Der Versehrte

Eric Honegger, Zürcher Alt-Regierungsrat und Swissair-Chef, war jahrelang Teil der Elite. Dann kam der freie Fall. Heute betreibt er ein Gästehaus in Österreich und arbeitet an einer Ahnung von Glück.

«Der Auslöser meines Karrierebruchs»: Eric Honegger blickt auf seine Zeit bei der Swissair zurück.
Video: Sabina Bobst, Jan Derrer

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Im hübsch hergerichteten Frühstücksraum des Arkadenhofs in Gerersdorf-Sulz, tief im Nirgendwo des Burgenlands, steht Eric Honegger am Herd und kocht ein Ei. Er sieht unverschämt gut aus. Gesunde Bräune, den Schnauz von früher abgeschnitten, stattdessen ein fein gestutzter grauer Fünftagebart. «Mögen Sie noch einen Kaffee?»

Das ist ein anderer Mensch als der Eric Honegger von damals. Der mit hängenden Schultern und fahlem Gesicht in Bülach die Verhandlung zum Ende der Swissair verfolgte. «Todeinsam», hat ihn der «Tages-Anzeiger» während des Prozesses im Januar 2007 genannt. Im Buch, das Honegger damals über die Tage in Bülach schrieb, heisst es: «Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen.» Und etwas weiter hinten: «Ich glaubte kaum jemandem mehr ein Wort und fühlte mich verlassen. Wo war der Platz für mich in dieser Welt, die ich so gar nicht mehr verstand?»

Januar 2007, der Tiefpunkt. Wirtschaftlich, politisch, sozial, überhaupt. Der Swissair-Prozess in Bülach – der wie die zivilrechtlichen Verfahren mit einem Freispruch für Honegger endete – war das düstere Finale einer glänzenden Karriere, wie sie nur in der Schweiz des Zürcher Wirtschaftsfreisinns möglich war. Bundesratssohn aus Rüschlikon, als Jugendlicher in die FDP eingetreten, Geschichte studiert, Parteisekretär der FDP Zürich, Oberst, Geschäftsleiter des Arbeitgeberverbands Druckindustrie, Gemeinderat, Kantonsrat und schliesslich Regierungsrat. Als er 1999 nach zwölf Jahren in der Regierung zurücktritt, verzichtet er auf sein Ruhegehalt. Die Resonanz war gross und positiv.

Aufstieg, Abstieg

Er hat das Geld zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht nötig. Den Sitz im Verwaltungsrat der Swissair, den er bereits als Finanzdirektor innehatte, darf er behalten. Bald darauf wird er Präsident des Verwaltungsrats, dazu kommen Mandate bei der UBS und der NZZ. Honegger ist ganz oben, leicht war sein Aufstieg. Er musste sich um die lukrativen Ämter nicht bemühen. Er wurde angefragt, musste nur Ja sagen. Was ihm, dem Geisteswissenschaftler ohne wirtschaftlichen Hintergrund, geschmeichelt hat.

Knapp zwei Jahre dauert seine Wirtschaftskarriere. Anfang 2001 übernimmt er das Amt des CEO der Swissair («ein Fehler», sagt er heute). Sechs Wochen später wird er in einer denkwürdigen Sitzung des Verwaltungsrats im Zürcher Hotel Savoy von jenen Leuten kaltblütig abgesetzt, die ihm seine Karriere überhaupt erst ermöglicht hatten.

Von da an geht es abwärts. Honegger pocht auf die Erfüllung seines mehrjährigen Arbeitsvertrags in der Höhe von 2,2 Millionen («ein Fehler», sagt er heute). Die Jobs bei der NZZ und der UBS verliert er innert kürzester Zeit, es folgt das Grounding der Swissair, später der Prozess, die Vorwürfe wegen Steuerbetrugs, die zivilrechtlichen Forderungen, die soziale Ächtung. Honegger traut sich während Velotouren nicht mehr in die Beiz, die Freunde kennen ihn nicht mehr, er wird öffentlich angefeindet.

