Der Schutzengel der Dementen

Immer wieder kommen Demenzkranke nicht nach Hause, weil sie sich verirrt haben. Nun rät das Rote Kreuz St. Gallen, einen GPS-Sender zu tragen, und bietet einen Ortungsdienst an. In Zürich ist man skeptisch.

Die St. Galler Ableger des Roten Kreuzes, der Alzheimervereinigung und der Pro Senectute lancieren im Verbund mit der Kantonspolizei eine Uhr mit GPS-Sender: Ein Senior unterwegs.

Die St. Galler Ableger des Roten Kreuzes, der Alzheimervereinigung und der Pro Senectute lancieren im Verbund mit der Kantonspolizei eine Uhr mit GPS-Sender: Ein Senior unterwegs. Bild: Keystone

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Der 85-jährige Mann geht täglich im Wald spazieren. Gewöhnlich kommt der leicht Demenzkranke nach einer Stunde zurück. An diesem Tag aber nicht. Seine Frau macht sich Sorgen. Sie sucht ihn auf dem gewohnten Weg – vergeblich. Es ist ein kalter Dezembertag, es schneit, der Mann droht zu erfrieren. Nach drei Stunden meldet sich die Frau bei der Polizei. Diese schickt zunächst Beamte mit Spürhunden in den Wald. Ohne Erfolg. Es wird Nacht. Ein Helikopter mit Wärmebildkamera kommt zum Einsatz. Die Polizei findet den durchfrorenen Mann fünf Kilometer vom Wald entfernt.

Dieser fiktive Fall zeigt die Problematik, die sich vielen stellt, die mit Dementen zu tun haben. Im Kanton Zürich werden jährlich Dutzende Demente vermisst. In 15 bis 20 Fällen wird die Polizei zu Hilfe gerufen. Manchmal kommt tatsächlich der Helikopter zum Einsatz, bestätigt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich. Das sei aber selten. Das letzte Mal geschah dies im Januar 2013.

«Ein gutes Gefühl»

Die St. Galler Ableger des Roten Kreuzes, der Alzheimervereinigung und der Pro Senectute wollen im Verbund mit der Kantonspolizei St. Gallen Abhilfe schaffen. Sie lancieren eine Uhr mit GPS-Sender. Diese kommt ans Handgelenk eines Dementen oder wird etwa am Gürtel befestigt. Der Verschluss ist sicher.

Die Uhr hat verschiedene Funktionen. So kann der Träger einen roten Notrufknopf betätigen, worauf das Gerät automatisch vorgegebene Telefonnummern wählt. Auch kann auf die Uhr angerufen und der Lautsprecher aktiviert werden, um dem Dementen Ratschläge oder Aufforderungen zu geben wie «Bleiben Sie auf der Bank sitzen, bis wir kommen». Die Art der Kontaktaufnahme kann eine demente Person aber überfordern. Deshalb hat die Uhr auch einen Peilsender. Wird eine Person vermisst, wählt ein Angehöriger die Notrufnummer des Roten Kreuzes. Dessen 24-Stunden-Zentrale lokalisiert die Uhr, Angehörige oder Nachbarn werden zur vermissten Person gelotst. Ist die Suche komplizierter, wird die Polizei benachrichtigt.

800 Franken im Jahr

Die Uhr wird heute Dienstagnachmittag mit Slogans wie «Immer da. Wie ein Schutzengel» oder «Ein gutes Gefühl. Für Sie als Angehörige» in St. Gallen präsentiert. Das Angebot startet im Januar 2015. Der Preis ist noch nicht genau definiert, erklärt Urs Gamper vom Roten Kreuz St. Gallen. «Die Miete wird sich auf circa 60 bis 75 Franken im Monat belaufen.» Zur Diskussion stehe auch ein abgestufter Preis. Schlecht Situierte zahlen weniger als Gutbetuchte. Der Ortungsdienst soll Betroffenen wie Angehörigen Sicherheit vermitteln und richtet sich laut Gamper eher an Personen, die noch zu Hause leben, als an Pflegeheime.

