«Deutsche gehen, weil sie das Klima hier nicht aushalten»

Deutsche und Schweizer sind sich laut Journalist und Doppelbürger Peer Teuwsen so nah, dass unweigerlich Spannungen entstünden. Von der Deutschen-Seite im «Tagblatt» erhofft er sich Antworten auf brennende Fragen.

Verantwortet den Schweiz-Teil der «Zeit»: Deutsch-Schweizer Doppelbürger Peer Teuwsen.

Verantwortet den Schweiz-Teil der «Zeit»: Deutsch-Schweizer Doppelbürger Peer Teuwsen. Bild: Keystone

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Herr Teuwsen, das «Tagblatt der Stadt Zürich» lanciert eine Seite von und für Deutsche. Braucht es eine solche Plattform?
Es kommt darauf an, wie sie gemacht wird. Wenn sich die Beiträge mit den besten Biergärten der Stadt beschäftigen, wäre das Ganze überflüssig. Wenn Deutsche aber ihre Sicht auf die Schweiz formulieren und das auch von Schweizern gelesen wird, dann kann die Seite eine Brücke zwischen den Nachbarn bauen. Dann würde sie Sinn machen.

Haben sich Schweizer und Deutsche nicht längst aneinander gewöhnt?
Die beiden Völker sind sich kulturell so nah, dass unweigerlich Spannungen entstehen. Mit Chinesen haben wir kaum Probleme, da sie uns so fern sind, dass wir keine Chance haben, sie zu verstehen. Zwischen Schweizern und Deutschen gibt es aber nach wie vor Klärungsbedarf. Allein der Erfolg von Büchern zum Thema und die grosse Aufmerksamkeit von Beiträgen zum Verhältnis Deutschland – Schweiz zeigen das Bedürfnis, darüber nachzudenken und zu reden. Die schonungslose Analyse von Tim Guldimann, dem Schweizer Botschafter in Berlin, zum Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland in der aktuellen Ausgabe der «Zeit» führt wieder zu vielen Reaktionen.

Die Seite im «Tagblatt» will auf die Befindlichkeit der Deutschen eingehen. Welchen Eindruck haben Sie, wie geht es den Deutschen in Zürich?
Die meisten fühlen sich wohl in Zürich und in der Schweiz. Vielen fällt es jedoch schwer, in die Nähe von Schweizern zu kommen, sie näher kennenzulernen. Das liegt auch an der Sprache. Wer Schweizerdeutsch nicht lernt, hat es schwer, in der Schweiz richtig anzukommen. Ohne den Dialekt zu beherrschen, wird man nie ganz Schweizer.

Viele versuchen es zumindest.
Das kann schepps rauskommen, wenn man dann «Fränkli» oder «Grüzi» sagt. Das habe ich mit meinen Eltern erlebt, die im Alter von 30 Jahren in die Schweiz zogen und das Schweizerdeutsche nicht mehr richtig lernten. Mit damals sechs Jahren hatte ich es viel leichter. Ihre Schweizerdeutsch-Versuche blieben so unbeholfen, dass ich ihnen später verbot, so zu reden.

Wo stehen die Deutschen bei der Integration in der Schweiz?
Die Deutschen bewundern die Schweiz, sie stehen dem Land entspannt, wenn nicht sogar liebevoll gegenüber. Im Gegensatz dazu ist das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen verkrampft. Aber ich würde mir nicht so grosse Sorgen machen. Die Deutschen wollen sich integrieren und können das wohl besser als jede andere Gruppe. Ein grosse Rolle spielt dabei die Sprache. In Basel beispielsweise ist das kein Thema, die Basler haben durch die Nähe zu Deutschland schon immer mit Deutschen zusammengelebt und gearbeitet. Es ist vor allem in Zürich ein Thema, wo die Zuwanderung in diesem Ausmass ein neueres Phänomen ist.

Welche Fragen im Zusammenhang mit den Deutschen in Zürich würden Sie interessieren?
Das Gesundheitswesen beispielsweise würde ohne die Deutschen zusammenbrechen. Wieso ist das so? Wollen die Schweizer die Jobs nicht? Oder sind die Deutschen billiger, sind sie besser? Und mich interessiert die generelle Frage, ob Deutsche den Schweizern wirklich die Jobs wegnehmen oder ob die Schweizer die Konkurrenz scheuen.

«Tagblatt»-Chefredaktor Hegglin kritisiert die Einwanderungsdebatte als provinziell, schliesslich seien die Deutschen eine Bereicherung für Zürich. Wie sehen Sie das?
Ob provinziell oder nicht, ist zweitrangig. In der Schweiz leben 270'000 Deutsche, die Einwanderungsdebatte ist ein Dauerthema. Die Diskussion muss geführt werden. Die Schweiz muss wissen, wie sie mit der Zuwanderung leben will. Man kann sich ja nicht einfach abschotten. Die Schweiz profitiert wirtschaftlich und kulturell von der Zuwanderung, sie bezahlt aber auch einen Preis dafür. Und das weckt Ängste, die sich auch in Aversionen niederschlagen. Die Art der Diskussion bewegt auch viele Deutsche, die hier leben. Ich bekomme Leserbriefe von Deutschen, die wieder gehen, weil sie das Klima hier nicht aushalten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2011, 12:10 Uhr

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