Die Dorfstadt

Winterthur ist schon lange kein graues Industrienest mehr. Auf Krisen wie Budgetloch und Sparklima reagieren die Einheimischen mit einer eigenen Lebenskunst. Ein Stadtporträt.

Andere haben einen See, die Winterthurerinnen und Winterthurer haben Brunnen. Eine Stunde nach Mitternacht in der Steinberggasse. Foto: Heinz Diener (Landbote)

Andere haben einen See, die Winterthurerinnen und Winterthurer haben Brunnen. Eine Stunde nach Mitternacht in der Steinberggasse. Foto: Heinz Diener (Landbote)

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Der Weg zum Schriftsteller und Filmer Yusuf Yesilöz führt vom Bahnhof Winterthur durchs Quartier Inneres Lind. Häuschen, Häuser, Villen. Klinkerfassaden, Vorgärten mit Primeln, Luft zum Atmen.

Im Gespräch sagt Yesilöz etwas, was dazu passt: In Winterthur gebe es etwa gleich viele Einfamilienhäuser wie im viel grösseren Zürich.

«Stadt und Land sind hier beieinander», so Yesilöz. Er sei in einem anatolischen Minidorf aufgewachsen und würde sich in einer Metropole auch gar nicht wohl fühlen, sagt er. Fast täglich steige er vom Reihenhaus, wo er mit der Familie lebt, auf den nahen Goldenberg. Dort blicke er auf die Stadt und freue sich über die Täler und Hügel rundum.

Erster Befund dieses Artikels, der in vier Begegnungen die Stadt porträtieren will: In Winterthur lebt man zufrieden, in Winterthur lebt man gut, in Winterthur ist man fähig zur Freude. Das ist weniger banal, als es tönt. Die Schlagzeilen klingen derzeit düster: riesiges Finanzloch, geplante Streichung von 110 Stellen in der Verwaltung, Zwang zur Einsparung von jährlich 44 Millionen Franken in der nächsten Zeit, Kulturinstitutionen der Kulturstadt unter Spardruck.

«Eine diffuse Angst ist spürbar», findet Yesilöz. Er hat den Eindruck, dass es hausgemachte Fehler sind. «Für 70 Millionen hat man den Bahnhofplatz neu gestaltet. Ich merke nicht wirklich den Unterschied zu vorher.» Winterthurs Probleme und Sorgen seien aber relativ, verglichen mit anderswo. Wenn er kurdischen Verwandten erzähle, dass in Winterthur im Schnitt 2,2 Leute in einer Wohnung lebten, glaubten diese angesichts der eigenen Enge an einen Witz.

Und wie fühlt er sich als Migrant, der vor zwei Jahrzehnten zuzog? Die SVP habe über 20 Prozent Wähleranteil, sagt er. «Aber sie ist nicht so aggressiv und hat auch nicht diese scharfen Leute. Man gewöhnt sich an sie.» Im Übrigen stelle er fest, sagt Yesilöz, dass die ­Dönerkebab-Geschäfte florierten. Schalkhaft eine frühere Rede zitierend, fährt er fort: «Ein Landsmann, der drei solche Läden besitzt, sagte mir stolz, er wolle der Schweiz etwas zurückgeben. Er entlaste berufstätige Mütter vom Mittagessenkochen. Und er leiste einen Beitrag zur körperlichen Entwicklung der hiesigen Jugend.»

Die Tragik des zweiten Platzes

Der Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser kann erklären, wieso Winterthur liegt, wo es liegt – zwingend erscheint die Lage der Stadt auf den ersten Blick nicht. Winterthur sei ein alter Verkehrsknoten, sagt er: Von hier führten Routen ins Tösstal, in die Ostschweiz, ins Weinland, nach Zürich. Und das Flüsschen Eulach sei eine frühe Treiberin des Gewerbes, was Mühlen belegten.

Niederhäuser legt im Folgenden in aller erforderlichen Kürze Winterthurs Geschichte dar. Mittelalter und frühe Neuzeit in einen Satz verknappt: Unter Zürich, das Habsburg ablöst, geniesst die Stadt ab 1467 viel Autonomie – «mehr Freiheit als alle anderen Zürcher Orte», so Niederhäuser. Es hält sich mit Hettlingen ein Untertanengebiet, verwaltet sich selber, wahrt seine Steuerhoheit.

Winterthurs stolze Zeit: das 19. Jahrhundert. Ihr Symbol ist das Stadthaus, ein Prachtbau von ETH-Architekt Gottfried Semper. Dies ist die Ära der Industriebarone, der Reinhart, Sulzer, Bühler, Ziegler, die als Kulturmäzene agieren und auch in die Politik eingreifen. Stadtpräsident Johann Jakob Sulzer will am Zürcher Eisenbahnbaron Alfred Escher vorbei eine eigene Bahnlinie aufbauen.

