Dichtung und Wahrheit – wie uns Bauprojekte verkauft werden

Visualisierungen von Bauvorhaben werden immer professioneller. Aber sind die Bilder realistisch oder beschönigt? Zehn Zürcher Beispiele im Pinocchio-Test.

Etikettenschwindel oder nicht? Die Europaallee neben dem Zürcher Hauptbahnhof wird viel kritisiert. Bildmontage: hub

Etikettenschwindel oder nicht? Die Europaallee neben dem Zürcher Hauptbahnhof wird viel kritisiert. Bildmontage: hub

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In Zürich tobt gerade ein Kampf der Bilder um die Rosengartenstrasse. Bilder davon, wie es dort in Zukunft aussieht, wenn ein Tunnel den Autoverkehr verschluckt und ihn vor der Hardbrücke wieder ausspuckt. Die Gegner des Milliardenprojekts, über das am 9.Februar abgestimmt wird, versuchen mit Visualisierungen von wuchtigen Tunnelportalen die Bevölkerung aufzurütteln.

Keine Generation liess sich so leicht Dinge verkaufen, die nicht existieren. Wir zucken nicht mal mehr zusammen, wenn im Kino eine Schauspielerin aufersteht, die längst gestorben ist. Wir reiten per Controller durch fotorealistische Fantasiewelten und eben: schauen uns Neubauten an, bevor der erste Stein gelegt ist. Die Überzeugungskraft des computergenerierten Bildes ist ein Triumph der Rechenleistung – und eine Herausforderung fürs kritische Urteilsvermögen.

Früher musste einem niemand sagen, dass der Stadtrat wahrscheinlich übertreibt, wenn er verspricht, dass der neue Bahnhof «einzigartig» werde. Und keiner wäre damals auf die Idee gekommen, die stilisierte Architekturzeichnungen für etwas anderes als eine Projektion zu halten. Selbst dann nicht, wenn sie so perfekt waren wie diese hier:

Projektwerbung von 1970 fürs Hotel International in Zürich-Oerlikon, heute Swissôtel. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Heute wird man höchstens noch skeptisch, weil es auf diesen Bildern der Zukunft nie regnet und sich darauf stets so viele glückliche Menschen jeden Alters tummeln – wo doch in Realität tagsüber fast nur Rentner und Touristen unterwegs sind.

«Diese Kinder kommen nicht von uns»

Lutz Kögler ist Mitgründer von Nightnurse Images, der grössten Zürcher Firma, die ganz auf Visualisierungen spezialisiert ist. «Wenn wir freie Hand haben, machen wir auch gerne Bilder mit Regen, Nebel und Blätter am Boden», sagt er. «Und die zweihundert Trottinett fahrenden Kinder kommen in der Regel nicht von uns.» So etwas werde meist von Auftraggebern gewünscht.

Strahlend blauer Himmel, aufgehellte Bauten, und möglichst viele Menschen, um plausibel zu machen, dass es ein Projekt tatsächlich einmal geben könnte. «Das ist eine stereotype Idealbevölkerung, je nach Projekt», sagt Kögler. «Ein Kind mit Tretrad zum Beispiel ist immer ein Symbol. Es steht für: verkehrsberuhigt.» Kunden aus der Immobilienvermarktung würden eher fotorealistische Bilder verlangen, möglichst nah an der Realität, bei Architekturwettbewerben dagegen gebe es mehr Freiheiten. «Da geht es eher darum, ein Gefühl für den Entwurf zu vermitteln».

Sie könnten auch anders: Eine regnerische Visualisierung von Nightnurse Images für ein Überbauung im Zollikerberg.

Werden wir systematisch mit geschönten Fantasien verführt? Wir wollten es genauer wissen und haben die gebaute Zürcher Gegenwart verglichen mit dem, was uns seinerzeit verkauft wurde. Die Versuchsanlage ist zugegeben gnadenlos, denn wir haben den Ist-Zustand im Winter fotografiert – ein Vergleich, als würde man unserem Bewerbungsfoto jenes Gesicht entgegenhalten, das uns nach dem Aufstehen aus dem Spiegel anschaut. Andererseits ist die Realität eben auch gnadenlos: Genauso, wie es uns auch am Morgen gibt, tragen die Bäume bei uns nun mal nicht das ganze Jahr über Blätter.


Die 10 Objekte im Pinocchio-Test:

– Letzigrund-Stadion
– Swissmill-Turm
– Greencity
– Europaallee
– Prime-Tower
– Freilager
– Sechseläutenplatz
– Vulcano
– Limmattalbahn
– Busbahnhof Winterthur


Letzigrund-Stadion

Dichtung: Wahrheit:

Versprochen wurde der Stadtzürcher Bevölkerung ein offen zugängliches Stadion, eine Art Quartierpark, umgeben von einem fast unsichtbaren Zaun aus feinen Lamellen. Man hätte es besser wissen müssen, waren doch auf den Visualisierungen sogar die Trams transparent. Tatsächlich gab es dann eine permanent verschlossene Anlage, zum Teil mit massiven, rostigen Stahlplatten verbarrikadiert. Das eine hat mit der Sicherheit zu tun, das andere mit zusätzlich eingebauten Verpflegungsständen. Ebenfalls auffällig: Das schwebende Dach wirkt in Realität dunkler und schwerer. Für diese Enttäuschung vergeben wir vier Pinocchios.

