahr gratis Arbeitsplätze und Sitzungszimmer in diesem Netzwerk für Jungunternehmer in den Zürcher Viaduktbögen nutzen. «Von da an ging es wie in einer Kettenreaktion weiter», sagt Schieffer. Vom Hub Zurich und vom WWF erhielten sie Mentoren zur Seite gestellt. Der WWF stellte für die beiden den Kontakt zum Nachhaltigkeitsbeauftragten von Ikea her. Die Preisgelder flossen vorab in die Firmengründung.

Transportservice für jegliche Gegenstände

Schieffer zeigt sich überzeugt, dass das Pilotprojekt mit dem Zürcher Einrichtungshaus klappen wird. In einem nächsten Schritt will sie weitere Ikea-Filialen aktiv einbinden.

Bei Christandls Kartoffeln und den Artikeln von Ikea soll es aber nicht bleiben. Schieffer will ihre Vision weiterverfolgen: ein Transportservice für jegliche Gegenstände. Potenzial sieht sie vor allem für städtische Kleinlogistik auf den stark befahrenen Pendlerstrecken zwischen den grossen Zentren Zürich, Basel und Bern. Und bei Firmen, die ohnehin schon über das Internet funktionieren – wie etwa Auktionsplattformen.

Mit 25 Jahren hat das Energiebündel Schieffer bereits viel erreicht: Sie ist Geschäftsleiterin eines innovativen, mehrfach ausgezeichneten Unternehmens. «Lange Zeit dachte ich, ich würde in die Forschung gehen und als Doktor Professor an einer Universität landen», sagt sie. Sie habe aber gemerkt, dass sie zu viele Ideen in sich trage, die sie verwirklichen wolle – in der Privatwirtschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2012, 07:51 Uhr

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