Deutsche rügen Entsorgung «aller radioaktiven Abfälle» an der Grenze

Zürich und der Aargau geht die Einengung auf zwei mögliche Endlagerstandorte zu schnell. Beide Kantone fühlen sich schon jetzt stark belastet von Verkehrs- und Energieanlagen.

Protest ist vorprogrammiert: 2000 Demonstranten protestieren bereits 2008 bei Marthalen gegen das Atomendlager Benken.

Protest ist vorprogrammiert: 2000 Demonstranten protestieren bereits 2008 bei Marthalen gegen das Atomendlager Benken. Bild: Keystone

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Von den ursprünglich sechs möglichen Standorten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle bleiben nun noch zwei übrig. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) hat heute bekanntgegeben, dass sie nur noch die Standorte Zürich Nordost und Jura Ost weiter evaluieren will. Das mögliche Endlager Zürich Nordost liegt zwar auf Marthaler und Rheinauer Boden. Geographisch betroffen wäre jedoch vor allem die Gemeinde Benken.

Die Gemeindepräsidentin Beatrice Salce (parteilos) ist vom Entscheid schockiert. «Dass die Nagra die möglichen Endlagerstandorte von sechs auf zwei reduziert hat, kommt für uns völlig unerwartet», sagt Salce. «Die beiden verbleibenden Standorte wären beide Kombilager sowohl für hochradioaktive wie auch für mittel und schwach radioaktive Abfälle», so Salce. Auf Benken komme damit möglicherweise eine sehr grosse Oberflächenanlage zu. «Als Gemeinde müssen wir jetzt schauen, dass die Beeinträchtigung auf ein Mindestmass beschränkt wird und die Lebensqualität in Benken trotz der nuklearen Anlage erhalten bleibt.» Wenn sich herausstellen sollte, dass der Standort Zürich Nordost für die radioaktiven Abfälle tatsächlich der sicherste Ort sei, müsse die Gemeinde sehen, dass sie das Bestmögliche daraus mache.

Der Gemeinderat von Marthalen nimmt «die schnelle Einengung auf nur noch zwei mögliche Endlagerstandorte mit Überraschung zur Kenntnis». Das Vorgehen lasse den Eindruck aufkommen, dass für die weiteren Schritte der finanziell günstigste Weg gesucht werde. Der Gemeinderat wolle darum die Kriterien, die zur starken Reduktion der Standorte geführt hätten «genau erfahren», schreibt er in einer Medienmitteilung.

Waldshut kritisiert grenznahe Entsorgung

Auf der deutschen Seite des Rheins wird kritisiert, dass mit der Aufgabe der Standorte Wellenberg und Jura Südfuss nicht nur die hochradioaktiven, sondern «sämtliche radioaktiven Abfälle grenznah entsorgt werden sollen». Der Waldshuter Landrat Martin Kistler bemängelt zudem, dass die Schweiz den Begriff Standortregion zu eng definiere. Die deutsche Grenzregion müsse am Verfahren zur Standortsuche bis zu 30 Kilometer vom potenziellen Endlagerstandort beteiligt werden. «Hier muss sich die Schweiz auf jeden Fall noch bewegen», fordert Kistler.

Der Regierungsrat des Kantons Zürich hält es für verfrüht, bereits jetzt nur noch zwei Standorte weiterzuverfolgen. Eine erste Analyse der Nagra-Unterlagen vermittle den Eindruck, dass nicht alle potenziellen Standorte auf vergleichbarer Basis untersucht worden seien, heisst es in einer Medienmitteilung. Regierungsrat Markus Kägi betont, dass es sich hierbei um eine Einschätzung nach dem ersten Augenschein handle.

Mehr als 15000 Seiten Akten

«Die Fachleute der Arbeitsgruppe Sicherheit Kantone werden die Nagra-Unterlagen mit mehr als 15000 Seiten jetzt gründlich studieren. Im Spätsommer werden sie dann Bericht erstatten, ob die frühe Eingrenzung auf nur noch zwei Standortgebiete gerechtfertigt ist», so Kägi.

Der Regierungsrat betont, dass das Tiefenlager am sichersten Standort gebaut werden muss. Gleichzeitig hält er fest, dass er ein «Tiefenlager auf Kantonsgebiet nach wie vor ablehnt». Auf diesen Widerspruch angesprochen, betont Kägi, dass die Sicherheit oberste Priorität habe. «Der Ballungsraum Zürich trägt bereits heute eine Vielzahl von Zentrumslasten», erklärt Kägi. «Wenn es vergleichbare Standorte gibt, muss das berücksichtigt werden».

Der Kanton Aargau, wo sich der zweite von der Nagra präferierte Standort befindet, argumentiert ähnlich. Er äussert «grosse Vorbehalte» gegen den Standort Villigen (Jura Ost) und die frühe Einschränkung auf zwei Standorte. Auch der Aargauer Regierungsrat argumentiert, dass der Kanton im Energie- und Verkehrsbereich bereits jetzt «grosse Lasten für die gesamte Schweiz trägt». Ausserdem dürften «die Grossforschungsanlagen und der Hightech-Standort Villigen unter keinen Umständen beeinträchtigt werden». Der Regierungsrat bezweifelt, «dass die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse ausreichen, um bereits jetzt eine Reduktion auf zwei Standortgebiete vornehmen zu können.»

«Finanzielle und politische Überlegungen»

Die SP Zürich kritisiert, dass die Nagra einen Entscheid fällt, ehe sie «alle möglichen Standorte mit derselben wissenschaftlichen Gründlichkeit untersucht» habe. Das Vorgehen wecke den Verdacht, dass «finanzielle und politische Überlegungen wichtiger seien als die Sicherheit.» Neben der Beschaffenheit des Untergrunds seien für die Sicherheit auch die Transportwege und die Gestaltung der atomaren Oberflächenanlage von Bedeutung.

Auch die Widerstandsorganisation «Klar! Zürich Unterland» bemängelt, dass nicht für alle Standorte der gleiche wissenschaftliche Untersuchungsstand bestehe. «Man hat keinen Standort so gründlich untersucht wie das Weinland. Das legt den Verdacht nahe, dass das Verfahren nicht wirklich ergebnisoffen war», sagt Klar-Präsidentin und Grünen-Kantonsrätin Regula Käser-Stöckli. Es werde ein Standort für das Oberflächenlager bestimmt, bevor man wirklich wisse, wo der sicherste Lagerplatz im Untergrund sei. Obwohl Lägern als Standort ausgeschieden sei, komme angesichts des fragwürdigen Verfahrens bei«Klar! Züri Unterland» keine Jubelstimmung auf, heisst es in einer Medienmitteilung.

Weiach bei Lägern erleichtert

Erleichtert zeigt sich dagegen die Gemeinde Weiach beim zurückgestellten Standort Nördlich Lägern. «Wir sind erfreut und erleichtert», sagt der Weiacher Gemeindepräsident Stefan Arnold. Den Entscheid werte er als sehr positiv, obwohl das Endlager für die Gemeinde «finanziell interessant» gewesen wäre. «Die Kiesgewinnung ist bei uns bald ausgeschöpft», sagt er. «Unter wirtschaftlichen Aspekten wäre das Projekt interessant gewesen.» Die Untersuchung als Endlagerstandort habe bei der Bevölkerung jedoch für viel Unsicherheit gesorgt. «Niemand hat so ein Endlager wirklich gerne», so Arnold.

Erstellt: 30.01.2015, 11:23 Uhr

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