Der blonde Engel von Pattaya

Über 100 deutschsprachige Gefangene hat die Zürcherin Esther Kaufmann in thailändischen Gefängnissen bisher betreut – freiwillig und unbezahlt. Für die Verbrechen ihrer Schützlinge interessiert sie sich nicht.

Hat in Thailand schon viel Elend gesehen: Esther Kaufmann bei einem Besuch in der Schweiz.

Hat in Thailand schon viel Elend gesehen: Esther Kaufmann bei einem Besuch in der Schweiz. Bild: Nicola Pitaro

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Daniel Lanz (Name geändert) sitzt in der Besucherkabine des Spitalgefängnisses. Weiss gestrichene Metallstangen trennen ihn von Esther Kaufmann. Und eine einen Zentimeter dicke Plexiglasplatte mit ein paar fingergrossen Löchern, damit sich die beiden unterhalten können. Er trägt ein verwaschenes Gefängnishemd, seine Arme sind tätowiert. Sie ist adrett in einem knielangen Rock gekleidet, geschminkt und manikürt. Die Sonnenbrille steckt in den Haaren. Der Mann ist noch keine 30 Jahre alt. Wegen eines Drogendelikts wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Esther Kaufmann begrüsst ihn mit einem: «Hallo, gut siehst du aus.» «Ja», sagt er, «es ist okay.» «Du hast etwas zugenommen. Das heisst, dass du wieder isst. Das ist gut.» «Ich esse ein wenig, aber nicht zu viel.» «Und du treibst wieder Sport?» «Ja, ein wenig. Ich hoffe, schon bald neue Tischtennisbälle zu erhalten.»

Das Leben im Gefängnis Klong Prem ist hart. «Bangkok Hilton», wie die Strafanstalt auch genannt wird, hat den Ruf, zu den schlimmsten Gefängnissen der Welt zu gehören. Viele Gefangene schlafen auf dem Boden oder auf dünnen Mättchen. Körper liegt an Körper in den überfüllten Zellen. Das Neonlicht brennt die ganze Nacht. Als WCs dienen Löcher mitten in den Schlafräumen, Trennwände gibt es nicht. Wenn das Wasser knapp wird, müssen sich die Inhaftierten mit verdrecktem Flusswasser waschen.

Wärter verprügeln Gefangene

Weit über 7000 Menschen hocken auf engstem Raum lange Strafen ab – zum Teil sind sie mit Fussketten gefesselt. Zusammen mit den Gefangenen des Untersuchungsgefängnisses, des Frauengefängnisses und der Drogenhaftanstalt leben auf dem Gelände über 20'000 Menschen.

Die Besuche von Esther Kaufmann und anderen Freiwilligen sind für die deutschsprachigen Gefangenen wichtig. Florian Berger (Name geändert) sass sieben Jahre in Klong Prem und ist seit Januar wieder in der Schweiz. Er sagt: «Wenn ein Gefangener gar keinen Besuch erhält, ist er abgeschrieben. Dann machen die Wärter mit ihm, was sie wollen. Diese Leute werden schikaniert, wo es nur geht. Sie werden halb zu Tode geprügelt für die kleinsten Kleinigkeiten.» Solange man eine Verbindung nach aussen habe, passiere einem das nicht. «Ohne die Besuche, ohne den Kontakt würde man durchdrehen.»

Der knapp 60-jährige Zürcher wurde im Zuge einer Amnestie des thailändischen Königs begnadigt. Sein Strafregister ist gelöscht.

Schulden sind lebensgefährlich

Daniel Lanz hat sechs Jahre seiner Strafe abgesessen – für die gleichen Drogenvergehen in Europa wäre er längst wieder ein freier Mann. Er hat aber das Glück, im Gefängnisspital arbeiten zu können – er wohnt auch dort. Die Bedingungen sind besser. Und er ist geschützt vor anderen Gefangenen, bei denen er verschuldet ist.

«Deine finanziellen Probleme hast du gelöst?», fragt Kaufmann. «Es ist okay», sagt er. «Sie rücken dir nicht mehr auf die Pelle?» «Hier drinnen nicht.» Damit meint er das Gefängnisspital.

Florian Berger weiss, was mit Gefangenen passiert, die Schulden haben: «Zuerst werden sie verprügelt, irgendwann dann umgebracht.» Einen solchen Mord hat er miterlebt, es ist sein schlimmstes Erlebnis in Klong Prem: «Beim Duschen wurde einem neben mir der Hals durchgeschnitten.» Auch hier nützen die Besuche von Freiwilligen wie Esther Kaufmann: Unter den Gefangenen ist einer besser geschützt, wenn er Besuche erhält.

