Der gefährlichste Zürcher Bauernhof

Durch den Betrieb der Familie Locher in Bonstetten fahren täglich mehr als 1400 Fahrzeuge zur Autobahn. Experten schlagen Alarm.

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Auf diesem Hof leben die Kühe gefährlich, und die Mäuse können sich freuen, da es keine Katzen mehr gibt. Dreizehn überfahrene Katzen im Jahr ist der Rekord. Selbst ein Huhn, sonst agile Tiere, musste dran glauben.

Um ehrlich zu sein: Hin und wieder hat auch ein Auto Schaden genommen. «Drei Blechschäden musste meine Versicherung bezahlen, weil es zu Kollisionen mit Kühen kam, die auf ihre Weide trotteten», sagt Werner Locher. Am dümmsten gelaufen war es, als ein Automobilist mit seinem neuen BMW den Weidabzug von hinten überholte, zwei Kühe nervös wurden, sich schubsten und die eine in einem Satz auf der Kühlerhaube des Autos landete.

Sie müssen ein bisschen lachen? Den Lochers von Bonstetten ist das Lachen schon lange vergangen, denn die Situation hat sich in den letzten Jahren stetig verschärft. Die Situation sieht so aus: Die Islisbergstrasse führt seit je direkt durch den Bauernhof der Lochers. Es handelt sich um eine Gemeindestrasse, die eigentlich nur für den Quellverkehr gedacht ist.

Nur ist die Islisbergstrasse seit der Eröffnung der A4 durchs Säuliamt und des Uetlibergtunnels zum Autobahnzubringer geworden. Denn die Automobilisten aus den aargauischen Gemeinden Islisberg, Rottenschwil und Lunkhofen verhalten sich nicht so, wie es die Verkehrsplaner vorhersagten. Sie nehmen nicht den umständlichen Weg bis zur Autobahneinfahrt Birmensdorf, sondern kurven die Islisbergstrasse hinunter, mitten durch den locherschen Hof zum Autobahndreieck Zürich-West in der Fildern. Es ist ausserorts, es gilt Tempo 80. In diesen Tagen wurde die Strasse auf ­aargauischem Gebiet zudem saniert, was sie noch attraktiver macht.

Fachstelle warnt vor Unfällen

Eine Verkehrszählung, die vor zwei Jahren durchgeführt wurde, ergab bereits damals die Durchfahrt von 1400 Fahrzeuge pro Tag – «der Verkehr hat seither nochmals stark zugenommen», sagt Carole Locher. Und: «Die meisten Automobilisten drosseln zwar das Tempo, doch auch wenn sie mit 50 km/h kommen, ist das gefährlich für unsere Tiere und uns.»

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Gerade noch glimpflich verlaufen ist vor Jahren ein Unfall, bei dem ihr Sohn von einem Auto angefahren wurde. Er kam mit Schürfungen und Prellungen davon. Carole Locher zieht ein Foto aus einem Ordner heraus, das einen arg ­zerschundenen 6-jährigen Buben zeigt. Der Sohn übernimmt nächstes Jahr den Hof. Möglich, dass hier bald wieder Kinder spielen.

«Nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Personenunfall kommt.»Aus dem Expertenbericht

Eine 2013 von Lochers bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft in Auftrag gegebene Beurteilung der Lage kommt zum Schluss: Die Verkehrssituation sei für alle Beteiligten untragbar geworden. «Bei einer solchen Ausgangslage ist es erfahrungsgemäss nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Personenunfall kommt.»

Wenn Werner Locher seinen Traktor in Betrieb nehmen will, muss er die Strasse queren, denn die Garage liegt auf der anderen Hofseite. Die Einfahrt ist unübersichtlich. Müssen Autos auf der engen Strasse kreuzen, weichen sie meist in die private Hofeinfahrt aus – die Lochers wollten dem einen Riegel vorschieben, indem sie mit Tafeln oder Harassen die Grenzen markierten. «Es lagen nach kurzer Zeit nur noch einzelne Brettchen da», erzählt Werner Locher.

Ein im Auftrag der Gemeinde vor zwei Jahren erstellter Bericht eines auf Verkehrsfragen spezialisierten Planungsbüros kommt zum Schluss: «Aufgrund dieser Sicherheitsdefizite ist eine Verkehrsberuhigung angezeigt, damit unter anderem die Arbeitsabläufe um den Hof respektive die allgemeine Lebensqualität verbessert werden kann.» Die Verkehrsfrequenz sei zwar gesamthaft eher bescheiden, doch liege das ­Gefahrenpotenzial bei der Einzelfahrt. Der Ratschlag des Planungsteams an die Behörden der Gemeinde Bonstetten lautet, eine Verbesserung einzuleiten.

