Der SVPler, der Mörgeli als Despot bezeichnete, tritt ab

Der 68-jährige Toni Bortoluzzi wird im Herbst nicht mehr für den Nationalrat kandidieren. Der profilierte Gesundheitspolitiker scheute sich nicht, in der eigenen Partei anzuecken.

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33 Jahre lang vertrat er die SVP als gewählter Politiker, davon ein knappes Vierteljahrhundert im Nationalrat: Toni Bortoluzzi tritt im Oktober nicht mehr zu den Nationalratswahlen an, wie der 68-Jährige in der neusten Ausgabe des «Anzeigers aus dem Bezirk Affoltern» sagt. Ein Brief mit dem entsprechenden Inhalt sollte heute in der SVP-Zentrale ankommen.

Der Schritt Bortoluzzis kommt nicht ganz unerwartet, auch wenn sich das Polit-Urgestein Anfang Jahr noch leicht anders verlauten liess. Aufgrund seines Alters über 65 müsste er im Vorstand der kantonalen Partei eine Zweidrittelmehrheit erhalten, um nochmals kandidieren zu dürfen. Und diese würde er nach zahlreichen internen Auseinandersetzungen wohl kaum erhalten.

Halber Parteiaustritt nach Krach

Es ist ein politisches Schwergewicht, das die nationale Politik verlässt. In Bern verschaffte sich Toni Bortoluzzi als Gesundheitspolitiker Respekt auf allen Seiten, viele auch ausserhalb der Partei bezeichnen ihn als «gmögigen» Typen. Eines «seiner» Themen hat 2012 allerdings auch für Krach in der SVP gesorgt. So hatte er sich stark für die Managed-Care-Vorlage engagiert und dieser im Nationalrat wie der eigenen Fraktion zum Durchbruch verholfen.

Doch innerhalb der Partei bildete sich darauf überraschend Widerstand. Als an der Delegiertenversammlung (DV) der kantonalen SVP die Ja-Parole beschlossen werden sollte, schafften es Gregor Rutz und Christoph Mörgeli, die Delegierten umzustimmen – was bei Bortoluzzi hörbar zu einer grösseren Verstimmung führte. Er sagte «Ich bin ein Elefant, ich bin nachtragend, man hat mich verletzt», bezeichnete Mörgeli als «Despot» und trat als Aktivmitglied aus der kantonalen Partei aus. Die Parteibeiträge gingen an seine Lokalsektion in Affoltern am Albis. Christoph Blocher musste vermitteln. Trotzdem kündigte Bortoluzzi an, die Legislatur zu beenden statt – wie vorgesehen – vorzeitig zurückzutreten. Auf dem ersten Ersatzplatz wartete Gregor Rutz auf seinen Einsatz in Bern.

Schwule und Lesben beleidigt

Toni Bortoluzzi gilt als einer der konservativsten SVP-Politiker. Trotz italienischer Eltern steht Bortoluzzi für eine äusserst restriktive Ausländerpolitik. Auch in gesellschaftlichen Fragen ist er ein Hardliner. So ist er Präsident des umstrittenen Vereins «Jugend ohne Drogen», der gegen die auf Schadensbegrenzung ausgerichtete Drogenpolitik wettert.

Bortoluzzi liess sich auch zu einigen mehr als zweifelhaften Sprüchen hinreissen. Schwule und Lesben bezeichnete er als «Fehlgeleitete» mit «unnatürlichem» Verhalten. Gleichgeschlechtliche Paare hätten «einen Hirnlappen, der verkehrt läuft», sagte er.

Letztes Jahr kündigte er an, er trete nicht vorzeitig zurück, da mit der damals 37-jährigen Kantonsrätin Barbara Steinemann eine junge Frau und Juristin nachfolgen würde (Rutz war inzwischen für Bruno Zuppinger nachgerückt). «Sie ist keine ideale Vertreterin der Frauen», meinte Bortoluzzi. Steinemanns Reaktion an seine Adresse: «Solche Leute brauchen wir nicht.» Und die gleichaltrige SVP-Nationalrätin Natalie Rickli meinte: «Die neusten Aussagen von Bortoluzzi sind einfach nur noch peinlich. Es reicht.» Kantonsrat Claudio Zanetti doppelte nach: «Das ist Altersstarrsinn. Jetzt muss die Parteileitung aktiv werden.»

Von der Partei fallengelassen

Bortoluzzi hatte ohnehin nicht nur gefreute Erlebnisse mit der eigenen Partei. 2005 sollte er die Nachfolge des Zürcher SVP-Regierungsrats Christian Huber antreten, der das Amt aus Ärger über die SVP-«Rennleitung» quittiert hatte. Doch im ersten Gang der Ersatzwahl erzielte CVP-Herausforderer Hans Hollenstein das viel bessere Resultat. Bortoluzzi wurde nicht einmal seiner Gemeinde und seinem Bezirk Affoltern gewählt. Unvergessen bleibt für Beobachter, wie Bortoluzzi im kantonalen Wahlzentrum von den eigenen Leuten allein- und fallengelassen wurde. Kurz darauf zog er seine Kandidatur zurück. Seinem Ersatzmann gelang die Wahl allerdings noch weniger.

Toni Bortoluzzi musste auch einmal vor Gericht antraben. Das hatte aber nichts mit seinen Sprüchen zu tun. Einmal lieh er einem serbischen Kollegen sein Sackmesser, damit dieser einen Pneu von Erwin Kesslers Auto aufschlitzen konnte. Der militante Tierschützer hatte kurz zuvor einen «Tierquälerei»-Kleber an den Forellenkasten von Bortoluzzis Stammbeiz angebracht, worauf dessen am Steuer sitzende Begleiterin auf der Flucht zwei Personen anfuhr. Er habe Kessler an der Fahrerflucht hindern wollen, sagte Bortoluzzi und wurde freigesprochen.

Sprengkandidat gegen Calmy-Rey

Schreiner Bortoluzzi politisierte so ziemlich in allen Chargen. Von 1982 bis 1998 war er im Gemeinderat von Affoltern am Albis, davon zwölf Jahre als Gemeindepräsident. Im Zürcher Kantonsrat sass er von 1984 bis 1991, als er in den Nationalrat gewählt wurde.

Bei den Bundesratswahlen 2002 kandidierte er erfolglos als Sprengkandidat der SVP gegen Micheline Calmy-Rey, designierte Nachfolgerin von Ruth Dreifuss. In diesem Zusammenhang fand Bortoluzzi sogar Eingang in ein vulgäres Gedicht des damaligen Walliser Grossrats Oskar Freysinger, das dieser an einer DV der SVP Schweiz unwidersprochen vortrug und für einen ordentlichen Skandal sorgte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.04.2015, 07:09 Uhr

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