«Deutsche wissen, dass Provokationen bei Schweizern nicht gut ankommen»

Seit gut einem Jahr ist die «Deutsche Seite» fester Bestandteil des «Zürcher Tagblatts». Anfangs hagelte es jedoch Kritik. Dem Chefredaktor wurde sogar mit Schlägen gedroht.

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Herr Fischer, Mitte 2011 ist die «Deutsche Seite» erstmals im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen. Wie lautet Ihr Fazit eineinhalb Jahre seit der Neulancierung?
Die «Deutsche Seite» hat sich zu einem festen Bestandteil unserer Publikation entwickelt. Wir bekommen immer wieder Reaktionen auf die Themen der Seite. In persönlichen Gesprächen höre ich zudem, dass viele Deutsche deshalb damit begonnen haben, unsere Zeitung zu lesen. Angesichts der Tatsache, dass die Deutschen die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe der Stadt Zürich sind, war es also eine sehr gute Idee meines Vorgängers Markus Hegglin, diese Seite ins Leben zu rufen.

Wie fallen denn die Reaktionen auf die «Deutsche Seite» aus?
Besonders die Deutschen freuen sich natürlich über diese Plattform. Es zeige ihnen, dass sie in Zürich willkommen seien, hat man uns schon mitgeteilt. Deutsche stossen im Alltag manchmal auf Widerstand. Deshalb tut es ihnen offenbar gut, bei uns so positiv aufgenommen zu werden. Vor allem die Rubrik «Der Sprachkurs», in der wir jede Woche nach der Bedeutung eines typisch schweizerdeutschen Ausdrucks fragen, kommt sehr gut an. Die deutschen Leser sind von der Lösung überrascht, die Schweizer wissen oft nicht, wie man die Begriffe am besten übersetzt und lernen so dazu.

Es gab tatsächlich keine negativen Feedbacks?
Doch, doch. Wir haben kürzlich einen Text unserer Kolumnistin Gabrielle Spiller zum Thema Lärm rund um Schiessstände auf der «Deutschen Seite» publiziert. Das ist in der Schweiz natürlich ein Heiligtum und es hagelte förmlich erboste Leserbriefe. Ansonsten überwiegen die positiven Rückmeldungen.

Führt das Thema Deutsche in Zürich nicht mehr zu Kontroversen?
Sicherlich nicht mehr so stark wie damals, als mit der «Deutschen Seite» gestartet wurde. Die Reaktionen waren zu der Zeit offenbar sehr heftig. Mein Vorgänger hat in den ersten vier Monaten viele böse Briefe erhalten und es gab so gut wie kein positives Feedback. Ein anonymer Briefschreiber drohte ihm sogar damit, ihm abzupassen und ihm dann eins mit einem Baseballschläger überzuziehen. Das ist aber glücklicherweise nicht geschehen.

Könnte es auch daran liegen, dass auf der «Deutschen Seite» kaum kritische Aspekte aufgegriffen werden?
Grosse Kontroversen sind nicht die primäre Aufgabe unserer Publikation.

Aber frecher könnte die Seite schon daherkommen...
Das finde ich nicht. Die «Deutsche Seite» bietet interessanten und informativen Lesestoff, über den man durchaus staunen kann. Beispielsweise wie schulische Trends aufgrund der vielen Deutschen in die Schweiz hinüberschwappen oder wie sich deutsche Essvorlieben langsam in Zürich verbreiten. Artikel müssen ja nicht immer provozieren. Gerade Deutsche sind vorsichtig mit Provokationen. Sie wissen, dass das bei vielen Schweizern nicht gut ankommt.

Also gilt das Motto «Kopf einziehen und durch»?
Ich würde es eher diplomatische Zurückhaltung nennen.

Wie wird es denn nun mit der «Deutschen Seite» weitergehen?
So wie bisher. Änderungen sind nicht geplant.

Auch keine Seiten für andere ausländische Bevölkerungsgruppen?
Nein. Es gab zwar mal eine «Pagina Italiana». Aber die Italiener sind inzwischen sehr gut integriert und können Deutsch. Für uns wäre es zudem heikel, eine Seite in einer Fremdsprache zu publizieren. Wir müssten uns voll auf die Übersetzer verlassen. Da wir für die Inhalte der Zeitung verantwortlich sind, wäre das ein zu grosses Risiko. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2012, 11:17 Uhr

«Es wäre für uns heikel, eine Seite in einer Fremdsprache zu publizieren»: Andy Fischer, Chefredaktor «Tagblatt der Stadt Zürich» (Bild: Nandor Nagy)

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