Rückblende: Das Kapital für die Fabriken der Industriellen stammt aus einem älteren Erwerbszweig, dem Handel. Berühmt ist der Name Volkart. Doch da sind auch die Bidermanns, die aus dem Textilgeschäft Reichtum anhäufen. Einer ihrer Abkömmlinge, Jacques Bidermann, avanciert in Paris um 1800 gar zum Financier Napoleons.

«Ein Nest rückt in den zwei Jahrzehnten bis 1870 zur Fast-Weltstadt auf», sagt Niederhäuser. Dann «der Knacks». Die Weltwirtschaftskrise setzt ein. Sulzers «Nationalbahn» bricht zusammen, hinterlässt ein Schuldenloch.

Winterthurs Geschichte: ein Auf und Ab. Ab 1900 boomt die Industrie wieder, dann kommen die Weltkriege. Depression. Hernach wieder Aufschwung. In den 1960er-Jahren arbeiten die meisten Winterthurer bei den «grossen drei»: Sulzer, Rieter, SLM (Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik). Es sind 20 000 bis 30 000 Menschen. Aus jener Zeit, bevor die nächste Krise eintritt, stammen die Bilder, die bis heute in Schweizer Köpfen kleben: Winterthur als Stadt, in der nach dem Willen der Patrons die braven Einwohner beim Eindunkeln ins Bett gehen. Grauer Himmel, und schlechte Luft gehören auch zum Klischee.

Dabei hat sich Winterthur längst neu erfunden als Stadt der Kultur, Lebensfreude, Jugend; Stichwort Afropfingsten. Mehr davon gleich – und zunächst die übergreifende Einordnung von Peter Niederhäuser: «Für Winterthur blieb der zweite Platz. Es ist weder Kantonshauptort noch wirkliche Kapitale, aber doch eine bedeutende Stadt. Das macht vielleicht ein wenig seine Tragik aus.»

Befund aus diesem Gespräch: Winterthur, 106 000 Einwohner, hat guten Grund, selbstbewusst zu sein. Wenn in seiner Nähe genau eine Stadt erfolgreicher ist, nämlich Zürich mit seinen 405 000 Einwohnerinnen und Einwohnern – so what? Gerade die Winterthurer wissen: Alles kann sich ändern.

«Wir machen die Stadt schön»

In der Sahara Bar bei der Stadtkirche wirtet Celine Hauri. Sie ist halb Schweizerin, halb Australierin, wuchs in Asien auf, der Vater war Hotelier. Lange führte sie die Safari Bar in Zürich – seit drei Jahren betreibt sie ihr Lokal in Winterthur. Sie trägt eine Jacke mit FC-Winterthur-Logo. «Den muss man gern haben, wenn man hier lebt», sagt sie. Die Jacke gehöre allen im Team. Es sei die Rauchpausenjacke, die jeder ausleihen könne, der in der Kälte eine rauchen wolle oder einen Gast bedienen müsse.

Der Unterschied zwischen Zürchern und Winterthurern? Grundsätzlich möge man hier den Vergleich nicht, sagt sie. Aber sicher seien Winterthurer direkter. «Sie sind offen. Sie sagen, was sie zu sagen haben. Sie sind kritischer. Dafür hat die Beziehung dann eine stabile Grundlage.» Die Zürcher wollten unbedingt individuell sein. Vom Look, von den Worten. «Aber was ihr Denken angeht, ihre Ideen, sind sie recht gleichförmig. Oder gar gleichgeschaltet.»

Die Winterthurer seien bodenständig, sagt Hauri auch. Zusammenhalt sei in der Stadt wichtig. Man schaue zueinander. Und man zeige Sinn fürs Lokale. Sie werde zum Beispiel von Gästen oft gefragt: «Habt ihr Winti-Bier?»

Soeben war in der Sahara Bar das «Grundlos Brown Ale» aus Winterthur Bier des Monats. Das kam so: Ein Kollege des Brauers schaute vorbei, brachte eine Flasche mit, forderte zum Probieren auf. Hauri und ihr Team mochten das Bier, nahmen es auf. Nachher kamen so viele Leute, darunter etliche Bekannte des Brauerteams, dass das Bier super lief. Auch die Mutter des Brauers war unter den Gästen. «Hier unterstützen alle einander. Es gibt viel Solidarität.»

Winterthur sei ohnehin ein Dorf, sagt Celine Hauri. «Das Buschtelefon funktioniert fast besser als in Australien.»

