Der Stararchitekt und der Bomberabsturz

Die bekannten Zürcher Architekten Haefeli Moser Steiger haben auch im Weinland Spuren hinterlassen: An einem Privatschlösschen mit bewegter Vergangenheit.

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Es ist ein Schloss wie aus dem Bilderbuch: idyllisch gelegen, mitten in der Natur, mit grossem Park, Tenniscourt, Reitplatz und Swimmingpool. Schloss Wyden liegt etwas abseits von Ossingen im Zürcher Weinland, nahe am Steilufer der Thur. Die denkmalgeschützte Anlage, deren älteste Teile auf das Mittelalter zurückgehen, befindet sich in Privatbesitz.

Das Schloss gehört der Familie von Max Huber (1874–1960), einem bekannten Professor für Staats-, Kirchen- und Völkerrecht, der von 1928 bis 1944 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz war. «Mein Grossvater hat das heruntergekommene Schloss kurz nach der Jahrhundertwende gekauft und es instand gestellt», berichtet Eric Huber (76), der abwechslungsweise mit anderen Nachkommen Wyden bewohnt.

Bewohner hatten Glück

Was nur wenig bekannt ist: Das Schloss in seiner jetzigen Form ist ein Werk des Zürcher Architekturpioniers Werner M. Moser (1896–1970). Er wurde zusammen mit Max Ernst Haefeli und Rudolf Steiger mit dem Kongresshaus, dem Universitätsspital, dem Hochhaus zur Palme und der Werkbundsiedlung Neubühl bekannt. Die drei gelten als wichtige Wegbereiter der Moderne in der Schweiz. «Wie kein zweites Büro gaben HMS der Entwicklung der modernen Architektur immer wieder neue Impulse. Das Kongresshaus Zürich (1936–1939) wurde zum Leitgebäude für die Schweizer Architektur der folgenden beiden Jahrzehnte», schreiben Sonja Hildebrand, Bruno Maurer und Werner Oechslin in ihrem Buch über die drei Architekten.

Werner Moser baute das Schloss Wyden 1946 wieder auf, nachdem es zu weiten Teilen abgebrannt war. Grund: Die Anlage war zwei Jahre zuvor beim Absturz eines verirrten US-Bombers stark beschädigt worden. Am 19. Juli 1944 prallte das führungslose amerikanische Flugzeug – es kam von einem Einsatz über München – direkt in den Schlossturm. Die siebenköpfige Mannschaft hatte sich zuvor im Bodenseegebiet mittels Fallschirmabsprungs aus dem brennenden Flugzeug gerettet. Wie durch ein Wunder wurde beim Absturz niemand getötet. Zur Zeit des Unglücks wohnten einige Kinder und Enkel von Max Huber im Schloss. Bis auf eine Person blieben alle unverletzt, auch die Kinder, die im Schlosshof spielten.

Flucht in den Wald

Eric Huber weilte zum Zeitpunkt des Absturzes nicht in Wyden. «Ich durfte damals dort keine Ferien machen, weil ich die Wilden Blattern hatte – das rettete mir vielleicht das Leben.» Später erfuhr er, dass sein Bruder nach dem Absturz vor Angst in den Wald geflohen war, wo man ihn erst nach Stunden wiederfand. Und dass der Schlossgärtner den Absturz beim Kirschenpflücken hoch im Baumwipfel miterleben musste. Obwohl die Feuerwehren aus Ossingen und der Umgebung schnell zur Stelle waren, brannten Altbau und Dachstock des Schlosses vollständig aus. Auch eine Bibliothek im Turm wurde komplett zerstört.

Dass für den Wiederaufbau ausgerechnet Werner Moser engagiert wurde, war kein Zufall. «Seine Frau war eine Nichte meiner Grossmutter», sagt Eric Huber. Und: Schon Werner Mosers Vater Karl hatte 1913 den Ausbau von Wyden geplant.

Noch heute sind diverse Pläne des Wiederaufbaus im Schlossarchiv erhalten. Sie tragen den Stempel des Büros Haefeli Moser Steiger. Auch im Gästebuch des Schlosses finden sich Zeichnungen Mosers für die Renovation. Eric Huber erinnert sich, wie er als Kind mit seinem Vater das Zürcher Büro des Architekten besuchte. «Dort gab es zwei Modelle des Turms von Schloss Wyden, mit denen ich spielen durfte.»

Einen grossen Teil der Kosten für den Wiederaufbau bezahlten die Amerikaner. Die Renovation erfolgte zwar auf der Basis der historischen Grundlagen, allerdings mit einigen Änderungen. Aus Kostengründen verzichtete man auf aufwendige Stilelemente wie Treppentürme oder Erker und redimensionierte den Schlosskomplex. Die Familie war mit der Renovation zufrieden. «Moser hat es gut gemacht, das Gebäude ist sehr wohnlich geworden», sagt Eric Huber. Seit der Renovation 1946 wurden keine wesentlichen Änderungen mehr vorgenommen. Offenbar hatte auch der Architekt selber Freude an dem Auftrag, wie Eric Huber aufgrund der vielen Zeichnungen im Schlossarchiv vermutet.

Pilotensohn tauchte im Volg auf

Auch der kantonalen Baudirektion gefiel der Wiederaufbau. In einem Brief von 1946 lobte sie: «Es zeigt sich, dass es ein guter Gedanke war, sowohl den Turm wie auch den westlichen Flügel um ein Geschoss niedriger zu halten und die unmittelbar an den Turm anschliessenden Gebäudeteile um zwei bis drei Geschosse zu reduzieren. Dadurch kommt der Turm mit seinem rassigen Bruchsteinmauerwerk viel besser zur Geltung als früher.»

Wegen des Bomberabsturzes hegen die heutigen Schlossbesitzer keinerlei Ressentiments, wie Eric Huber sagt. Sein Grossvater sei nie nachtragend gewesen. «Er war heilfroh, dass niemand ums Leben kam.» Er selber hat inzwischen sogar Kontakt mit dem Sohn des damaligen US-Piloten gehabt. Dieser tauchte vor ein paar Jahren plötzlich in Ossingen auf, weil er wissen wollte, wo sein Vater abgestürzt war. Der Amerikaner fragte im Volg nach, wo sich Schloss Wyden befinde. «Leider war das Schloss damals gerade unbewohnt», sagt Huber. Doch der Pilotensohn hinterliess seine Adresse, und so konnte ihn Huber später per Mail in den USA kontaktieren.

Schloss Wyden hatte bereits vor dem Bomberabsturz einmal für Aufsehen gesorgt: 1880 fand dort der im Geheimen vorbereitete Kongress der deutschen Sozialdemokraten statt. Wegen des Sozialistengesetzes von Reichskanzler Bismarck war eine Zusammenkunft in Deutschland unmöglich geworden. Mit von der Partie beim «Wydener Kongress» waren bekannte Figuren wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Zwar hatte sich die Führungsriege der Sozialisten als «Generalversammlung der Kranken-, Wander- und Alters-Unterstützungskassen der deutschen Vereine der Schweiz» getarnt und auf grösste Geheimhaltung geachtet. Doch die Ossinger sollen die Genossen doch erkannt haben, wie es später hiess.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.07.2013, 09:01 Uhr

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