Der Unermüdliche ist müde

Hans-Peter Bärtschi hat in der Schweiz unzählige Fabrikanlagen gerettet und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Nun zieht er sich zurück – zuvor aber will er noch ein Vorhaben verwirklichen.

Die fast 120 Jahre alte Maschinengruppe in der Nagelfabrik beim Bahnhof Winterthur Grüze ist in der Schweiz einzigartig. Video: TA

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Ruhestand und Hans-Peter Bärtschi – das passt nicht zusammen. Unvorstellbar, dass der Umtriebige, Beharrliche, manche mögen ihn auch stur nennen, in Pension geht. Unzählige Zeugen Schweizer Industriekultur hat er vor der Verschrottung bewahrt. Oft gar nicht zur Freude ihrer Besitzer oder der Standortgemeinden. Der Historiker und Architekt ist massgeblich an rund 30 Büchern beteiligt, hat an die 50 Museen und Ausstellungen initiiert und eben seinen 43. Verein gegründet. Er war es auch, der das Weltvergleichs-Gutachten geschrieben hat, das die Rhätische Bahn zum Unesco-Weltkulturerbe machte.

Dieser Getriebene will sich wirklich zurückziehen? Es scheint ihm ernst. «Ich bin 65, die erste Pension ist gekommen, und es ist Zeit, aufzuhören.» Er spricht auch vom «Loslassen seiner Kinder». Bei einem seiner Lieblingskinder haben wir uns getroffen: in der «Nagli» Winterthur. Im blauen «Übergwändli» erwartet er uns und sieht weniger wehmütig als müde aus.

«Schrott» als Kulturgut

Müde ist er des ständigen Geldauftreibens, des ewigen «Bettelns», wie er es bezeichnet. Das wurde in den letzten Jahren immer schwieriger, bestätigt Pascal Troller, der – ebenfalls aus Leidenschaft zu alten Maschinen – vom Buchdrucker zum Geldmittelbeschaffer mutierte und mit Bärtschi seit zehn Jahren zusammenarbeitet. Erstmals treffe die Finanzkrise auch die Stiftungen empfindlich. «Bei Nullzinsen können diese nicht mehr sehr freigiebig sein.»

Umso mehr freuen sich die beiden darüber, dass der Lotteriefonds vor ein paar Tagen 120'000 Franken für die «Nagli» zugesichert hat. «Jetzt fehlen uns noch rund 89'000 Franken», sagt Troller. «Dann ist der Betrieb bis 2030 gesichert.» So lange dauert das Servitut, das Bärtschi für das denkmalgeschützte «Nagli»-Fabrikgebäude mit seinen historischen Nagelmaschinen aus dem Jahr 1895 ausgehandelt hat.

Vor 40 Jahren pochte der damals an der ETH tätige Hans-Peter Bärtschi als einer der Ersten im Lande darauf, dass alte Industrieanlagen nicht achtlos ausgeweidet und zerstört werden dürfen. Dass ausgediente Maschinen nicht einfach Schrott, sondern möglicherweise Kulturzeugen sind. Anfänglich lösten seine Einsprachen weit herum Kopfschütteln aus. Riegelhäuser und Herrenvillen mögen schützenswert sein. Aber verrusste Fabrikanlagen? «Die heutige Schweiz hat ihre Wurzeln in der Maschinenfabrik, nicht im Bauerndorf», entgegnet Bärtschi.

Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, seinem Gast Platz anzubieten, denn eigentlich will er nichts anderes als ihm sein Kind vorstellen. Nun weicht alle Müdigkeit von ihm. Nicht dass er euphorisch würde. Das passte nicht zu ihm. Doch spürt man das innere Feuer, die Leidenschaft. Mag sein, dass ihm deswegen die Zeit für eine Familie fehlte.

