Der Schönwetterpolitiker

Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) führt seine Direktion wie ein Fussballtrainer. Sein Ziel ist der Sieg, und die Bilanz ist gut. Für den Erfolg setzt er einiges aufs Spiel, auch das Vertrauen der eigenen Wählerbasis.

Präsentiert seine Erfolge sehr gerne; gibt es weniger Erfolgreiches zu vermelden, zieht er sich auch mal zurück: SP-Regierungsrat Mario Fehr in seinem Büro. Foto: Doris Fanconi

Präsentiert seine Erfolge sehr gerne; gibt es weniger Erfolgreiches zu vermelden, zieht er sich auch mal zurück: SP-Regierungsrat Mario Fehr in seinem Büro. Foto: Doris Fanconi

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Auf dem Fenstersims in Mario Fehrs Büro liegt eine «Tages-Anzeiger»-Karikatur. Sie zeigt die Kandidaten der letzten Regierungsratswahlen – aufgereiht nach Wahlresultat. Auf dem höchsten Sockel steht Mario Fehr. Er schaffte, was vor ihm kaum einem gelungen ist, schon gar nicht einem Sozialdemokraten: Er machte auf Anhieb mehr Stimmen als alle anderen. Fehr profitierte dabei von seinem hohen Bekanntheitsgrad, den er als Nationalrat und vor allem als Talkgast bei TeleZüri genoss.

Nun stehen wieder Wahlen an, und die TA-Karikatur auf dem Sims stimmt Mario Fehr zuversichtlich. Er werde wieder einen Podestplatz erreichen. Bei TeleZüri ist Fehr nur noch selten aufgetreten, weil er «als Regierungsrat nicht medial herausstechen will». Er habe mit seiner Arbeit gepunktet. In den letzten vier Jahren habe er alle seine Vorlagen im Kantonsrat durchgebracht und vor dem Volk keine Abstimmung verloren.

Im Problemfall unsichtbar

In der Tat, Sicherheits- und Polizeidirektor Mario Fehr ist in den letzten Jahren auffällig unauffällig geblieben. Negativschlagzeilen? Fehlanzeige. Unter Fehr hat die Kantonspolizei erstmals seit langem Vollbestand erreicht, die Kriminalität ist gesunken. Im Migrationsamt, das unter Hans Hollenstein (CVP) wegen Schlampereivorwürfen und wegen einer Pornobilder-Affäre durchgeschüttelt worden war, ist Ruhe eingekehrt.

Weniger ruhig war es in der Sozialpolitik. Skandalmeldungen gab es hier zuhauf. Die Skos-Richtlinien stehen unter Beschuss. Der Fall Hagenbuch beschäftigte die Medien wochenlang. Doch die Angriffe trafen nicht den zuständigen Regierungsrat Mario Fehr. Geschickt duckte er sich weg, war nicht zu sprechen, schob Verantwortung auf die Gemeinden, auf die Stadt, auf den Bund.

Ganz anders, wenn es Positives zu kommentieren gab. Die Sozialhilfequote ist stabil: Mario Fehr führt das auf seine verlässliche Sozialpolitik zurück. Ähnliches in der Asylpolitik: Durch sein Verhandlungsgeschick in Bern müsse Zürich heute weniger Asylbewerber aufnehmen, teilte er mit. Als in Zürich die Wogen wegen des neuen nationalen Asylzentrums Juch hochgingen, war Mario Fehr aber nicht zu sprechen.

Auf allen Kanälen präsent

Im Abstimmungskampf zum neuen Hooligan-Konkordat war Fehrs Strategie ähnlich. Am Anfang war er auf allen Kanälen präsent, anerbot sich als Interviewpartner, hielt Pressekonferenzen ab. Mit geschicktem Lobbying und dem Versprechen, die verschärften Massnahmen gegen gewalttätige Fussballfans mit Augenmass anzuwenden, brachte Fehr sogar die Präsidenten der Zürcher Fussballclubs dazu, für das Konkordat einzustehen. Sein Konzept ging auf: Es gab 85 Prozent Ja-Stimmen zum Konkordat.

Nach dem Sieg zog sich Fehr subito zurück. Gerne hätten die Medien etwa gewusst, wo das Augenmass geblieben war, als dem FCZ kurz darauf wegen des neuen Hooligan-Konkordats scharfe Auflagen für ein Freundschaftsspiel gegen den FC Biel gemacht wurden. Doch Fehr war unabkömmlich, überliess die Kommunikation Stadtpolizeisprecher Mario Cortesi. Das Spiel FCZ gegen Biel wurde abgesagt. Auch die TA-Anfrage zu den neusten FCZ-Krawallen blieb unbeantwortet. Fehr begründet sein Verhalten so: «Wer in der Politik etwas erreichen will, muss im richtigen Moment auch mal schweigen können.»

Diese Art der Kommunikation mag erfolgreich sein, aber gut kommt sie nicht immer an. Barbara Steinemann (SVP), Präsidentin der kantonsrätlichen Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit, sagt: «Fehr ist ein Freund der wohlklingenden Worthülsen.» Er wolle immer gut dastehen. Steinemann lobt den Sicherheitsdirektor allerdings auch. Er sei stets gut informiert und vorbereitet. Zudem fehle er praktisch nie.