An dieser Stelle gesellt sich die junge Barfrau Ellen dazu. Sie sagt erstens: «Der Winterthurer geht durchaus nach Zürich. Nicht ohne Grund. Aber für ein gutes Konzert jederzeit. Der Zürcher aber kommt nicht einmal nach Winterthur, wenn bei uns etwas Tolles läuft.» Sie sagt zweitens: «Es ist cool, dass wir keinen See haben wie die in Zürich. Winterthur ist nicht einfach von Natur aus schön oder spektakulär. Wir machen uns Winterthur schön. Selber.»

Und drittens gibt Ellen gern ein Beispiel: die Brunnen in der Steinberggasse. Wenn es im Sommer warm ist, wirft sich die halbe Stadt in die Badehose. Man bringt etwas zu trinken mit oder holt sich etwas in einer Bar. Und dann setzt man sich in einen Brunnen.

Dritter Befund: Die Winterthurer sind Kleinkünstler des Lebens.

«Der Bahnhof ist düster»

Wie aber steht es um die Zukunft? Christian Huggenberg, Mitinhaber der Kommunikationsagentur Taktform, soll das beantworten. Wichtigster Treiber sei die ZHAW, die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt er.

Auf dem alten Sulzer-Areal «Stadtmitte» ist es nach dem Ja des Volks zum Gestaltungsplan im März möglich, eine neue Hochschulzentrale zu bauen. «Eine Riesenchance», sagt Huggenberg. «Da kommen massenhaft junge Leute, die hier viel Zeit verbringen.» Die Fachhochschüler machten Winterthur zur «jungen Stadt».

Huggenberg sieht in diesem Stück Zukunft ein Weiterleben der Vergangenheit: Winterthur sei der klassische und älteste Schweizer Industriestandort – nur logisch, dass diese Geschichte sich fortpflanze. «Das Verkehrshaus Luzern müsste ja eigentlich in Winterthur stehen», sagt er. Denn auf fast jeder Maschine in Luzern könne man lesen: «Winterthur». «Wir Schweizer sind Weltmeister im Bau von Maschinen und Infrastruktur. Und Winterthur ist die Stadt, die es erfunden hat.»

Das grösste Problem Winterthurs gemäss Huggenberg: «wenig Selbstbewusstsein!». Die sechstgrösste Stadt der Schweiz verschaffe sich schlecht Gehör. Etwa in Bundesbern, wenn es um Geld für Strassen und Bahninfrastruktur gehe. Huggenberg: «Der Bahnhof ist beengend und düster. Nichts passt zusammen. Man hat am Morgen Angst, die Leute könnten auf die Schienen stürzen, so gedrängt stehen sie auf dem Perron.»

Die Stadt, die sich aufrappelt

Huggenberg, der bei den Grünliberalen mittut, findet auch, dass die Stadt lange Jahre geschlafen habe. Man habe sich wohl gefühlt, nichts gemacht, schlecht gemanagt. Sein Beispiel: Das riesige Stadtentwicklungsgebiet Neuhegi, wo im Vollausbau 3500 Menschen leben könnten. Bei der Planung vergass der Stadtrat, Land für ein Schulhaus zu reservieren. Man musste für über 13 Millionen Franken Boden nachkaufen.

Den Spardruck sieht Huggenberg positiv. «Er nötigt uns zu fokussieren. Er regt an zum Ausmisten.» Ohnehin ist er kein Pessimist. Er glaubt daran, dass Winterthur die Zukunft packen wird. Man müsse bloss kreativ sein. Wieder ein Beispiel: Das Ausbildungszentrum Winterthur (AZW), das in Winterthur und Uster rund 2000 Lehrlinge ausbildet und über 1400 Kursteilnehmer schult. Es entstand aus den alten Sulzer-Lehrlingswerkstätten. Diese hätten auch untergehen können, wenn ihr Leiter sie nicht ausgelöst und neu aufgebaut hätte.

«Winterthur ist doch eine reiche Stadt. Wir haben grosse Firmen, die Steuern zahlen. Man muss das Geld nur richtig einsetzen», sagt Christian Huggenberg.

Schlussbefund nach vier Gesprächen: Wenn Winterthur wieder einmal am Boden scheint, besinnt es sich auf sich selber – und rappelt sich auf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2015, 23:34 Uhr

Christian Huggenberg: «Winterthur ist reich. Wir haben grosse Firmen, die Steuern zahlen. Man muss das Geld bloss richtig einsetzen.»

Peter Niederhäuser: «Das Nest Winterthur rückte in den zwei Jahrzehnten von 1850 bis 1870 zur Fast-Weltstadt auf.»

Yusuf Yesilöz: «In Winterthur sind Stadt und Land beieinander. In einer Metropole wäre mir nicht wohl.»

Celine Hauri: «Der Lokalstolz ist ausgeprägt. Gäste in meiner Bar erkundigen sich des Öftern, ob wir Winti-Bier haben.»

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