Der vorverschobene Stadtrats-Wahlkampf

Die grösste Hürde für SP-Stadtratskandidaten sind die eigenen Delegierten. Umso härter läuft die parteiinterne Ausmarchung.

Das SP-Quintett von links nach rechts: Regula Enderlin Cavigelli, Thomas Marthaler, Min Li Marti, Raphael Golta und Christine Seidler.

Das SP-Quintett von links nach rechts: Regula Enderlin Cavigelli, Thomas Marthaler, Min Li Marti, Raphael Golta und Christine Seidler. Bild: Foto: Theodor Stalder

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Zürich - Um Zürcher Stadtrat zu werden, braucht man 40 000 Stimmen. Diese Regel gilt nicht für alle: Wer Mitglied bei der SP ist, dem reichen 101. Seit 15 Jahren gilt: Wen die SP nominiert, der sitzt bereits im Stadthaus. Vreni Hubmann war die letzte SP-Kandidatin, welche 1994 die Wahl (knapp) nicht schaffte. Seit die Sozialdemokraten 1998 vier Sitze eroberten, haben die Stadtzürcher alle Kandidaten, welche die SP ihnen vorsetzte, ins Amt gehoben: Elmar Ledergerber, Esther Maurer, Martin Waser, Claudia Nielsen und André Odermatt. Nur Corine Mauch musste als Stadtpräsidentin durch zwei Wahlgänge.

Umso entscheidender ist der interne Wahlkampf. Um die Nachfolge von Martin Waser, der nächstes Jahr zurücktritt, bewerben sich fünf Kandidatinnen und Kandidaten: Ex-Gemeinderätin Regula Enderlin Cavigelli, Raphael Golta, Präsident der Kantonsratsfraktion, Friedensrichter Thomas Marthaler, Min Li Marti, Präsidentin der Gemeinderatsfraktion, und Gemeinderätin Christine Seidler. Von ihnen setzt sich durch, wer die Mehrheit der 201 SP-Delegierten überzeugt. Diese wiederum haben die 12 Sektionen der städtischen SP gewählt. Die fünf Kandidaten wissen namentlich, wen sie auf ihre Seite ziehen müssen.

Das ist nicht ganz einfach: Weil keine Flügelkämpfe die städtische SP spalten und sich die fünf Kandidierenden tendenziell im Zentrum der Partei bewegen, kann sich keiner durch markante Meinungen profilieren. Im Gegensatz zu parteiübergreifenden Wahlkämpfen gelten persönliche Angriffe als tabu. Alle fünf sagen, dass sie sich untereinander bestens verstünden.

Wer kennt mehr Delegierte?

Dazu kommt, dass keiner der Kandidierenden ein zwingendes Unterscheidungskriterium vorweisen kann. Der Affoltemer Martin Waser überzeugte die Delegierten 2001 unter anderem mit dem Argument, dass Zürich-Nord noch nie einen SP-Stadtrat habe stellen dürfen.

Weil die SP bereits zwei Stadträtinnen hat, spielt auch die Geschlechterfrage eine nebensächliche Rolle. Die einzige biografische Auffälligkeit bieten Thomas Marthaler und Christine Seidler, die beide eine Lehre gemacht haben. Damit wären sie die Einzigen im Stadtrat. Regula Enderlin Cavigelli kann als Chefbeamtin Führungserfahrung vorweisen. Als Fraktionschefs wissen Raphael Golta und Min Li Marti am meisten über die Mechanik der Macht. Welche Qualitäten den entscheidenden Unterschied machen, beurteilen die fünf Kandidierenden leicht anders:

«Wichtig ist, bei Parteianlässen und Diskussionen sich selber treu zu bleiben», sagt Regula Enderlin Cavigelli. «Nominiert wird, wer aus Sicht der Delegierten unsere Politik am besten als Stadtrat vertritt», sagt Raphael Golta.

«Es geht vor allem darum, wer mehr Delegierte kennt», sagt Thomas Marthaler.«Es ist ein Persönlichkeitswahlkampf. Wie man als Mensch wirkt, entscheidet mit», sagt Min Li Marti.

«Ich hebe mich dank meines Fachwissens zur Stadtentwicklung und Wirtschaft ab», sagt Christine Seidler.

Co-Parteipräsidentin Andrea Sprecher hält eine «gute und überzeugende Arbeit» in den Jahren zuvor für die beste Methode. «Die Genossinnen und Genossen wissen, wer was geleistet hat und wem sie das Amt zutrauen.»Die Kandidaten haben über den Sommer ein gemeinsames internes Wahlkampfprogramm absolviert. Sie halfen bei Standaktionen der SP-Sektionen mit, tranken an den SP-Donnerstags-Apéros beim Dynamo. Dort freundeten sie sich mit neuen Parteimitgliedern an und frischten alte Bekanntschaften auf.Andrea Sprecher nennt weitere Wege, um Stimmen zu sammeln: Delegierte kontaktieren; Lobbyarbeit via Parteifreunde; einen einflussreichen «Götti» suchen; sich über soziale Medien empfehlen. Digital am meisten Präsenz zeigt Min Li Marti, die regelmässig bloggt. Regula Enderlin Cavigelli dagegen hat weder eine eigene Website noch ein Twitter- oder Facebook-Profil. Ansonsten wollen die Kandidaten nicht verraten, wie sie genau vorgehen.

Mitentscheiden werden die öffentlichen Podiumsdiskussionen von heute Abend und Dienstag in einer Woche. Hier können die Kandidierenden Fachwissen und Witz vorführen. «Solche Anlässe bilden vor allem für die etablierten Kandidaten eine Herausforderung», sagt Andrea Sprecher. Sie starteten mit Vorsprung, weil sie in der Partei breit bekannt seien. Entsprechend hohe Erwartungen stelle man an sie. «Die eher Unbekannteren können dagegen mit einem frischen Auftritt überraschen.»

Alle angefragten SP-Mitglieder tun sich schwer, eine Gewinnerin vorauszusagen. Die Wahl sei «megaschwierig», einige sprechen von einem Loyalitätskonflikt, da sie mehrere Kandidierende kennen und schätzen. Entschieden wird am 10. September.

Dass damit die Wahl schon gelaufen ist, lässt Co-Präsidentin Andrea Sprecher nicht gelten: «Auch die städtische SP muss sich in jedem Wahlkampf neu beweisen und durchsetzen.»

Öffentliche Diskussionen: Heute Montag, 20 Uhr, Spirgarten, Lindenplatz 5. Themen: Wohnen und Kinderbetreuung. Dienstag, 27. August, 18.30 Uhr, Volkshaus, Stauffacherstrasse 60. Themen: Energie, Verkehr und Alterspolitik.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2013, 10:51 Uhr

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