Der Verteidiger des Top-Terroristen

Heute geht in Paris der Prozess gegen Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, zu Ende. Dessen Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet sieht in ihm einen Widerstandskämpfer.

«Die Justiz hält sich nicht an die Spielregeln, die sie selber aufstellt»: Marcel Bosonnet in seiner Kanzlei in Zürich.

«Die Justiz hält sich nicht an die Spielregeln, die sie selber aufstellt»: Marcel Bosonnet in seiner Kanzlei in Zürich. Bild: Nicola Pitaro

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Manch ein Aktivist der 68er-Bewegung rückte in die politische Mitte. Thomas Held beispielsweise, langjähriger Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse. Oder Otto Schily, Verteidiger von RAF-Terroristen in den 70er-Jahren, später deutscher Innenminister. Marcel Bosonnet, der aus der gleichen Generation kommt und auch Anwalt ist wie Schily, hat eine Teilzeitsekretärin angestellt. Mehr Hinweise auf eine Verbürgerlichung gibt es bei ihm nicht.

Wer mit dem hageren Mann spricht, meint ein Echo aus den 70er-Jahren zu vernehmen. Bosonnet redet immer noch so, wie das die rebellierenden Studenten damals taten: vom bürgerlichen Staat, Klassenjustiz, von politischen Prozessen. Er tut das in einer ruhigen, klaren Sprache, die so gar nicht zum kämpferischen Inhalt passt. Nur einmal erhebt er die Stimme. Als die Rede auf den Terroristen Carlos kommt, widerspricht er barsch: «Was heisst schon Terrorist? Der Begriff ist unklar und dient dazu, den politischen Gegner zu denunzieren.»

Klassenkampf mit Krawatte

Der 62-jährige Bosonnet ist einer von drei Verteidigern des in Frankreich wegen Terrormorden angeklagten Venezolaners (siehe Kasten). Seit Anfang November reist er wöchentlich an ein Sondergericht nach Paris. Und jedes Mal, so sagt er, findet er die Bestätigung dafür, was er von Anfang an vermutet hat: Die Anklage könne die Carlos vorgeworfenen Taten nicht beweisen. Trotzdem werde der Mann verurteilt werden: wegen dessen politischer Haltung. Carlos sei ein Revolutionär, der für die Sache der Palästinenser gekämpft habe.

Dessen Hauptverteidigerin ist die Französin Isabelle Coutan-Peyre, weil sie die französische Strafprozessordnung besser kennt. Bosonnet bezeichnet sich als Hilfsanwalt. Er wurde engagiert, da gegen Carlos die gleichen belastenden Akten verwendet werden, mit denen Bosonnet schon einmal konfrontiert war. Es handelt sich dabei um Unterlagen der Stasi, die Carla Del Ponte als Bundesanwältin in einem Verfahren gegen eine Schweizer IKRK-Mitarbeiterin vor zehn Jahren beizog. Der Beschuldigten, von Bosonnet verteidigt, wurde vorgeworfen, Teil des terroristischen Netzwerks von Carlos zu sein. Mangels Beweisen musste das Verfahren allerdings eingestellt werden. Bosonnet wird in seinem Schlussplädoyer in Paris sagen, dass die Stasi-Akten auch im Fall Carlos unbrauchbar seien.

Er wird dabei in feines Tuch gehüllt sein und eine Krawatte tragen. So, wie er das immer tut, wenn er Plädoyers hält. Dass er «bürgerliche Kleidung» trägt, entlockt ihm ein Lächeln. «Ein Strafprozess ist wie eine Theaterinszenierung. Ich fülle eine Rolle aus.» Um dann doch wieder politisch zu werden: Wenn er äusserlich dem traditionellen Bild eines Anwalts entspreche, schaffe er einen scharfen Kontrast zum Inhalt seiner Plädoyers. Er wolle die bürgerliche Justiz demaskieren: dass sie die Spielregeln nicht einhält, die sie selber aufstellt.

Die Niederlagen in Bellinzona

Exemplarisch kam dies in zwei Prozessen in diesem Jahr am Bundesstrafgericht in Bellinzona zum Ausdruck: in seinen Plädoyers für Andrea Stauffacher, der Wortführerin des Revolutionären Aufbaus, und für einen Öko-Anarchisten, der mit zwei andern einen Anschlag auf ein IBM-Gebäude in Rüschlikon geplant hatte.