Ein Gästehaus in Österreich

Schon im Buch aus dem Jahr 2007 denkt er über eine Flucht aus der Schweiz nach. Er fühle sich entfremdet von der Gesellschaft, spüre nichts mehr, wenn die Nationalhymne am Radio laufe. Zu eng ist ihm das Land geworden, zu eng das Denken der Menschen darin.

Vor drei Jahren macht Honegger seine Ankündigung wahr. Mit seiner neuen Lebenspartnerin Helga Stähli, die aus Graz stammt, kauft er sich im südlichen Burgenland einen alten Bauernhof und kehrt der Schweiz den Rücken. Ausbau zum Gästehaus Arkadenhof, drei Gästesuiten, 85 Euro pro Person, Frühstück inklusive. Für einmal muss er nicht einfach Ja zu einem Angebot sagen; für einmal will er selber. Den Arkadenhof und das neue Leben als Gast­geber. «Heute habe ich zum ersten Mal unternehmerische Verantwortung.»

Am Tag vor dem Ei-Frühstück, Apéro-Zeit im Arkadenhof. Honegger hat eine Flasche Muskateller aus der Gegend aufgemacht und führt stolz über das Gelände. Der Weinkeller, der beheizte Pool, der Garten. Vis-à-vis röhren die Hirsche aus der Zucht des Nachbarn. Honegger, im karierten Hemd und Jeans, zündet sich eine Brissago an. «Hier bin ich nicht mehr der Honegger aus dem Regierungsrat oder von der Swissair. Hier bin ich einfach der Eric.»

Es ist ein Abschied ohne Aussicht auf Rückkehr. Wenn er einen der wenigen Freunde in der Schweiz besucht, dann spürt er eine Vertrautheit mit der alten Heimat. Aber auch die Sehnsucht nach der neuen. «Sobald ich in der Schweiz ankomme, möchte ich wieder zurück ins Burgenland.» Zurück ins neue Leben. Zum roten Steyr-Traktor, mit dem er seine Gäste manchmal zur Bergschenke etwas oberhalb seines Bauernhofs führt. Zum Garten, wo in diesen Tagen ein Hochbeet für die ebenfalls im Arkadenhof wohnende Mutter seiner Lebenspartnerin aufgestellt wird. Zu den Menschen, die so viel gastfreundlicher als in der Schweiz seien.

Und vor allem: weg vom alten Leben. Mit seinem roten Pick-up braust Honegger über die Hügel des Burgenlands, zwei Fasane und vier Feldhasen zählt man auf dem Weg nach Wallendorf, einem Nachbarort. Die Beiz ist rauchgeschwängert und hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber der Schein trügt. Der Koch ist weitgereist und in der Gegend für sein Rindfleisch berühmt, das er seinen beiden Gästen nun im rohen Zustand im Vakuumbeutel an den Tisch bringt. «Was darf es denn sein?»

Honegger entscheidet sich für ein dünn geschnittenes Huftsteak, Erdäpfel-Polenta-Gratin, Gemüsestreifen, ein Glas Blauburgunder. Und erzählt dann vom schlimmsten Moment seines Falls. Dem Moment, an dem der Staat an der Türe klingelte. Hausdurchsuchung. «Ich wurde wie ein Verbrecher behandelt.» Von jenem Staat, dem Honegger so viel gegeben hatte. Zuerst den Vater, Fritz Honegger, den das Amt als Bundesrat körperlich zugrunde richtete. Dann die eigene Zeit im Regierungsrat, bei der Swissair, dem «nationalen Mythos». Als Diener des Staates habe er sich verstanden und sei dann von diesem vor Gericht gezerrt worden. Finanziell hat das Honegger an die Grenzen gebracht, trotz Freispruch und Prozessentschädigungen. Den Kauf des Arkadenhofs hat vor allem seine Lebenspartnerin finanziert. Auf die Rentenzahlung des Kantons verzichtet er weiterhin.

