«Der Zeuge Schawinski fällt Roger Köppel ins Wort»

Was passiert, wenn zwei Alphatiere vor dem Richter stehen? Das Verhandlungsprotokoll in der Affäre Sarasin/Goltermann zeigts.

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Es war während Jahren die mit Abstand erfolgreichste Sendung von Radio 1: «Roger gegen Roger». Schawinski gegen Köppel. Köppel gegen Schawinski. Zwei Alphatiere, beide nicht auf die Schnauze gefallen, die sich Woche für Woche unvorbereitet pfefferscharfe Wortgefechte über aktuelle Themen ­lieferten, bei denen die Zuhörerschaft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen durfte, dass die beiden exakt entgegengesetzter Meinung sind.

Im Herbst 2015 wurde die Sendung überraschend abgesetzt. Köppel habe sich vom Journalisten «zum Politiker gewandelt», der in der Sendung «eigentlich nur SVP-Parolen hinunterbetet», sagte Schawinski später. Dazu sei ­Köppels «extreme Haltung in Sachen Flüchtlinge» gekommen. Einen weiteren Grund, vielleicht den zentralen, wollte Schawinski nicht öffentlich machen.

Strafprozess erledigt

Die beiden Protagonisten waren sich über ein Thema in die Haare geraten, das Köppels «Weltwoche» in den folgenden zwanzig Monaten in nicht weniger als neunzehn Artikeln ständig am ­Köcheln hielt und über das Schawinski öffentlich, das heisst in der gemein­samen Sendung, kein Wort verlieren wollte: die angebliche Liebesbeziehung der beiden Professoren Philipp Sarasin und Svenja Goltermann. Das Zerwürfnis geht so tief, dass Schawinski über Köppel heute sagt: «Ich habe den Kontakt völlig abgebrochen. Ich kann nicht mehr mit diesem Menschen.»

«Ich habe den Kontakt zu Herrn Köppel völlig abgebrochen. Ich kann nicht mehr mit diesem Menschen.»Roger Schawinski

Er musste noch einmal mit diesem Menschen – am 8. November letzten Jahres. Vor der 7. Abteilung des Bezirks­gerichts Zürich.

Und das kam so. Die beiden Profes­soren haben gegen den Autor der umstrittenen Texte, «Weltwoche»-Vizechef Philipp Gut, Strafanzeige eingereicht. Gut ist inzwischen vom Strafgericht wegen mehrfacher übler Nachrede rechtskräftig verurteilt worden. Sarasin und Goltermann reichten aber auch eine ­zivilrechtliche Klage ein gegen Autor Gut und gegen die «Weltwoche» direkt. Das Gericht solle feststellen, dass die Artikel eine widerrechtliche Persönlichkeits­verletzung darstellen. Der «Weltwoche» und Gut soll unter Strafandrohung verboten werden, die verletzenden Äusserungen zu wiederholen. Zudem müssten die strittigen Artikel gelöscht und das Urteil in der «Weltwoche» publiziert werden.

Während der Anwalt der beiden Professoren zu Beginn des Prozesses im Juni letzten Jahres von einem «beispiellos unverantwortlichen Journalismus» und von einer «Diffamierungskampagne» sprach, an der nichts wahr sei, lobte der Anwalt der «Weltwoche» und von Gut die Artikel als «medienethisch nicht zu beanstanden», als «wahr, fair und im ­öffentlichen Interesse» liegend.

Versehentlich unter Ausschluss

Um diesen Streitfall zu lösen, ist nur eine einzige Frage zu beantworten: Stimmen die in der «Weltwoche» gebetsmühlenhaft wiederholten Vorwürfe? Da «Weltwoche» und Gut ihren angeblich sieben Informanten «Anonymität um jeden Preis» zugesichert hatten, blieb nur ein Weg, das Geschriebene zu beweisen: Dr. Roger Schawinski solle vor Gericht als Zeuge befragt werden. Denn der könne bestätigen, dass er gegenüber lic. phil. Roger Köppel gesagt habe, Sarasin habe vor zehn oder fünfzehn Jahren eine Affäre mit Goltermann gehabt.

Das damalige Gespräch zwischen den beiden, einen Tag nach Veröffentlichung des ersten «Weltwoche»-Artikels vom 3. Oktober 2014 geführt, will Köppel in seinem Notizbuch in direkter Rede festgehalten und später auf seinen Computer übertragen haben. Einen Ausdruck davon führte er sehr viel später als Aktennotiz in das Gerichtsverfahren ein.

Das Gericht lud Köppel und Schawinski tatsächlich vor. Die Befragung der beiden zu dieser Aktennotiz und ihre direkte Konfrontation war im Rahmen einer öffentlichen Verhandlung geplant, fand dann aber wegen eines «kanzleitechnischen Versehens» unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Als Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor kurzem davon erfuhr, beantragte es gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip Einsicht in das Protokoll der Befragung. Dem Antrag wurde stattgegeben.