Eine soziale Ader, aber kein Helfersyndrom

Vor 22 Jahren ist Kaufmann nach Thailand gezogen, mit ihrem Mann, der vor wenigen Monaten verstorben ist, und ihrer Tochter, die in der Schweiz die Hotelfachschule absolviert hat. Diese wird demnächst an der Réception eines Zürcher Tophotels arbeiten. Zuerst wohnte die Familie in Bangkok. Seit sechs Jahren lebt und arbeitet Esther Kaufmann im Ferienort Pattaya. Sie besitzt dort zwei Reisebüros mit zwölf Angestellten. Als nur eines von sechs Reisebüros in der Stadt hat sie die Lizenz, internationale Flüge zu verkaufen. Viel verdiene sie nicht mit den Büros, sagt sie. «Es ist schon fast Entwicklungshilfe, die ich hier leiste.» Kaufmann ist in Wiesendangen bei Winterthur aufgewachsen und hat eine Lehre als Coiffeuse gemacht.

Die 52-Jährige hat die Arbeit mit den Gefangenen schon bald nach ihrer Ankunft in Thailand aufgenommen: «Ich suchte eine Aufgabe für mich», sagt sie. Und: «Ich wollte dem Land, das ich so sehr mag, etwas zurückgeben.» Alle in ihrer Familie hätten eine soziale Ader, aber kein Helfersyndrom. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt Kaufmann 2002 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau das deutsche Bundesverdienstkreuz.

Trost nur mit Worten möglich

Kaufmann besorgt den Inhaftierten Medikamente und Vitamine, benachrichtigt die Botschaft, wenn etwas nicht stimmt. Hört zu. Und möchte sie zum Trost in die Arme nehmen, wenn sie vor Verzweiflung zusammenbrechen. Doch zwischen ihnen sind immer die Gitterstäbe. Oftmals ist Kaufmann die einzige Frau, die diese Männer in all den langen Jahren sehen. In Briefen und Tagebüchern wird sie von ihnen darum als Engel bezeichnet.

Florian Berger erhielt fast wöchentlich Besuche von Kaufmann. «Ist sie einmal nicht gekommen, bin ich nervös geworden, dann hat mir etwas gefehlt», sagt er. Auf die Besuche habe er sich sehr gefreut, sich rasiert und das blaue Gefängnisgewand angezogen, das er nur für diese Gelegenheiten erhalten habe. «Ich musste aber auch mit anschauen, wie die Uniformierten Esther und ihre Kolleginnen behandelten. Das war himmeltraurig. Sie wurden beleidigt und schikaniert.»

Gefängniskleider gibt es

Kaufmann bringt nicht nur Ablenkung ins eintönige Gefängnisleben der Inhaftierten, sondern zahlt die Sozialhilfe ihrer Heimatländer auf die Konten der Gefängnisbank ein: Schweizer erhalten 6500 Baht (knapp 200 Franken) pro Monat, Deutsche 100 Euro. Die Inhaftierten dürfen im Gefängnis selber kein Geld auf sich tragen. Im Untersuchungsgefängnis können sie Esswaren vom internen, kleinen Einkaufsladen beziehen, aber auch Hamburger bei McDonald’s bestellen und über die Bank bezahlen.

Florian Berger sagt, dass diese Sozialunterstützung im Gefängnis wichtig sei. «Kleider kriegt man nicht, die muss man sich kaufen.» Und er habe nur Mahlzeiten gegessen, die er für sich selber gekauft habe.

Schreien, um sich zu unterhalten

Momentan sitzen in den Gefängnissen von Bangkok und in der Provinz Chonburi, die Kaufmann besucht, acht deutschsprachige Gefangene ihre Strafen ab. Die Zahl hat abgenommen, weil europäische Staaten Übernahmeabkommen mit Thailand abgeschlossen haben. Die Gefangenen sitzen damit weniger lang in den thailändischen Gefängnissen, weil sie den Rest ihrer Strafe in der Heimat absitzen können.

Kaufmann besitzt für ihre Gefängnisbesuche einen speziellen Ausweis als Freiwilligenhelferin. Dieser erleichtert ihr die Besuche. Sie hat damit in einigen Gefängnissen das Privileg, die speziellen Räume für Anwälte zu benutzen, um in Ruhe mit den Gefangenen zu reden. Das ist vor allem im Untersuchungsgefängnis ein Vorteil: Die Gefangenen und die Besucher sitzen dort ein paar Meter auseinander, getrennt durch eine Scheibe. Zur Kommunikation dient ein Telefon, das oft nicht funktioniert. Sie müssen einander zuschreien, um sich zu unterhalten. Ein Gespräch ist in diesem Tumult nicht möglich.

