Versteckter Rentenschock – dicke Post für Zürcher BVK-Versicherte

Bis zu einem Viertel weniger Rente: Das neue Regime der Pensionskasse BVK stellt die Pläne der Versicherten auf den Kopf. Sogar die Richter reklamieren.

Klares Urteil der Gerichtspräsidenten: Das Vorgehen der BVK ist «absolut inakzeptabel». Foto: Alamy

Klares Urteil der Gerichtspräsidenten: Das Vorgehen der BVK ist «absolut inakzeptabel». Foto: Alamy

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Bruno Pulver* hatte keinen Grund, gleich das Schlimmste zu vermuten. Klar, es war bittere Medizin, die da von der Pensionskasse BVK kam. Aber sie kam zusammen mit einer Beruhigungspille. Als die Vorsorgeeinrichtung der Staatsangestellten ihren 114'000 Versicherten mitteilte, dass sie 2017 die Regeln für die Renten ändere, lautete ein Schlüsselsatz: Das bisherige Leistungsniveau bleibt erhalten.

Dies, obwohl die BVK ankündigte, die Umwandlungssätze zu senken. Das müsse sie tun, weil die Menschen immer älter werden und das Marktumfeld wenig hergebe. Gleichzeitig verlange sie aber höhere Beiträge von Versicherten und Arbeitgebern. So gleiche sich das aus. Die Umwandlungssätze bestimmen, welchen Anteil vom Ersparten man pro Monat als Rente erhält.

Doch als Pulver die Konsequenzen für sich selbst durchrechnete, verschlug es ihm die Sprache – seine Pensionierungspläne waren über den Haufen geworfen. Der 57-jährige Kantonsangestellte hatte darauf gezählt, mit 60 in Frührente zu gehen und danach gute 4200 Franken pro Monat zu bekommen. Jetzt sollen es stattdessen nur noch rund 3500 Franken sein, ein Minus von über 15 Prozent. Pulver ist seither in Sorge, denn ein solches Einkommen reicht womöglich nicht, um mit seiner Frau im gemeinsamen Haus bleiben zu können.

Die Pechvögel mit den Jahrgängen 1957 bis 1968

Pulvers Unglück ist, dass er zu jener Generation gehört, die beim angekündigten Systemwechsel verliert. Jene, die älter sind als er – Jahrgang 1956 und darunter –, haben von der BVK eine Besitzstandgarantie bekommen, damit sie sich jetzt nicht in aller Eile frühpensionieren lassen. Und jene mit Jahrgang 1968 und jünger sollten es schaffen, die tieferen Umwandlungssätze mit höheren Beiträgen wettzumachen. Für alle, die wie Pulver dazwischen liegen, sieht die BVK zwar «Abfederungsmassnahmen» vor, um den Wechsel sozialverträglicher zu gestalten. Aber die machen den Verlust nicht wett.

Florian Küng, Leiter Kommunikation der BVK, sagt auf Anfrage, der erwähnte «Erhalt des Leistungsniveaus» gelte nicht für jeden Einzelfall, wohl aber im Durchschnitt. Gemeint seien damit die Leistungen für jene, die von 20 Jahren an bis zum ordentlichen Pensionierungsalter die vollständige Versicherungszeit durchlaufen.

«Das wirkt schon fast zynisch»

Bei diversen BVK-Kunden kommt das schlecht an. Die Präsidenten der Zürcher Bezirksgerichte etwa kritisierten jüngst in einem Brief das Vorgehen der Pensionskasse als «absolut inakzeptabel». Es wirke fast schon zynisch, wenn sie die Änderungen als «Aktualisierung der versicherungstechnischen Grundlagen» verklausuliere. Tatsächlich handle es sich um einen Rentenabbau, und die sogenannten Abfederungsmassnahmen seien «gänzlich ungenügend». Zum gleichen Urteil kommen auch der Präsident des Zürcher Obergerichts und sein Stellvertreter, der eine von der SP, der andere von der SVP.

Ihr Entscheid löst Kritik aus: Lilo Lätzsch und Bruno Zanella, beide Präsidiumsmitglieder des BVK-Stiftungsrats, sowie CEO Thomas Schönbächler (rechts). Foto: Keystone

Stossend finden sie zudem, dass der Stiftungsrat solche einschneidenden Änderungen beschlossen und öffentlich gemacht hat, ohne zuvor das Gespräch mit den Sozialpartnern zu suchen. Immerhin betragen die Renteneinbussen laut Roland Brunner von der Gewerkschaft VPOD in den krassesten Fällen bis zu 26 Prozent. Florian Küng erwidert, so etwas sei nur in Ausnahmefällen denkbar, wenn jemand kurz vor Pensionierung eine grosse Lohnerhöhung oder -senkung erhalten habe. Und was den anderen Vorwurf angehe: Der Stiftungsrat der BVK bestehe zur Hälfte aus Vertretern der Arbeitnehmer. Diese seien fast alle von den Personalverbänden empfohlen worden, deren Interessen seien also gewährleistet.

Druck machen auf den «Geheimbund»

Roland Brunner hält dagegen, der BVK-Stiftungsrat verhalte sich «wie ein Geheimbund». Die Mitglieder dürften niemandem erzählen, wie die Beschlüsse zustande kämen. Entsprechend kenne auch niemand die Berechnungsgrundlagen für das aktuelle Vorgehen der Pensionskasse. Die Gewerkschafter vom VPOD verlangen, dass diese Grundlagen offengelegt werden, damit man über die Beschlüsse nochmals diskutieren kann. Weil sie rechtlich kaum Spielraum haben, hoffen sie, dass der Stiftungsrat nun politisch unter Druck kommt – so wie im Fall der Lohnerhöhung für BVK-Chef Thomas Schönbächler, wo das letztes Jahr Wirkung zeigte.

Dem 57-jährigen Bruno Pulver bleibt vorderhand nur die grosse Enttäuschung. Die BVK spendete ihm auf einen Brief ein paar Worte des Bedauerns, bestätigten ihm aber, dass seine Berechnungen richtig seien. Ein Berater der Pensionskasse schlug ihm vor, er solle bis zur Pensionierung einfach höhere Beiträge zahlen. Ein Vorschlag, den Pulver dankend ablehnte. Das bisschen Zeit reiche niemals, um eine Lücke von rund 100'000 Franken zu schliessen. Deshalb bekam er noch einen Ratschlag: Er solle doch beim Arbeitgeber darauf hinwirken, dass ihm aus Altersgründen gekündigt werde, bevor die neuen Regeln in Kraft treten. Dazu BVK-Sprecher Küng: «Wir empfehlen solche Lösungen nicht.»

* Name geändert (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.09.2015, 22:03 Uhr

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