Die Albisgüetli-Tagung hat den Zenit überschritten

Skandalöse Reden, Ausschreitungen, Rauchpetarden: Die Albisgüetli-Tagung sorgte in den vergangenen 25 Jahren immer wieder für Eklats. Doch der SVP-Anlass hat seinen Nimbus verloren.

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Kommenden Freitag ist es wieder so weit: Die SVP des Kantons Zürich lädt zur Albisgüetli-Tagung. Der traditionelle Parteitag findet dieses Jahr bereits zum 25. Mal statt. 1989 initiierte Christoph Blocher den Anlass als «politische Kundgebung mit landesweiter Ausstrahlung». Seither sorgte die Zürcher Tagung immer wieder für Schlagzeilen.

Die Polarisierung hat sich abgenutzt

Doch so feurig die Reden des SVP-Strategen Blocher auch sein mögen, der Nimbus, den die Veranstaltung noch in den 1990er-Jahren hatte, ist inzwischen verloren. Zu diesem Schluss kommt Politologe Andreas Ladner. «Die Albisgüetli-Tagung hat nicht mehr dieselbe Bedeutung in der Politszene wie früher, als sie zu einem Treffen der Opposition emporstilisiert wurde.»

Die heutigen Forderungen der SVP würden sich zwar nicht von früheren unterscheiden, «aber die Polarisierung – wir gegen alle – hat sich abgenutzt. Eine solche Einstellung kann man nicht über Jahrzehnte hinweg pflegen», meint Ladner. Heute sei der Anlass schlicht ein Parteitreffen und kein Event, auf den die ganze Schweiz blicke. «Provinziell ist die Tagung dennoch nicht. Es ist noch immer einer der wichtigsten Events über alle Parteigrenzen hinaus.»

Eine ähnliche Einschätzung gibt auch Politikberater Mark Balsiger ab. Die Albisgüetli-Tagung zeige zwar exemplarisch auf, wie die Eventisierung der Politik funktioniere, sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Der Zenit scheint mir allerdings überschritten zu sein.» Die Magnetwirkung der Tagung habe sich inzwischen abgeschwächt. «Man hat sich an die markigen Worte und Provokationen gewöhnt, sie sind abgenützt. Schon in den letzten Jahren erinnerte der Anlass zunehmend an Folklore.»

Das Albisgüetli, die «Trutzburg der National-Konservativen»

Immerhin habe die Partei es geschafft, dass das Zürcher Schützenhaus Albisgüetli stets mit diesem Anlass in Verbindung gebracht werde. «Es wurde zu einer Trutzburg der National-Konservativen und innerhalb von wenigen Jahren zu einer der bekanntesten Stätten der Politik. Das ist erfolgreiches Branding», betont Balsiger.

Insbesondere die Tradition der SVP, die jeweils amtierenden Bundespräsidenten als Hauptredner ins Albisgüetli zu laden, gab in der Vergangenheit des Öfteren zu reden. So kam es 1994 zu einem ersten Eklat, als der damalige SP-Bundespräsident Otto Stich seine Anmeldung wegen der sogenannten Messerstecher-Inserate annullierte. Auch Stichs Parteikollegin Ruth Dreifuss, CVP-Mann Joseph Deiss und der freisinnige Pascal Couchepin haben in ihren Präsidialjahren die Einladung abgelehnt. Ruth Metzler erteilte der SVP für 2004 ebenfalls einen Korb, wurde aber noch vor Amtsantritt als Bundesrätin abgewählt.

Leuenberger kam nur einmal

SP-Mann Moritz Leuenberger hat zwar 2001 in seinem ersten Jahr als Bundespräsident vor den Mannen und Frauen im Schützenhaus gesprochen. 2006 lehnte er die Einladung jedoch aus Protest ab. Wenn er das Verhalten verschiedener SVP-Exponenten gegenüber ihren politischen Gegnern oder dem gegenwärtigen Bundespräsidenten betrachte, stelle er einen schroffen Gegensatz zur eidgenössischen Gesprächskultur fest, erklärte er sein Fernbleiben in einem Brief.