Kindisch und unsouverän

Auch FDP-Fraktionschef Thomas Vogel beschreibt Fehr als fachlich guten Sicherheitsdirektor. Fehr sei ein hartnäckiger Lobbyist. Das stimmt, kein anderer führt im Rathaus so viele Gespräche mit Parlamentariern wie er. Bei seinem Lobbying schreckt Fehr auch nicht davor zurück, die Leute zu Unzeiten mit Anrufen zu belästigen. Als nervtötend wurde er schon beschrieben. Vogel bezeichnet diese Hartnäckigkeit teils als unsouverän und leicht kindisch.

Mario Fehr erträgt keine Niederlage. Um ein Sieger zu sein, ist er als Sozialdemokrat auf seine Gegner angewiesen und darum zu weitreichenden Kompromissen bereit. Das räumt Fehr mit gewissem Stolz ein: «Für die Sache gehe ich wechselnde Koalitionen ein.» Bei Thomas Vogel kommt das so an: «Mario Fehr führt seine Direktion durchaus in bürgerlichem Sinn. Manchmal frage ich mich, wo in ihm der Linke steckt.» Mario Fehr ist nicht nur ein rhetorisch beschlagener Taktierer, sondern auch ein Rechner. Da es im bürgerlichen Lager am meisten Stimmen zu holen gibt, ist ihm ein gutes Einvernehmen mit der SVP wichtig. Dass ihm die Jungen Grünen deswegen die Gefolgschaft kündigten, nimmt er gelassen. Er werde die Ausfälle mehr als kompensieren. Und sein Werben um die Gunst der Bürgerlichen hat mindestens im Regierungsrat Erfolg. Ernst Stocker (SVP) würde Fehr sogar auf eine einsame Insel mitnehmen, wie er im TA-Wahlporträt preisgab.

Mit Gewehr und Gegnern

Was und wer ihm wichtig ist, sieht man auch in der Galerie seiner Homepage. Er ist zu sehen mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi (SVP), mit Stadtrat Andres Türler (FDP) mit Ernst Stocker (SVP) und mehrfach mit dem Dalai Lama. Weiter sieht man Fehr mit Gewehr, Soldaten und Polizisten. Kein Bild zeigt ihn hingegen mit Wahlkampfpartnerin Jacqueline Fehr.

Für Mario Fehr ist klar: Die Wiederwahl ist für ihn Formsache. Ein Wechsel in eine andere Direktion schliesst er aus. «Ich bleibe Polizeidirektor.» Das hat für Fussballfan Fehr den Vorteil, dass er als Sportminister auch künftig in offizieller Mission in den VIP-Logen der Stadien Platz nehmen kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2015, 20:18 Uhr

Mario Fehr

Politiker mit reicher Erfahrung

Mario Fehr ist 1958 in Zürich geboren. Mit neun Jahren ist er mit seiner Familie nach Adliswil gezogen und dort aufgewachsen. Dort war er 15 Jahre lang im Stadtrat. Obwohl er heute mit seiner Frau wieder in Zürich lebt, fühlt er sich bis heute als Adliswiler. 1991 wurde Fehr für die Sozialdemokraten in den Kantonsrat gewählt. 1999 schaffte er den Sprung in den Nationalrat, dem er bis 2011 angehörte. Dort war er unter anderem Präsident der Gruppe für Tibet. 2011 wurde Fehr Regierungsrat. Er hat an der Uni Zürich Rechtswissenschaften studiert. Nach dem Lizenziat arbeitete er fünf Jahre im Jugendstrafvollzug in Uitikon – erst als Erzieher, dann als Leiter der dortigen Berufsschule. Von 1992 bis 2008 war er Lehrer an der Technischen Berufsschule Zürich. (sch)

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?
Dass sie zum Islam gehört. Und dass sie diese Religion eher fundamentalistisch auslegt. Frauen mit Burkas habe ich vor allem im Ausland gesehen, etwa im Osten Londons. Aber auch als Touristinnen an der Bahnhofstrasse.

Wann sind Sie geizig?
Eigentlich nie, ich bin eher ein grosszügiger Mensch.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?
Nein. Aber einem Strassenmusiker gebe ich etwas, auch wenn mir die Musik nicht gefallen sollte. Ich unterstütze gerne und grosszügig Leute, die sich anstrengen, um aus einer misslichen Situation herauszufinden.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
 Ja, weil sie genauso gute Eltern sein können wie heterosexuelle Paare. Als Nationalrat habe ich in Bern einen Vorstoss für die Stiefkindadoption eingereicht.

Haben Sie eine Ferienwohnung, wenn ja, wo?
Nein. Ich habe überhaupt keine eigene Wohnung, kein Haus und kein Auto.

Möchten Sie selbst bestimmen können, wann Sie sterben?
 Ja. Ich habe keine Angst vor dem Tod, habe aber Angst, am Schluss unnötig leiden zu müssen. Ich fühle mich derzeit aber kerngesund und denke nicht sehr viel an den Tod.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?
Wenn ich einmal nicht die volle Wahrheit sage, dann ausschliesslich zum Wohl unseres Kantons.

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