Selbst der Russ ist original

Die fast 120 Jahre alte Maschinengruppe in der Nagelfabrik beim Bahnhof Winterthur-Grüze ist in der Schweiz einzigartig. Im eingeschossigen Gründergebäude mit Stichbogenfenstern stehen noch fünf Maschinen, wo sie seit 1895 immer standen. Sie werden über eine einzige Welle angetrieben und machen noch heute Nägel mit Köpfen. Wenn Bärtschi eine der Maschinen anwirft, beginnt ein Klopfen und Hämmern, ein Sausen und Brummen. «Hier sind selbst der Staub und der Russ noch original», sagt er. Er zeigt die schmalen Schienen, auf denen einst die Kohlenwägeli eingefahren sind, den vorsintflutlichen Tumbler, in dem die Nägel gereinigt werden. «Die ‹Nagli› ist ein Glücksfall, weil sie nicht nur ein Museum ist, sondern gleichzeitig noch produziert», sagt er. Nebenan rattern nämlich die moderneren Maschinen der Schweizer Nagelfabrik AG. Die Firma beschäftigt sechs Mitarbeitende und produziert als einzige Fabrik im Land noch Stifte verschiedener Länge, Agraffen und etwa 200 weitere Spezialprodukte rund um Nägel fürs In- und Ausland.

Bärtschi hat sich mit seinem Kampf für die Industriekultur nicht nur Freunde gemacht. Er hatte auch den Mut, den Leuten auf die Nerven zu gehen. Mitstreiter Troller nennt das: «nachhaltig». «Nachhaltig» war Bärtschi etwa 1990, als Sulzer die Maschi­nen­fab­rik auf dem Areal neben dem Winterthurer Bahnhof schloss und geplant war, das Areal vollständig zu räumen. Da ging der gebürtige Winterthurer Bärtschi in Opposition und setzte Himmel und Hölle in Bewegung. Heute wirbt dieses Stadtquartier mit dem Slogan: «Hier ist die Geschichte noch spürbar.»

Manchmal muss es Bärtschi vorgekommen sein, als ob er gegen Windmühlen kämpfe. Nur schon wegen der Zeit, die ihm davonlief. Weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlte und der administrative Aufwand immer grösser wurde. Als er 2002 den von ihm 1989 aufgebauten Winterthurer Industriekulturweg neu ausschilderte, benötigte er für die 20 Tafeln 163 Bewilligungen. Nach einem Fazit gefragt, sagt er zuerst: «Die Wespi-Mühle in Wülflingen konnten wir nicht retten.» Dann: «Wir haben aber schon einiges erreicht.»

Ganz «den Letzten» hat Bärtschi noch nicht. Er will zum Abschluss eine Lok «entführen». Eine Ge 2/4 der Rhätischen Bahn, eine spezielle Grossmotor-Lokomotive, die in Arth-Goldau schlecht gewartet vor sich hin rostet. Es wird eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Mit Lastwagen und Grosskran. «Ich habe zwar alle Bewilligungen im Sack, aber es gibt erbitterten Widerstand gegen meine Pläne.» Ein typischer «Fall Bärtschi» also.

Die Zukunft seiner «Kinder»

Ein Generationenwechsel steht an: Es gilt, Menschen für Industriekultur zu gewinnen, die keinen persönlichen Bezug mehr zu Sulzer, Escher Wyss oder der «Nagli» haben. Es fehlen bald die Rentner, welche die alten Maschinen noch bedienen können. Und es schwindet die Nostalgie, die manchen veranlasste, sich die Erinnerung an die «gute alte Zeit» etwas kosten zu lassen. «Einfacher wirds nicht», sagt Hans-Peter Bärtschi.

Seine «Kinder» aber entlässt er gut gerüstet. Die grösste Sorge bereitete ihm sein Fotoarchiv mit 380'000 Bildern. Seit kurzem weiss er: Es wird von der ETH übernommen. In einigen Monaten erscheint der Band «Zentralschweiz» der Inventarisierung der Industriekulturgüter der Schweiz (Isis). Dann kann er auch dieses Mammutprojekt aus den Händen geben. Eine Nachfolgerin ist bereits gefunden.

Und die «Nagli»? Die wurde von einem Verein aus dem Kreise jener übernommen, welche Bärtschi seit Jahren zur Seite stehen. Mit sichtlicher Freude zeigt Bärtschi auf einem Foto des «Nagli»-Teams auf einen jungen Mann: «Das ist mein Göttibub.» Heisst: Ein bisschen «Bärtschi» bleibt.

www.nagli.ch; www.pascaltroller.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2015, 21:43 Uhr

Hans-Peter Bärtschi (r.) und sein Mitstreiter Pascal Troller. Foto: Dominique Meienberg

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