Erst 2010 nahm mit Didier Burkhalter immerhin wieder ein parteifremder Bundesrat an der SVP-Tagung teil. Micheline Calmy-Rey sorgte schliesslich im Jahr 2011 dafür, dass wieder eine Bundespräsidentin als Hauptrednerin auftrat – noch in ihrem ersten Amtsjahr 2007 wurde die «Kriegsgurgel des Äusseren», wie sie von Christoph Mörgeli genannt wurde, von der SVP nicht zu ihrem Traditionsanlass geladen.

2011 sorgte allerdings nicht Calmy-Reys Auftritt für Schlagzeilen, sondern die Ereignisse, die sich vor dem Schützenhaus abspielten. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung kündigten Linksautonome an, mit Konzerten, Reden und einer Disco vor dem Gebäude den Anlass stören zu wollen. Doch aus der Protestaktion wurden handfeste Ausschreitungen zwischen rund 100 Chaoten und einem Grossaufgebot der Zürcher Stadtpolizei.

«Wir sind hier, um mit Worten zu kämpfen, nicht mit den Fäusten»

SVP-Nationalrat Hans Fehr, der sich zu Fuss auf den Weg zum Albisgüetli machte, wurde dabei von vermummten Demonstranten attackiert, zu Boden geworfen und mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert. «So geht es nicht!», quittierte damals die empörte Calmy-Rey den Angriff sogleich in ihrer Rede. «Wir sind hier, um mit Worten zu kämpfen, nicht mit den Fäusten.» Die Bemerkung der SP-Frau wurde im Saal mit grossem Applaus quittiert.

Bereits 2008 wurde der Anlass der SVP durch einen Anschlag gestört. Damals wurde von aussen eine Rauchpetarde in die Lüftung geworfen. Der Qualm drang in den Saal, als Christoph Blocher seine Rede hielt. Dieser zeigte sich unbeeindruckt. Er habe auch schon bei Tränengas geredet, meinte er nur. «Ich rede weiter!»

Zündstoff in Blochers Reden

Die Reden Blochers vor seinem Heimpublikum im Albisgüetli bergen selbst einigen Zündstoff und werden immer wieder mit Spannung erwartet. So rückte er 2000 die SP in die Nähe faschistischer Ideen und 2006 bezeichnete der damalige Justizminister zwei in der Schweiz um Asyl suchende Albaner zu Unrecht als «Kriminelle». Dafür wurde er sowohl vom Gesamtbundesrat als auch von der Geschäftsprüfungskommission des Ständerats gerügt. An der Tagung von 2012 schliesslich nahm Blocher die Gelegenheit wahr, sich für seine Rolle im Fall des zurückgetretenen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand zu rechtfertigen.

Man darf also auch in diesem Jahr gespannt sein, was sich am 18. Januar im Albisgüetli abspielen wird. Nachdem 2012 statt der bei der SVP in Ungnade gefallenen BDP-Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf Ex-UBS-Chef Oswald Grübel als Hauptredner auftrat, steht in diesem Jahr mit Ueli Maurer wieder ein Bundespräsident und Parteimitglied am Rednerpult – und damit gleich zwei Urgesteine der Zürcher SVP. Sie werden am Freitagabend nach 19 Uhr auftreten. Vor vollen Rängen. Die Tagung war nämlich laut einer Medienmitteilung «auch dieses Jahr innerhalb kürzester Zeit ausverkauft».

Erstellt: 15.01.2013, 11:04 Uhr

Die Krawalle: 2011 kam es zu Ausschreitungen von rund 100 Chaoten. (Video: Philipp Albrecht)

Streitgespräch am Rande: 2011 kam es zu einem Treffen zwischen dem «Tages-Anzeiger»-Journalisten Constantin Seibt und Christoph Blocher. (Video: Jan Derrer)

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