Fazit:


Swissmill-Turm

Dichtung: Wahrheit:

Über diesen Turm hört man viele Zürcherinnen und Zürcher gerne lästern: «Hätte ich damals gewusst, zu was ich da Ja sage...» Die einzige Antwort darauf ist: Man hätte es wissen können, denn die Visualisierung kam der heutigen Realität nah. Wenn die Sonne scheint, stimmt sogar die Farbe. Einzig die vertikalen Rillen, die den Turm strukturieren, sind weniger sichtbar als versprochen.

Fazit:


Greencity

Dichtung: Wahrheit:

Dieses neue Quartier auf einem alten Industrieareal im Süden der Stadt Zürich ist näher an den Fabrikkanal gerückt. Darum hat es da jetzt mehr Schattenwurf und weniger Park. Ein Stück weiter gibt es immerhin ein paar Bäume auf einem Kiesplatz. Der Kanal selbst ist auf die halbe Breite geschrumpft, und die Treppe zum Wasser sucht man vergebens. Hier wird man auch im Sommer kaum jemanden gemütlich die Füsse baden sehen – dafür sorgt ein durchgehender Maschendrahtzaun.

Fazit:


Europaallee

Dichtung:

Wahrheit:

Die Europaallee mag als neuer Zürcher Stadtteil umstritten sein, aber ein Etikettenschwindel ist sie nicht. Zumindest, wenn das Wasserspiel diesen Frühling in Betrieb geht, damit sich die schiefe Ebene aus schwarzem Asphalt in einen Teich verwandelt. Und wenn sich die vor einem Jahr gepflanzten Ginko-Bäume als so robust erweisen wie erwartet, damit ihre Blätter erst im Herbst gelb werden. Dann könnte es auf dem auf dem zentralen Gustav-Gull-Platz eines milden Tages tatsächlich mal so aussehen wie versprochen.

Fazit:


Prime-Tower

Dichtung:

Wahrheit:

Ganz wie versprochen sieht das liebste Hochhaus der Zürcherinnen und Zürcher heute ja nicht aus (lesen Sie hier mehr über die besten Hochhäuser). Die ausstellbaren Fenster, die über die ganze Fassade verteilt sind, sind eher der Ausnahmezustand. Auch die unterschiedlich hellen Bänder sind so kaum zu sehen, dafür ein dunkler Dachabschluss. Allerdings tut diese Beruhigung dem Turm gut. Und dass er nicht so stumpf und metallen geworden ist wie auf der Visualisierung, sondern sich in Wirklichkeit die Wolken auf seinen Glasflächen spiegeln, ist ein Gewinn. Alles in allem also eine Enttäuschung der positiven Art. Vor allem, weil der grössten Versuchung nicht nachgegeben wurde: dieses gewaltige Gebäude am Computer schwereloser darzustellen, als es ist.

Fazit:


Freilager

Dichtung:

Wahrheit:

Diese Grossüberbauung in Zürich-Albisrieden sieht heute tatsächlich fast so aus, wie angekündigt. Sofern man über das fürs Gemüt nicht unwesentliche Detail hinwegsehen mag, dass die offen ab Harrasse verkaufte Bio-Äpfel, die orientalisch anmutende Kleiderauslage und die vielen Flaneure vermutlich eine Fantasie bleiben werden.

Fazit:


Sechseläutenplatz

Dichtung:

Wahrheit:

Ein fieser Vergleich, zugegeben. Andererseits ist es nun mal so, dass dieser Platz die Hälfte des Jahres nicht so zu sehen ist, wie er versprochen wurde, sondern verstellt mit Marktständen, Zirkuszelten und dergleichen. Die Wirkung des Platzes ist selbst dann eine andere, wenn er leer ist, denn die zwei Bauminseln im Hintergrund wurden in Realität an den Rand gedrängt. Überhaupt bekunden die Bäume auf dem Platz grösste Mühe, so üppig zu grünen wie gewünscht – die Hälfte ist letztes Jahr abgestorben.

Fazit:


Vulcano

Dichtung:

Wahrheit:

Die drei Vulcano-Türme hinter dem Bahnhof Zürich-Altstetten funkeln in Realität noch eine Spur mehr, als wären sie aus einem Obsidian gehauen. Sonst gibt es hier aber nichts auszusetzen.

Fazit:


Limmattalbahn in Schlieren

Dichtung:

Wahrheit:

Wagen wir eine Schritt über die Zürcher Stadtgrenze hinaus nach Schlieren. Für den Verkauf der Limmattalbahn wurde hier getrickst: Auf der Visualisierung geht eine zauberhafte Illumination vom Boden aus, als strahle der Asphalt vor Freude über das Tram. Abgesehen davon, sieht diese Haltestelle aus, wie versprochen. Nur die Pfeiler sind nach unten hin noch etwas wuchtiger geworden.

Fazit:


Busbahnhof Winterthur

Dichtung:

Wahrheit:

Zum Schluss noch ein Blick nach Winterhur: Das Pilzdach über dem Busbahnhof sieht in der Nacht – oh Wunder! – sogar noch etwas schwereloser aus als prognostiziert.

Fazit:


In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, dass die ausgestellten Fenster am Prime Tower nie zu sehen sind.

Erstellt: 10.01.2020, 17:05 Uhr

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