«Die Anwohner sind doch keine Hampelmänner»

Die Nagra-Dokumente deuten darauf hin, dass der Standort für das Atomendlager insgeheim bereits entschieden ist. Der unabhängige Geologe Marcos Buser verlangt eine Sistierung des Verfahrens.

Die Anwohner fühlen sich verschaukelt: Sicht auf die Gemeinde Benken.

Die Anwohner fühlen sich verschaukelt: Sicht auf die Gemeinde Benken. Bild: Keystone

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Überrascht es Sie, dass sich die Nagra in ihrem «Bohrprogramm» vorzeitig auf zwei Standorte für Atomendlager festgelegt hat?
Das war absehbar. Höchst problematisch ist aber, dass man der Bevölkerung ein Verfahren verkauft hat, das fair, transparent und ergebnisoffen sein solle. Das ist, wie sich nun endgültig zeigt, nicht der Fall. Jeder Vorschlag, das Verfahren zu verbessern, wurde aber abgeblockt. Immer wieder riet ich der Nagra und den Behörden, sie sollten möglichst schnell die Geologie der Standorte abklären.

Sie stiessen auf taube Ohren?
Es gab drei mögliche Antworten: njet, njet, njet. Ich fragte mich: Weshalb wurde ich ständig abgewimmelt? Meine Antwort: Es gibt eine Interessenverbindung zwischen Nagra, Überwachungsbehörde, Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi und federführendem Bundesamt für Energie (BFE). Alle wollten das angeblich so vorbildliche Verfahren für die Standortsuche durchsetzen. Niemand sollte etwas hinterfragen.

Das Nagra-Papier deutet auf eine doppelte Agenda hin: Die Öffentlichkeit darf breit mitdiskutieren, aber insgeheim ist alles entschieden.
Diese Doppelagenda zerstört jede Glaubwürdigkeit. Das ist ein Drama. Es geht um Versprechen, die man nicht einhält. In den Standortregionen ist nun der Teufel los. Die Anwohner dort sind doch keine Hampelmänner.

Die Nagra beteuert, das Papier sei nur ein mögliches Szenario.
Die «SonntagsZeitung» hat das Papier fünf Geologen vorgelegt. Alle kommen zum Schluss, dass es sich um konkrete Pläne handelt. Deren Meinung teile ich.

Welche Rolle spielte der Bund?
Das BFE hat zumindest immer einseitig bei der Nagra Informationen eingeholt. Einwände von anderer Seite, so die Forderung nach einer Gesamtplanung, nahm es nicht ernst. Die Aufsicht schritt nicht ein. Das muss sich nun ändern.

War der Bund also eingeweiht?
Teilweise sicher, aber vermutlich nicht in alles. Auch die Behörden sind wohl von der Nagra an der Nase herumgeführt worden. Das ist nicht nur für die Nagra brisant, sondern auch für das BFE und das Ensi. Indem sie Kritik nicht zuliessen, haben sie eine Mitverantwortung für das Debakel.

Wie kann es nun mit dem bisherigen Verfahren weitergehen?
Man muss es sistieren und die Hintergründe ausleuchten. Es gilt, die Regionen zu beruhigen. Man muss Glaubwürdigkeit schaffen, was nicht einfach wird. Bislang haben die Verantwortlichen falsch gespielt. Denen muss man sagen: Ihr habt hier nichts mehr zu sagen.

Wer soll übernehmen?
Warum wurde überhaupt die Nagra mit den Abklärungen betraut? Das ist ein Systemfehler. Die Firma vertritt die Interessen der Produzenten, sprich der Elektrizitätswirtschaft. Es darf nicht sein, dass sie mit Sicherheitsproblemen von einer Million Jahre Dauer betraut wird. Es braucht dazu Fachkompetenz und Unabhängigkeit. Es braucht neue vertrauensvolle Köpfe, um das Verfahren weiterzuführen.

Sind die beiden von der Nagra favorisierten Standorte die besten?
Das Weinland ist, soweit bekannt, der beste. Der Bözberg ist geologisch nicht der beste Standort, aber logistisch interessant. Der Atommüll ist bereits in der Gegend zwischengelagert; die Akzeptanz der Aargauer Bevölkerung ist höher als anderswo. Der Bözberg ist am billigsten zu realisieren. Das kann auch eine Rolle spielen. Die Schlüsse sind nachvollziehbar, aber das Verfahren ist manipuliert worden.

Erstellt: 08.10.2012, 07:57 Uhr

Umfrage

Die Nagra-Dokumente deuten darauf hin, dass über den Standort für das Atomendlager insgeheim bereits entschieden ist. Soll das Verfahren sistiert werden?

Ja

 
66.4%

Nein

 
33.6%

122 Stimmen


Erste Rücktrittsforderungen

Nach der Publikation eines internen Papiers fordern erste Stimmen, das Führungsteam der Nagra auszuwechseln. Das Vertrauen sei verspielt. Das Nagra-Papier nennt nur noch zwei Orte, wo dereinst Schweizer Atomabfälle vergraben werden sollen. Offiziell stehen sechs zur Auswahl. «Ich nehme an, dass man in der Nagra das Führungsteam auswechseln muss», sagte Geologieprofessor Walter Wildi am Montag gegenüber Schweizer Radio DRS. Der atomkritische Wildi hatte im August den Beitrat Entsorgung aus Protest verlassen. Er warf der Nagra eine «unverantwortliche Sicherheitskultur» vor. (sda)

Der Zürcher Geologe Marcos Buser ist im Juni unter Protest aus der Eidgenössischen Kommission für Nukleare Sicherheit (KNS) ausgetreten. (Bild: PD)

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