Zu teuer für die Gemeinde

Tatsächlich wurde die Gemeinde daraufhin aktiv: In Zusammenarbeit mit der Kapo wurde ein Projekt erstellt, das am Anfang und Ende der Hofdurchfahrt Schwellen vorsieht und den privaten Hofplatz durch Randsteine von der Fahrbahn abgrenzt. Veranschlagte Kosten: 94'000 Franken. «Viel zu hoch», befand der Gemeinderat nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung an einer Sitzung vom 7. Juni 2016. Der Leiter Tiefbauamt teilte den Lochers neben seinem Bedauern für die abschlägige Antwort mit, dass «Geschwindigkeitsfestlegungen in der Verantwortung der Kantonspolizei Zürich» lägen.

Lochers gaben nicht auf und baten um Tempo 30 statt Tempo 80 auf der Strecke, die durch ihren Hof führt – worauf die Verkehrstechnische Abteilung der Kapo (VTA) aktiv wurde: Diese bedauert in ihrer Stellungnahme vom 9. März dieses Jahres den Entscheid des Gemeinderates vom Juni 2016, «auf zusätzliche Massnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit verzichten zu wollen». Denn im vorliegenden Fall erachtet sie eine Herabsetzung der ­Geschwindigkeit nur durch Signale «nicht als zielführend». Es müsste durch punktuelle bauliche Massnahmen eine dauernd tiefe Geschwindigkeit erreicht werden.

Damit gibt die Kapo den Ball an die Gemeinde zurück. Und diese führt damit einen Doppelpass aus: Sie lehnt das Gesuch der Lochers um Temporeduktion ab – infolge der «ablehnenden Haltung/Beurteilung durch die verkehrstechnische Abteilung der Kantonspolizei Zürich». Und sie schreibt unter Bezugnahme auf das Gutachtens der VTA: «Eine dauerhafte tiefe Geschwindigkeit kann am ehesten mit baulichen Massnahmen erreicht werden.» Letzte Woche haben Carole und Werner Locher dagegen Rekurs eingelegt. Die Gemeinde möchte keine Stellung beziehen.

Lange Vorgeschichte

Am 9. Dezember 1974 hatte Fritz Locher, Werner Lochers Vater, sich mit einem Gesuch an den Gemeinderat von Bonstetten gewandt. Er machte sich Sorgen, weil die Gemeindeversammlung beschlossen hatte, die Islisbergstrasse staubfrei zu machen, das heisst, sie zu asphaltieren. Das begrüsse er zwar als beidseitiger Gebäudeanstösser, doch «etwas skeptisch» sehe er dem künftigen Verkehr, «vor allem der erhöhten Geschwindigkeit» entgegen.

Durch «das Wegfallen der bisherigen Schlaglöcher» werde die Geschwindigkeit erheblich zunehmen, was für sie von «beängstigender Bedeutung» sei. Er bat daher um Vorkehrungen, um die Geschwindigkeit der Fahrzeuge massiv zu drosseln. Am wirksamsten wären nach Fritz Lochers Einschätzung Querrinnen – «dies wäre die wirksamste Methode, jedoch dem Automobilisten unsympathisch». Oder dann könnte man «Geschwindigkeitsbegrenzungstafeln von max. 40 km/h» aufstellen.

«Wir haben von Ihrer berechtigten Sorge Kenntnis genommen.»Aus einem Brief des Gemeinderats vom Januar 1975

Am 28. Januar 1975 erreichte Fritz Locher ein Schreiben des Gemeinderates von Bonstetten, in dem es heisst: «Wir haben von Ihrer berechtigten Sorge Kenntnis genommen.» Denn der Umstand, dass die Islisbergstrasse unmittelbar an seinem Wohnhaus vorbeiführe und dieses von den landwirtschaftlichen Gebäuden abtrenne, bringe für ihn und seine Angehörigen eine erhöhte Unfallgefahr.

Nach einem Augenschein vor Ort zusammen mit einem Fachmann des kantonalen Polizeikommandos habe das für die Anordnung von Verkehrs­beschränkungen zuständige kantonale Polizeikommando das Gesuch zur Prüfung entgegengenommen. «Wir hoffen, dass bis zur Fertigstellung der Islisbergstrasse die erforderlichen Erhebungen abgeschlossen werden können und das Polizeikommando eine wirksame Signalisation bewilligen wird.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2017, 08:23 Uhr

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