«Ich war verbittert. Das Einzige, was hilft, ist Zeit.» Er habe keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen, vielleicht wäre es damit schneller gegangen. Aber er habe es auch so geschafft. Mit dem Buch («das war Psychohygiene») und mit dem Zurückgeworfensein auf sein engstes Umfeld. Das sei die entscheidende Erkenntnis. Das vielgelobte Netzwerk nützt in der Krise: nichts. «Man muss akzeptieren, dass einem niemand hilft in einer solchen Situation. Dann kann man wieder von null beginnen.» Honegger sagt das ganz ruhig. Die zwei Flaschen Muskateller und die beiden Gläser Blauburgunder haben seinen Gemütszustand nicht verändert. Er ist höflich, freundlich, zuvorkommend, aber auch etwas distanziert. Der Schmerz, der in seinem Buch so gut zu spüren ist, klingt immer noch nach.

Einbruch in die Stille

Ganz zum Schluss seines Buches über den Prozess in Bülach beschreibt Honegger, wie er mit seinem Hund einen Fluss entlang spaziert. Es ist eine schlecht getarnte Parabel auf den Aufstieg und Fall des Eric Honegger. Der Weg schlängelt sich talaufwärts, bis ein Felsbrocken den Pfad blockiert. Honegger zwängt sich vorbei und kämpft sich den immer enger und steiler werdenden Weg hinauf. Am Ziel seiner Wanderung wird das Tal wieder breiter, und die Anstrengungen werden mit dem Anblick eines halb verfallenen Klosters belohnt. Vor über hundert Jahren haben dort Mönche gehaust, schreibt Honegger. «Sie lebten zurückgezogen, aber unbehelligt und zufrieden.» Es tönt wie eine Handlungsanleitung für seinen Weg aus dem Jammertal. Unbehelligt, zurückgezogen, zufrieden. Und dennoch sitzt man hier im Frühstücksraum des Arkadenhofs, löffelt Birchermüesli, wartet auf das Ei, als Eindringling in die klösterliche Abgeschiedenheit des Burgenlands. Kürzlich war auch die «Schweizer Illustrierte» hier. Es gab Bilder von Honegger in Gartenstiefeln, am Pool, im Weinkeller, mit Helga. «Hier bin ich glücklich», lautete der Titel.

Man mag es nur halb glauben. Besser, ja. Zufrieden sogar. Aber glücklich? Falls er tatsächlich glücklich wäre, versteckt das Honegger gut. Bis zum Schluss des Besuchs wird nicht ganz klar, warum er nach Jahren der medialen Abschottung die Türe wieder öffnet. Vielleicht, weil trotz allem die Sehnsucht nach Lob und Anerkennung für die eigene Leistung geblieben ist. Vielleicht ist es aber auch ganz profan: Weil Werbung dem Geschäft guttut. Dafür beantwortet man dann halt auch zum hundertsten Mal die gleiche Frage zur Swissair. Lässt sich auf das Bild des Scheiterns reduzieren. Weil es das Bild ist, das nicht mehr verschwinden wird.

Das Ei wird serviert. Es ist ein gekochtes «Ei im Glas», garniert mit Schnittlauch. Früher habe man das in Wien überall bekommen, doziert Honegger und erzählt eine Anekdote, die er so wohl schon häufig erzählt hat. Wie die Mutter von Helga in einem Hotel ein Ei im Glas bestellte und genau das erhielt: ein rohes Ei in einem Glas. Honegger lacht kurz, trocknet sich die Hände in der Küche ab, wünscht «weiterhin einen guten Appetit» und verabschiedet sich. Das Ei schmeckt hervorragend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2014, 08:29 Uhr

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Damals vor Gericht, heute im eigenen Gasthaus: Eric Honegger. Foto: Sabina Bobst; Illustration: Linda Graedel (Keystone); Montage: TA

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