«Der hat mich ja gleich nachher aus der Sendung rausgeworfen, nachdem er die Aktennotiz gesehen hat.»Roger Köppel

Aus dem 34-seitigen Verhandlungsprotokoll geht natürlich nicht hervor, wie sich die beiden Männer vor Gericht begegneten. Würdigten sie sich überhaupt eines Blickes? Schüttelte der eine den Kopf, wenn der andere etwas sagte? Und tat der andere das Gleiche, wenn der eine sprach? Laut Protokoll sprachen sie übereinander als «Herr Schawinski» und «Herr Köppel». Erst ganz am Schluss der 95-minütigen Befragung fällt eine Aktennotiz auf: «Der Zeuge Schawinski fällt Roger Köppel ins Wort, und es bahnt sich ein lautstarkes Wortgefecht an, sodass die Referentin zur Ruhe ermahnen muss.»

Zuvor hatte Roger Köppel vor Gericht bestätigt, was in der ominösen Akten­notiz steht, nämlich dass Schawinski ihm gegenüber die Liebesbeziehung bestätigt habe. «Das war für mich wie so ein – was soll ich sagen . . . Ich bin einfach erstaunt gewesen: eine Sensation!»

Er habe Schawinski nicht gesagt, dass er das Gespräch notiert habe. Aber der habe auch nicht gesagt, «dass dies vertraulich oder total off the record sei». Es sei klar gewesen, dass er Schawinskis Aussage nur schon für den Fall schriftlich festhalten müsse, dass es in dieser Geschichte jemals zu einer juristischen Auseinandersetzung komme. Denn das «ist natürlich eine Aussage, bei der Herr Schawinski in einen gravierenden Loyalitätskonflikt mit seinem Freund Philipp Sarasin gerät».

«Wie vom Blitz getroffen»

Die Aktennotiz öffentlich zu machen, beispielsweise in der gemeinsamen Sendung, hätte laut Köppel zum «Kriegs­zustand» zwischen ihm und Schawinski geführt. «Sie sehen ja: Der hat mich ja gleich nachher aus der Sendung raus­geworfen, nachdem er die Aktennotiz gesehen hat.»

Roger Schawinski bestätigte dem Gericht, mit Philipp Sarasin seit etwa 2000 oder 2001 freundschaftlich verbunden zu sein. Svenja Goltermann habe er aber erst im Jahre 2013 kennen gelernt und seither etwa dreimal gesehen. Die angeblich im Oktober 2014 erstellte Aktennotiz habe ihm Köppel Ende August 2015 zusammen mit einem Brief geschickt. «Ich wurde natürlich wie vom Blitz getroffen, weil ich das in vierzig Jahren journalistischer Tätigkeit noch nie so ähnlich erlebt habe. Dass er mit einer Aktennotiz mit übrigens – wie ich noch darlegen werde – falschen Angaben versucht, irgendwie seine Sache – um die es sehr schlecht stand, wie man damals schon wusste – noch zu retten; eine Affäre, in die ich überhaupt nicht involviert bin.» Mehrmals äussert Schawinski sein Unverständnis, dass ein journalistischer Kollege überhaupt auf die Idee kommen kann, aufgrund eines privaten Gesprächs eine Aktennotiz zu erstellen.

Von Wahnsinnigen und öffentlichen Lügnern

Auf die angebliche Liebesaffäre und seine angebliche Aussage gegenüber Köppel angesprochen, sagte Schawinski: «Die Aussage habe ich so nicht gemacht.» Die gesamte Aktennotiz sei frei erfunden. Nach dem Erscheinen des ersten Artikels habe er Köppel gesagt: «Was seid ihr denn für Wahnsinnige, so etwas rauszulassen.» Die Weltwoche werde ihre Geschichte «nie beweisen können». Vom angeblichen Liebesverhältnis hätte er, Schawinski, ja nur von Sarasin persönlich wissen können. «Ich kann jetzt hier sagen, dass Philipp Sarasin mir niemals so etwas gesagt hat. Und wenn ich das falsch wiedergegeben hätte, wäre ich ein öffentlicher Lügner.»

Zuletzt wurden beide Rogers gleichzeitig befragt. Frage an Köppel: Sie bleiben bei Ihren Aussagen? «Ja, natürlich!» Frage an Schawinski: Bleiben Sie bei Ihren Ausführungen? «Absolut!»

Köppel wunderte sich erneut, warum Schawinski nach Erhalt der scheinbar ungeheuerlichen Aktennotiz nicht sofort den Kontakt abgebrochen und ihre Sendung abgesetzt habe. «Wenn ein Kollege, der mit mir jahrelang eine Sendung macht, mir so etwas schicken würde – eine erfundene Aktennotiz zu einem sensiblen Fall – dann breche ich sofort alles ab.»

Zivilurteil steht noch aus

«Vielleicht habe ich wirklich eine Woche zu lange gewartet», sagte Schawinski. Es habe «ein wenig Zeit gebraucht», eine solch erfolgreiche Sendung abzusetzen. «Sogar meine Frau hat mit mir noch ­einige ernste Gespräche geführt.»

Nach dieser Befragung der beiden Rogers konnten ihre Rechtsvertreter noch schriftlich Stellung nehmen zum Ergebnis des Beweisverfahrens. Dem Vernehmen nach ist das Gericht gegenwärtig an der Abfassung des Urteils. Wann es veröffentlicht wird, ist noch offen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 06:19 Uhr

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