Der Spötter

Ein Stadtspaziergang mit Autor Thomas Haemmerli, der einen Film über das verdichtete Wohnen gedreht hat. Mit ihm selber in der Hauptrolle. Denn wo Haemmerli draufsteht, ist Haemmerli drin.

Trailer zum Film «Die Gentrifizierung bin ich». Video: Youtube/Filmcoopi Zürich


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Er wirkt ruhiger als erwartet. Er hört besser zu als befürchtet. Seine Neugierde ist noch grösser als seine Eitelkeit. Auch fällt er einem weniger auf die Nerven, als man sich das vorgestellt hat. Thomas Haemmerli war einem als Narzisst beschrieben worden, der den Monolog dem Gespräch, die Inszenierung der Begegnung und das Senden dem Empfangen vorzieht, eine manische Ich-AG, die unabhängig von der jeweiligen Tätigkeit in einer permanenten Selbstdarstellung rotiert. Ob er denn nie genug von sich bekomme, fragt man ihn als Erstes. Er lacht.

Reicher Erbe, arme Städte

Spaziergang mit einem autodidaktischen Urbanisten vom Kreis 4 in den Kreis 3. Haemmerli hat sich als Journalist, Kolumnist, freier Texter, Werber, politischer Aktionist, Künstler, Hausbesetzer, Guerilla-Sympathisant und Regisseur betätigt. Ein linksliberaler Millionär dank väterlichem Erbe, den es in grosse Städte zieht, wo er auch gewohnt hat: Mexiko-Stadt, Saigon, São Paulo. Jetzt lebt er mit Freundin Ana und seinen zwei Kindern in Wiedikon, hat dort eine Wohnung gekauft.

Trailer zu Thomas Haemmerlis «Sieben Mulden und eine Leiche». Video: Youtube/Haemmerli

Thomas Haemmerlis Film «Sieben Mulden und eine Leiche» porträtierte auf makabre und doch berührende Art seine Mutter, die in ihrer vollgemüllten Wohnung tot aufgefunden worden war. «Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings» heisst sein neuer, ebenso wenig subtil betitelter Film, der ein paar seiner Lieblingsthemen versammelt: das Reisen, das Wohnen, die Stadt. Und der Haemmerli. Immer wieder er. Er ist fast der Einzige, der in seinem Film redet. Aus dem Off. Hinter der Kamera. Und davor. Bei einer Debatte. An einem Fest. In einer WG. Beim Streitgespräch auf BaZ-TV. Als Pariser Korrespondent des Schweizer Fernsehens. Bei der Geburt seiner ersten Tochter.

Kritik nach links und rechts

Mit den zentralen Thesen seines Filmes teilt er nach rechts und links aus. Die Behauptung der SVP, die Schweiz leide wegen der Ausländer an Dichtestress, fand Haemmerli schon bei der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative dermassen blöd, dass er sich laut dagegen engagierte. Die von ihm mitbegründete «Gesellschaft offene & moderne Schweiz» hielt verschiedene Aktionen ab. Dass Economiesuisse die Aktionsgruppe finanziell unterstützt hatte, machte Haemmerli erst auf Nachfrage publik. Das brachte ihm Kritik ein und löste Selbstkritik aus.

Thomas Haemmerli analysiert das Resultat zur Masseneinwanderungs-Initiative. Video: Youtube/Haemmerli

Gleichzeitig findet er, die linke Zürcher Wohnbaupolitik erreiche das Gegenteil ihrer Absicht, wenn sie sich gegen das verdichtete Bauen wehre. Dem Film kommt entgegen, dass der Regisseur seine Thesen belegen kann. Er tut das am Beispiel von São Paulo, der vertikal gebauten brasilianischen Grossstadt, wo er und seine Freundin einige Jahre lebten. Daneben sieht Zürich aus wie ein Dorf. Dafür hat São Paulo, was Haemmerli auch thematisiert, ein massives Verkehrsproblem.

Sehnsucht nach Hochhäusern

Als er sich mit 16 Jahren politisierte und sofort radikalisierte – das war zur Zeit der Zürcher Bewegung Anfang der Achtzigerjahre – da sah auch er in Hochhäusern und anderen Neubauten die Architektur des Kapitals am Werk. Heute findet er Hochhäuser sinnvoll. Wozu das linke Bauen führen kann: Er erklärt es bei unserem ersten Zwischenhalt, vor den Häusern der Wogeno in Aussersihl, der sogenannten Hellmi bei der Bäckeranlage.

Dort lebte er damals selber, als Hausbesetzer und Mitdebattierer. Was er mit 16 Jahren baupolitisch vertrat, sieht der 53-Jährige heute anders: Man hätte auf diesem Gelände weit höher und enger bauen sollen, sagt er, eine Kritik, die er später vor dem Schulhaus Hardau wiederholen wird. Auch die Genossenschaft Kalkbreite beim Bahnhof Wiedikon findet er zwar schön, aber viel zu zaghaft. «Wenn es zu wenig Wohnungen gibt und der zahlbare Boden zu knapp wird, muss man den Platz besser nutzen.» Wäre es nach ihm gegangen, stünde der Bau an der Kalkbreite doppelt so hoch. Ginge es nach ihm, könnte die Stadt viel mehr Hochhäuser installieren: «Ein paar Trump Towers würde es in Zürich schon vertragen», sagt er und lacht.

In São Paulo lachen sie über Zürcher Probleme

Wie grotesk ihm die Behauptung vorkommt, Zürich und die Schweiz litten am Dichtestress, merkt er jedes Mal wieder, wenn er in Asien oder Südamerika unterwegs ist. Die Leute in São Paulo würden über unsere Zürcher Probleme lachen, sagt er. Wieso aber haben die in seinem Film nichts zu sagen? Wieso lässt er praktisch keinen anderen reden ausser sich selber? Nicht einmal seine Freundin kommt richtig zu Wort.

