Daniel Vischer ist tot

Der ehemalige Nationalrat der Grünen wurde für seine klare Meinung und offene Haltung geschätzt. Er starb einen Tag nach seinem 67. Geburtstag. Ein Nachruf.

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Er war interessant, denn er war interessiert. Was der FCB gegen Bayern verhauen hatte, konnte er bis auf einzelne Fehlpässe hinunter analysieren. Man sah ihn regelmässig im Schauspielhaus, er liebte das Theater, hatte in Basel bei Werner Düggelin als Komparse und Regieassistent dilettiert. Was seine beste Rolle gewesen sei, fragte man ihn. «Eine Leiche», sagte er. Wenn man mit ihm abmachte und auf ihn wartete und er beim Eintreten sah, was für ein Buch man las, dann kannte er Monika Maron auch; nicht nur, weil sie aus der DDR stammte.

Und kaum war er abgesessen und hatte man bestellt, ging es los, das Gespräch mit ihm, und man hätte am Ende des Abends verschlungene Wege auf der Karte der Gedanken, Ideen, Vorschläge und Absurditäten zeichnen müssen, um all dem gerecht zu werden, was er sagte, was ihm einfiel, was er diskutieren wollte, was er gelesen, gehört, erfahren und gelernt hatte, womit er überhaupt nicht einverstanden war, und das war eine Menge, gerade auch bei denen, die ihm politisch nahestanden.

Er fragte auch viel, unüblich für einen Politiker, denn er wollte die andere Meinung hören. Daniel Vischer liebte die Politik, den Fussball und die Debatte, und da er auch den Klatsch über alles schätzte, war man am Ende eines Abends mit ihm weitergebildet und bestens unterhalten. In seinem Büro standen ein Billardtisch, eine Jukebox und eine Bar mit Kühlschrank. Er lachte viel und laut, sein Haar stoppelte in alle Richtungen. Er war ein spielerischer Mensch.

Der Protestant

Dabei begann sein Leben protestantisch ernst. Er war doppelt gezeichnet, wenn man so will, sein Vater war ein Vischer und seine Mutter eine Sarasin, also wuchs er, am 16. Januar 1950 als Ältester von drei Kindern geboren, in einer bürgerlichen Familie auf. Sein Vater war ein hoch angesehener liberaler Jurist und Rektor der Basler Uni, seine Mutter Krankenschwester. Die Familie scheint den Sohn weniger geprägt zu haben als die Religion. Vischer empfand den Protestantismus seiner Heimatstadt, diese strenge Kombination aus südbadischem Pietismus und Calvinismus, als «unheilvolle Ecke», wie er der «Basler Zeitung» einmal sagte, das Leben kam ihm vor «wie ein ewiger Karfreitag». Häufig redete er von seinem Vater, der erst vor kurzem mit 92 Jahren verstarb. Bis zuletzt fragte sich der Sohn, ob er den väterlichen Ansprüchen genügt hätte. Auch in den unveröffentlichten Memoiren, an denen Vischer arbeitete, kommt diese Frage immer wieder: Mache ich es gut genug?

Dazu passt, dass er ein fauler Schüler war, der sich mehr für Mädchen als für Mathematik interessierte und am liebsten in den Spielsalon ging, um zu flippern. Dazu passt nicht, dass er die Matur trotzdem schaffte, Jus studierte, das Anwaltspatent machte und sich auf Strafrecht, Arbeitsrecht und Scheidungsrecht spezialisierte. Dabei half er auch Klienten, deren Absicht er nicht teilte.

Der Rhetoriker

Dass er es gut genug machte, zeigt auch seine politische Laufbahn, der Aufstieg eines Renitenten von einer linksradikalen Lokalpartei zu einem landesweit bekannten, auch von seinen politischen Gegnern geschätzten Politiker. In seiner Jugend las Vischer Marcuse, Marx, Brecht und andere Linke und half mit, die Progressive Organisation Schweiz (Poch) zu gründen. Im Kampfjahr 1968 wurde er zu ihrem Sekretär. Die Poch expandierte von Basel in andere Städte, Vischer expandierte mit. Obwohl er sein Leben lang ein kompletter Basler blieb, ging ihm der «Bebbiismus» auf die Nerven, wie er den Chauvinismus seiner Stadt bezeichnete.

Er selber wohnte mit seiner Frau und zwei Kindern in Zürich, wurde 1983 in den Kantonsrat gewählt, dem er bis 2003 angehörte. 1990 wechselte er zu den Grünen, obwohl ihm Gerechtigkeit wichtiger war als Energiebilanz. Mit seiner brillanten Rhetorik, seiner Kompetenz und seinem Humor fiel er im Rat schnell auf. Der linke Stürmer war auch bei Journalisten beliebt, weil er sich immer Zeit nahm zum Erklären, sogar wenn man ihn gar nicht zitierte. Am meisten zitiert wurde er als Präsident der VPOD Luftverkehr, das war nach dem Grounding der Swissair im Herbst 2001, und die ganze Schweiz lernte den hartnäckig kritischen Daniel Vischer kennen. Zwei Jahre später wählten ihn die Zürcherinnen und Zürcher zum Nationalrat, wo er bis Ende 2015 aktiv war, unter anderem als Präsident der Rechtskommission.

Der Linke

Wie kritisch sah er sich selber? Dass er in seiner Jugend palästinensische Terroristen und Diktatoren aller Gattung toll fand, von Castro über Ghadhafi und Kim Il-sung bis Tito, dass er sich auf einen DDR-Spion eingelassen hatte: Er hat es nie geleugnet. Er hat sich auch mit Leidenschaft für Palästina engagiert. Vischer reiste nach Kuba, Libyen und sogar Nordkorea, Amerika hat er nie gesehen. Seine Haltung sei eine libertäre gewesen, rechtfertigte er sich in der NZZ. So hat man ihn selber erlebt: als Linken, der die Linken kritisch sah, gerade weil er zu ihnen gehörte. Protestantische Selbstprüfung auch hier, durch Selbstironie gemildert.

Am Dienstag ist Daniel Vischer im Zürcher Universitätsspital gestorben. Tags zuvor konnte er daheim mit seiner Frau Bettina und den beiden Kindern den 67. Geburtstag feiern. «Wir haben schon gespürt, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt», sagt seine Frau. Ihr Mann litt seit Jahren an Krebs, ausgerechnet jener Krankheit, vor der er sich hypochondrisch sein ganzes Leben lang gefürchtet hatte. Er musste sich operieren lassen und sich einer ständigen Chemotherapie unterziehen, nahm es aber mit Gleichmut und Humor. Beklagt hat er sich nie, höchstens geredet darüber und das nicht mit jedem. Wo er denn gesteckt habe, fragte man ihn beim letzten Znacht, das war vor ein paar Monaten. «Ich bin fast gestorben», sagte er. Lachte laut. Und bestellte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2017, 13:55 Uhr

Tagesanzeiger.ch/Newsnet besuchte Daniel Vischer vor der Wahl 2011 zu Hause.

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