Die Gefängniswärter würden nicht verstehen, warum Esther Gefangene besucht, sagt Florian Berger. «Sie sind sogar verängstigt dadurch. Weil Esther eine Identitätskarte der Botschaft hat, meinen die Wärter, sie käme von der Botschaft.»

Heim für Kinder gegründet

Über die miesen Verhältnisse in den Gefängnissen regt sich Kaufmann nicht auf. Im Gegenteil, sie kann diese nachvollziehen: «Die Bedingungen drinnen dürfen nicht besser sein als im Slum in Bangkok.» Sonst würden diese Menschen Verbrechen verüben, um ins Gefängnis zu kommen – und so in besseren Verhältnissen leben zu können.

Dass das tatsächlich passieren kann, dafür hat Kaufmann ein eindrückliches Beispiel. Anfang der 90er-Jahre konnten inhaftierte, schwangere Frauen ihre Kinder neu im Polizeispital zur Welt bringen. Eine Spitalgeburt ist ein Luxus, den sich nicht viele Thailänder leisten können. Darum verübten solche Frauen vermehrt Straftaten. Da Kinder aber nicht in Gefängnissen leben dürfen, wurden sie in keiner Statistik aufgeführt. Damit erhielten die Frauen kein zusätzliches Essen oder Kleider für die Kinder.

Kaufmann und ihre Kolleginnen gründeten darum 1995 eine Stiftung und das «Sparrow Home», das «Heim für Spatzen». Dort wachsen diese Kinder nun auf. Einmal im Monat besuchen sie ihre Mütter im Gefängnis.

Zuhören und da sein

Daniel Lanz hofft, schon bald in sein Heimatland zurückgeschafft zu werden, wo er den Rest seiner langen Strafe absitzen wird. Sein Gesuch liegt bei den Behörden, die Kommission sollte demnächst entscheiden.

«Du weisst, dass es nach dem Entscheid noch drei, vier Monate dauert, bis du überstellt wirst?», fragt Kaufmann. «Kein Problem.» «Hast du dir schon überlegt, was du dort machen willst?» «Was meinst du?» «Es wird für dich nicht einfach. Du kennst niemanden dort.» «Das ist gut, ich will alles hinter mir lassen.» «Sprich mit den Sozialarbeitern. In Europa helfen die wirklich. Sonst hast du keine Chance, wenn du mal rauskommst. Und besprich die anderen Probleme mit dem Psychiater. Oder hast du die jetzt im Griff?» «Ich sehe mein Blut gerne, wenn es mir nicht gut geht.» Daniel L. schaut auf seine tätowierten Arme.

Florian Berger war zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden – wegen illegaler Unterbringung von Ausländern. Er habe sich nie schuldig gefühlt, sagt er. «Zu viele Gedanken habe ich mir nicht darüber gemacht, denn je mehr man im Gefängnis darüber nachdenkt, je schlimmer wird es. Irgendwann sagt man sich: Es geht nur noch darum, zu überleben.»

Kaufmann erzählt in Gesprächen ausserhalb von Klong Prem und des Gefängnisspitals wenig von den Gefangenen, die sie betreut. Es interessiert sie nicht, warum einer im Gefängnis ist. «Er ist für seine Tat verurteilt, er sitzt bereits», sagt sie. Die Gefangenen würden etwas Mitleid für ihre Situation erwarten, das gebe sie ihnen.

Das Wort Gefangener braucht Kaufmann selten. Namen nennt sie kaum, meist heissen die Männer einfach «sie». Immer wieder benutzt Kaufmann aber auch das Wort Schlitzohr. Wird einer freigelassen oder in seine Heimat überstellt, bricht der Kontakt fast immer ab. «Unsere gemeinsame Geschichte endet dann.»

Erstellt: 16.06.2012, 11:10 Uhr

Esther Kaufmann-Wagenbach

Die 52-jährige ist in Wiesendangen bei Winterthur aufgewachsen. Sie hat eine Lehre als Coiffeuse absolviert. Mit ihrem Mann, der vor wenigen Monaten verstorben ist, ist sie vor 23 Jahren nach Hongkong ausgewandert, da er dort eine Stelle angenommen hatte. Nach eineinhalb Jahren zogen sie nach Bangkok um. Seit sechs Jahren wohnt Kaufmann im Touristenort Pattaya, wo sie zwei Reisebüros mit zwölf Angestellten betreibt. (zet)

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