Das habe nichts mit Eigenliebe zu tun, sagt er, sondern mit Effizienz. «Wie beim Bauen geht es beim Filmen um eine maximale Verdichtung.» So habe er Ansichten, Fakten, Erinnerungen und Anekdoten passgenau in seinen Film montieren können. Man könne auch lustiger erzählen, wenn man sich selber nicht so ernst nehme. Dass er von sich selber besessen sei, findet er übertrieben. «Ich liebe einfach die subjektive Perspektive.»

Ein «Du, ja»-Typ

Man muss es ihm lassen: Obwohl Haemmerlis Selbstbezogenheit in voller Filmlänge ermüdet, bekommt man sehr viel mehr vom Thema mit als nur ihn selber. Beiläufig erzählt er die Baugeschichte Zürichs, zeigt passende Beispiele im Guten wie im Schlechten, filmt auf seinen Reisen, illustriert seine Ansichten. Langweilig wird es einem nie in diesem Film. Dass er ein geistreicher Erzähler ist, hat er schon bei seinem Film über die tote Mutter gezeigt.

Der Gastronom Koni Frei, der Haemmerli seit Jahrzehnten kennt, hat nur Lob für ihn. Er sei «vif, gescheit und frech», sagt er. Der «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel, der mit Haemmerli bei Hermann Lübbe Politische Philosophie studierte, hat ihn als «Du, ja»-Typen in Erinnerung «mit dem Imponierjargon der linken Studenten-Elite». Ungeachtet dessen findet er ihn aber «einen hoch talentierten Autor und einen originellen Kerl».

Weiter nach Wiedikon, wo sich die Gentrifizierung im Schnelldurchlauf erleben liess: Schliessung der Weststrasse für den Durchgangsverkehr, Begrünung derselben, Kündigung vieler alter Mieter, Wohnungsrenovationen, teurere Mieten, Hipsterbeizen überall.

«Klasse gegen Glace»

Haemmerli steuert die Gelateria di Berna an, deren Warteschlange landesweit zu reden gab. Und die er so typisch findet für eine Stadt, deren Bewohner sich so gerne über Marken definieren. Heute, an diesem winterkalten, grauen Tag, hat der Laden zu, ausserdem wurde die Vitrine von Unzufriedenen versprayt. «Klasse gegen Glace» steht da und «Aufwertung einfrieren». Das zeuge von Wortwitz, sagt Haemmerli, «der Autor landet sicher einmal bei der Werbung». Das sei schon bei manchen Bewegten der Achtzigerjahre so gewesen.

Was er von den Autonomen hält, die in Zürich oder Bern gelegentlich aktiv werden, fragt man ihn. «Überhaupt nichts», sagt er. «Sie betreiben politischen Autismus, und ihre Aktionen haben mit Gesellschaftskritik nicht das Mindeste zu tun.» Die Sinnlosigkeit solcher Gruppierungen sei der entscheidende Unterschied zu den Achtzigerjahren. «Wir kämpften für Konkretes, damals, und ich habe diese Jahre, bei allen Problemen und Rückschlägen, als eine einzige Euphorie erlebt.»

Reden, bis alle müde sind

Er selber rechnet sich rückblickend «eher den Spontis zu als den schwer Politisierten»; die endlosen Vollversammlungen und Sitzungen ohne Entscheide muss er auch nicht mehr haben. Immerhin habe er dabei gelernt, wie man seine Meinung am besten durchsetzt: «So lange reden und rauchen, bis alle müde sind und keine Luft mehr haben.» Und dabei am besten die Position einer lesbischen, behinderten, dissidenten Kommunistin vertreten, die in einem korrupten Drittweltstaat im Gefängnis sitze – «dann kann nichts schiefgehen».¨

Da ist sie wieder, die haemmerlische Dauerironie. Im Gespräch wirkt sie originell, im Film manchmal forciert. Dafür hilft ihm dort das Ironischsein, seine Widersprüche wegzureden. Durch Selbstproblematisierung schützt er sich vor Angriffen, indem sie sie spielerisch vorwegnimmt. Haemmerli zeigt in seinem Film, was sein Leben aus ihm gemacht hat: einen reichen Buben vom Zürichberg, der sich linksextrem radikalisierte und jene Gentrifizierung bekämpfte, zu der er seither mit seinen gekauften und sanierten Wohnungen selber beiträgt. Vor 18 Jahren hätte er in Paris eine Wohnung günstig kaufen können, seine damalige Freundin war dagegen. Heute sei sie das 16-Fache wert, sagt er. Man merkt ihm an, wie sehr es ihn reut.

Journalist aus Neugierde

Gleichzeitig, auch das macht den Film so interessant, hat er immer wieder in armen Quartieren gelebt, etwa während seiner Zeit in São Paulo oder Mexiko-Stadt. Ausserdem hat er im georgischen Tiflis eine Wohnung gekauft, auch keine reiche Stadt. Wieso zieht es ihn immer wieder in Städte mit niedriger Lebensqualität, schlechter Ökologie und hoher Kriminalität? «Aus Neugierde», sagt er; darum sei er auch Journalist geworden.

Müsste er sich in einem Wort beschreiben, fragt man ihn zuletzt, in dem alles von ihm Platz habe, die Herkunft, die Interessen, die Politik, das Herumreisen, die Familie, das Schreiben, das Reden, das Filmemachen, die Kunst – was für ein Wort wäre das? «Ich bin ein Spötter», sagt er. Es ist ihm ernst.

Thomas Haemmerli: «Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings.» Ab morgen im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 22:15 Uhr

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