Bosonnet ging nur am Rande auf die Taten der Aktivisten ein, für die sie schliesslich verurteilt wurden. Stattdessen kritisierte er hauptsächlich die Ermittlungsmethoden der Behörden: Die Verkehrskontrolle, die zur Verhaftung der Öko-Anarchisten führte, sei fingiert gewesen. Und im Falle Stauffachers sei nicht ersichtlich gewesen, mit welchen Mitteln sie überwacht worden war. Seine Schlussfolgerung: Durch Täuschung gewonnene Beweismittel seien nicht verwertbar. Mit dieser Einschätzung war er in beiden Fällen aber allein. Sowohl das Gericht als auch die meisten Journalisten sahen in den Ermittlungsmethoden nichts Illegales.

Bosonnet vermag das nicht zu irritieren. Er hat so viele linke Aktivisten verteidigt, dass ihm die Argumente der Gegenseite wohlvertraut sind: die Schweizer Widerstandskämpferin Barbara Kistler in der Türkei, den früheren LTTE-Chef in der Schweiz, Rebellen der kurdischen Separatistenbewegung. Und auch Christoph Meili, den UBS-Wachmann, der zumindest eine Zeit lang als Projektionsfläche für linke Anliegen diente.

Politik mit andern Mitteln

Marcel Bosonnet wuchs in einer Arbeiterfamilie in Oberwinterthur auf und lernte Hochbauzeichner. Der Vietnamkrieg hat ihn politisiert, das Studium in Lausanne sein heutiges Selbstverständnis als Anwalt geprägt: Er habe damals gelernt, den Staat nicht mit Gewalt zu zerschlagen. Stattdessen wolle er jene unterstützen, die sich für Veränderungen einsetzten. Der Beruf des Anwalts sei «die Fortsetzung linker Politik mit andern Mitteln», paraphrasiert er ein Bonmot von Clausewitz.

Die Frage, warum er nie in die politische Mitte gerückt sei, erstaunt ihn. «Das meiste Geld gebe ich für Bücher aus. Das ist mein einziger Luxus», lautet dann schliesslich seine Antwort. Vor drei Jahren trat er in die Partei der Arbeit (PdA) ein, deren Zürcher Spitzenkandidat er bei den letzten Nationalratswahlen war. «Sie ist nicht gerade in Mode, und das gefällt mir.» Marcel Bosonnet würde nie einen Neonazi verteidigen. Aus politischen Gründen selbstverständlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2011, 07:10 Uhr

Töten für die Sache der Palästinenser

Am Mittwoch endet vor einem Sondergericht in Paris der Prozess gegen den Topterroristen Carlos mit dem Schlussplädoyer der Verteidigung. Ihm wird vorgeworfen, 1983 und 1984 in Frankreich vier Attentate auf Züge, Bahnhöfe und eine Zeitung verübt zu haben. Eine Person kam ums Leben, mehrere wurden teilweise schwer verletzt. Der 62-Jährige soll seine damalige Ehefrau und einen Gesinnungsgenossen aus französischer Haft freizupressen versucht haben. Der Angeklagte bestreitet die Taten. Wann das Urteil eröffnet wird, ist unbekannt.

Carlos, der mit bürgerlichem Namen Ilich Ramírez Sánchez heisst, sitzt schon seit 17 Jahren in Frankreich im Gefängnis. 1994 im Sudan festgenommen, wurde er drei Jahre später wegen der Ermordung zweier Geheimdienstmänner und eines Informanten zu lebenslanger Haft verurteilt. Er war damals der meistgesuchte Terrorist der Welt: Hunderte Pässe und mehr als 50 Pseudonyme soll er benutzt haben. In einem Interview, das er kürzlich einer venezolanischen Zeitung gab, sprach Carlos von mehr als 100 Anschlägen, die er hauptsächlich in den 70er- und 80er-Jahren organisiert e. Unter den 1500 bis 2000 Toten seien rund 200 zivile Opfer gewesen. Carlos nennt sie «Kollateralschäden». Im Film «Schakal» wird er als kokainsüchtiger Söldner des Terrors dargestellt.

Carlos sieht sich selber als Berufsrevolutionär. Er tötete für palästinensische Gruppen, für Geheimdienste von Ostblockstaaten und für Potentaten wie Saddam und Ghadhafi. 1975 trat er zum Islam über. Im Gefängnis heiratete er seine Hauptverteidigerin Coutant-Peyre nach islamischem Ritus. Die Hochzeit war rechtlich unverbindlich. (dv)

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