«Der Numerus clausus ist eine unsinnige Idee»

Die SVP will die Anzahl Studierender in den Geisteswissenschaften halbieren. Ein prominenter Freisinniger unterstützt den Plan – viele seiner Parteikollegen widersprechen.

Kaffeepause im Lichthof der Universität Zürich: Wenn es nach der SVP geht, tun das bald nur noch halb so viele Geisteswissenschaftler.

Kaffeepause im Lichthof der Universität Zürich: Wenn es nach der SVP geht, tun das bald nur noch halb so viele Geisteswissenschaftler. Bild: Reto Oeschger

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Wenn viele Studierende Fächer mit schlechten Berufsaussichten wählen, soll der Staat dann eingreifen oder nicht? Um diese Grundsatzfrage dreht sich eine aktuelle Debatte in der Bildungspolitik, angestossen von der SVP.

Die SVP will die Anzahl Studierender in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit einem Numerus clausus halbieren. Dafür arbeitet sie an einem Vorstoss, der die Beschränkung der Zulassung zu diesen Fächern fordert. Und sie will vom Bund Zahlen, die die Nachfrage nach Ethnologen, Soziologinnen und Germanisten in der Privatwirtschaft aufzeigen.

Unterstützung für ihr Anliegen findet sie überraschend beim Zürcher FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann. Für ihn ist mehr Lenkung durch den Staat bei der Studienwahl nicht abwegig. «Es gibt kein unbegrenztes Recht auf Selbstverwirklichung. Wenn die Öffentlichkeit das Studium finanziert, hat sie auch ein Recht, dass etwas zurückkommt, zum Beispiel in Form von Steuern.»

Um sicherzustellen, dass Studierende ein Fach wählen, für das sie geeignet sind, wünscht sich Portmann einen «Numerus clausus light»: an den Fachhochschulen durch Eintrittsprüfungen, an den Universitäten indirekt durch eine bessere Vorbereitung auf die Studienwahl an den Mittelschulen.

Lieber höhere Studiengebühren

Portmanns Parteikollegen in der Zürcher FDP hingegen halten nichts von der SVP-Idee, wie eine Kurzumfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet ergab. Beat Walti, Präsident der FDP Kanton Zürich, sagt: «Ein Numerus clausus ist ein rüder regulatorischer Eingriff, das entspricht nicht meinem liberalen Weltbild.»

Weil ein Studium in der Schweiz vergleichsweise günstig sei, wählten viele Studierende Studienfächer, ohne sich mit den späteren Berufsperspektiven auseinanderzusetzen. «Die Universitäten sollten die Studierendenzahlen selber mehr steuern. Statt eines Numerus clausus sehe ich etwa höhere Studiengebühren und verschärfte Selektion während des Studiums,» sagt Walti.

Studienberatung verbessern

Auch Sabine Wettstein, FDP-Kantonsrätin und Bildungspolitikerin, findet klare Worte: «Ein Numerus clausus in den Geisteswissenschaften ist eine unsinnige Idee. Man soll das studieren können, was man will.» Studierende, die ihr Fach erfolgreich abschliessen würden, seien sowieso nicht das Problem. Für solche, die ihr Studium abbrechen oder mehrmals wechseln, möchte Wettstein eine bessere Studienberatung. «Schon in der Mittelschule sollte besser über die Berufsaussichten informiert werden.»

Im Februar hatte die Zürcher FDP im Kantonsrat 20 Vorstösse zum Thema Bildung eingereicht. Unter anderem forderte sie die Abschaffung des Numerus clausus in der Humanmedizin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.03.2015, 16:49 Uhr

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