Der erste Freier in der Sexbox

Seit Montag hat die Stadt den schweizweit ersten Strassenstrich mit Sexboxen. Sie wurden rasch genutzt. Ein Besucher erzählt, wie es dort zu- und hergeht und weshalb sich viele auf dem Platz verfahren haben.

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Um 19 Uhr war es soweit: An der Aargauerstrasse in Altstetten öffnete der erste Strichplatz der Schweiz das Tor. Nun sollen sich Prostituierte und Freier dort und nicht mehr am Sihlquai treffen. Die Bedingungen auf dem grössten Strassenstrich des Landes waren für die Frauen und die Anwohner so mies, dass die Stadt die Anlage beim Depotweg baute. Auf dem Strichplatz stehen neun Auto- und zwei Stehboxen, in denen der käufliche Sex vollzogen werden soll.

In der ersten Stunde durften die Medien auf das Gelände. Über ein Dutzend Journalisten und Fotografen waren da. Stapo-Medienchef Marco Cortesi musste CNN ein Telefoninterview geben und aus Deutschland war ein TV-Team vor Ort. Trotzdem liessen es sich drei Männer nicht nehmen, den Strichplatz abzufahren. Einer hielt an, um Interviews zu geben.

«Viel billiger»

«Es nahm mich wunder, wie es hier aussieht», sagte der Mann aus der Region Winterthur. Es sei für viele Freier wohl nicht dasselbe wie am Sihlquai, wo man anonymer gewesen sei. Doch er könne sich vorstellen, hierher nach Altstetten zu gehen. «Es ist sauberer hier.» Die mangelhafte Hygiene schreckte ihn nicht ab, Sex auf der Strasse zu konsumieren. Für ihn ist das schlagende Argument aber nicht das heruntergekommene, verruchte Image, das gewisse Freier auf den Strassenstrich lockt. «Es ist viel billiger als an einem anderen Ort», sagte der Mann.

Bereit für ein Geschäft mit einer Prostituierten war er: Fünfzig Franken lagen griffbereit auf dem Sitz. Was ihn störte, war die Beschilderung auf der Anfahrt. «Zwanzig Minuten lang habe ich den Weg gesucht.» Nun wisse er immerhin, wo der Strichplatz zu finden ist.

Bereits im GPS-Gerät

Die Schilder, welche die Stadt am Montag angebracht hat, sind tatsächlich sehr diskret. So zeigt an der Kreuzung Aargauer-/Pfingstweidstrasse ein Schildchen die Richtung, das so gross ist wie eine Tafel für Velo-, nicht aber für Autofahrer.

Bei der Stadt gibt man sich hingegen zuversichtlich: Die Zielgruppe wird den Weg schnell finden, heisst es. Und ein Mann von der Abteilung Sicherheit, Intervention und Prävention (SIP) sagte, mit Navigationsgeräten sei der gesuchte Depotweg bereits zu finden.

Kurz nach 20 Uhr traf die erste Prostituierte ein, wenig später drehten Freier ihre Runden. Ein Besucher des Strichplatzes schilderte die Situation nach 22 Uhr so: Es standen etwa zehn Prostituierte auf dem Platz. Das waren deutlich weniger als sonst am Sihlquai. Dort arbeiteten viel mehr Frauen auf der Strasse, am Wochenende bis zu 40. In Altstetten standen die meisten bei den ersten Häuschen, wo sie winkten und tanzten wie immer. Wohnwagen hatte es einen. Am Ende stand eine Frau oben ohne, deshalb kam es zu kleinen Staus, weil viele mit ihr reden wollten.

Auf dem Parkplatz der Angestellten gelandet

Ansonsten sei alles wie sonst auch, man komme schnell zum Geschäft und die Sexboxen wurden genutzt. Den Besucher ärgert, dass man auf dem Strich kaum Platz habe, um ein still stehendes Auto zu überholen. Auch die Signalisation auf dem Strichplatz müsse man verbessern. «Viele sind mit ihrem Auto nach der Pick-up-Zone geradeaus gefahren – auf den Parkplatz der städtischen Angestellten.»

Ansonsten scheint der neue Strich in der ersten Nacht zu funktionieren. Zumindest zeigt ein Augenschein am Sihlquai, dass dort keine Frau am Strassenrand steht. Der Platz unter der Kornhausbrücke ist ebenso leer. Das liegt nicht nur daran, dass die Stadt seit Montagmittag über die blauen Parkplätze ein dreiwöchiges Parkverbot verfügt hat. Es hat auch keine Gaffer mehr, und der Autoverkehr ist deutlich geringer als sonst gegen Ende Monat, wenn der Lohn eingetroffen ist.

Das mag auch daran liegen, dass die Polizei deutlich Präsenz markiert. Kastenwagen patroullieren, und zwei Velopolizisten mustern jeden Fussgänger und jedes parkierte Auto. Plötzlich rollen acht Polizisten auf Rädern herbei. Fünf kontrollieren einen Schwarzen bei der Migrol-Tankstelle, drei verschwinden Richtung Oberer Letten, gefolgt von Polizisten zu Fuss. Die Einsätze verlaufen offenbar ruhig.

Trostlose Brunau

Kaum Polizei ist am zweiten Strassenstrich im Niederdorf zu sehen. An der Zähringerstrasse stehen nur drei, vier Frauen. Eine indische Familie mit einem kleinen Knaben wartet auf ein Taxi, daneben versucht eine Prostituierten erfolglos, einen älteren Mann in einem roten T-Shirt für Bezahlsex zu begeistern.

Noch trostloser ist das Bild in der Brunau, dem dritten Strassenstrich, der in Zürich erlaubt ist. Dort, wo die Frauen wie bisher am Sihlquai ohne Schutz oder Infrastruktur anschaffen können, ist es Montagnacht wie ausgestorben. Ein Lieferwagen dreht eine Runde auf dem Parkplatz unter dem Autobahnviadukt und hält an. Wenige Minuten darauf fährt er wieder los und biegt auf die Autobahn ein.

Weiter vorne beim Sihlcity ist es noch ruhiger. Ein Paar mit Sporttaschen steigt in sein Auto, ansonsten regt sich um oder in den wenigen Autos auf dem Parkplatz nichts. Die Bewährungsprobe für den neu organisierten Zürcher Strassenstrich steht noch aus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2013, 01:06 Uhr

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