Manche Heime haben ohnehin bereits eigene GPS-Systeme oder Warnsysteme. Beim umstrittenen Geofencing etwa wird der Alarm ausgelöst, wenn sich ein Dementer ausserhalb eines definierten Gebiets bewegt. Im englischen Sussex hat die Ankündigung, Demenzkranke mit GPS aufzuspüren, zu einem Sturm der Entrüstung geführt. Rentnervereinigungen sprachen von «barbarischen» Methoden und befürchteten, dass Demente stigmatisiert und wie Straftäter behandelt würden. Auch ein dänisches Projekt, Obdachlose mit GPS auszurüsten und von der Sozialbehörde überwachen zu lassen, ist hart kritisiert worden.

Warnung vor der «Kontrollitis»

Hier ist die Kritik etwas leiser. Franjo Ambroz, Geschäftsleiter von Pro Senectute Zürich, warnt dennoch vor einer «Kontrollitis». Auch stellten sich Fragen der Ethik und der Würde, findet Ambroz. Auf der anderen Seite hat er Verständnis für das Bedürfnis nach Sicherheit. Käme das Projekt nach Zürich, würde er es prüfen, sagt er.

Interessiert reagiert Ulrich Bernhard, Geschäftsführer der Alzheimervereinigung Kanton Zürich. Diese empfehle grundsätzlich solche GPS-Ortungen oder auch Trackingsysteme, sagt er. Der Entscheid müsse aber bei der betroffenen Person oder den Angehörigen bleiben. Ein derartiges Ortungssystem müsse schweizweit eingeführt werden und nicht lokal begrenzt sein, fordert Bernhard. Das Rote Kreuz Kanton Zürich wiederum gibt sich zurückhaltend. «Wir warten die ersten Erfahrungen in St. Gallen ab», sagt Kommunikationschefin Romy Bohnenblust.

Polizei: Heikles Thema

Ambivalent reagieren die Polizeien. «Es ist ein heikles Thema», räumt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich ein. Einerseits habe eine erwachsene Person schlichtweg «das Recht zu verschwinden». Anderseits sei es grundsätzlich positiv, wenn jemand dank eines Peilsenders schneller gefunden wird. «Die GPS-Uhr wäre auf den ersten Blick also verlockend und würde der Polizei die Arbeit erleichtern», so Cortesi. Doch auf den zweiten Blick stellten sich Fragen des Persönlichkeits- und des Datenschutzes. Wer sagt, ob eine Person dement ist? Und wer bestimmt, ob eine Person eine derartige Uhr tragen muss? «Sicher nicht die Polizei», schliesst Cortesi.

Ähnlich äussert sich Stefan Oberlin von der Kantonspolizei Zürich. «Im Einzelfall mag diese Technik hilfreich sein. Dabei darf aber der Datenschutz nicht vergessen gehen.» Letztlich müssten dies die Betroffenen und deren Familien klären.

Was sagt der Datenschützer?

Aus datenschützerischer Sicht stellt der Einsatz der GPS-Uhr einen Eingriff in die Persönlichkeit der georteten Personen dar. Um diesen zu rechtfertigen, ist für gewöhnlich deren Einwilligung erforderlich, erklärt Francis Meier, Sprecher des eidgenössischen Datenbeauftragten (Edöb).

«Bei Demenzkranken oder Alzheimerpatienten ist es allerdings schwierig, zu beurteilen, inwieweit diese noch urteilsfähig sind.» Werden die betroffenen Personen gegen ihren ausdrücklichen Willen verpflichtet, die GPS-Uhr zu tragen, wäre dies heikel. Was den Anbieter des Dienstes betrifft, sei es wichtig, dass die Sicherheit der Daten gewährleistet werde und Unbefugte keinen Zugriff erhielten, ergänzt Meier.

Erstellt: 25.11.2014, 10:49 Uhr

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Uhr mit GPS-Sender – speziell entwickelt für Demenzkranke. (Bild: PD)

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