«Die Durchmesserlinie ist wie ein Virus»

200'000 Bahnfans haben den neuen Bahnhof Löwenstrasse in Zürich in Beschlag genommen. Mit dem Tunnelturbo flitzten 10'000 durch den Weinbergtunnel. Die meisten sind begeistert. Es gibt aber auch Kritik.

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Unter dem Zürcher Hauptbahnhof, im neuen Tiefbahnhof Löwenstrasse, war am Samstag viel los. Wo morgen die ersten S-Bahnen fahrplanmässig halten, haben 200'000 Personen zwischen 10 und 18 Uhr die Einweihung fürs Publikum gefeiert. Da die SBB 100'000 Besucher erwartet hatten, sagte SBB-Sprecher Reto Schärli: «Unsere Erwartungen sind weit übertroffen worden.» Die SBB und der ZVV seien «äusserst zufrieden».

Die Extrafahrten mit dem sogenannten «Tunnelturbo» durch den Weinbergtunnel nach Wallisellen und retour waren gemäss Schärli ausgebucht. Die grösste Attraktion der Zugsausstellung auf den Gleisen 33 und 34 war einer der Lösch- und Rettungszüge der SBB, die bei Grossbränden wie in Schlieren am vergangenen 12. September zum Einsatz kommen. Auch der Schulzug war gut besucht. Laut dem SBB-Sprecher gab es keine grossen Pannen. Am Morgen seien einige Rolltreppen kurz stillgestanden. Und irgendwann verlor ein Kind seine Eltern. Doch alles löste sich in Minne auf.

Abschied vom Flügelbahnhof

Zugegen waren vor allem Bahnfans. Zu dieser Kategorie gehört die Familie Keller. Alle vier Mitglieder sind schon um 9.15 Uhr auf dem Bahnhof Horgen aufgekratzt. Dort warten sie auf die S8 nach Zürich. Sohn Aaron will gar nicht recht fürs Foto posieren. «Ich will Zug fahren», fordert er energisch. Mit dabei hat er – wie immer, wenns wichtig ist – seinen Kuschelkrebs Zwicki. Er freut sich am meisten auf den Löschzug. Von diesem hat ihm der Papa erzählt. Für diesen ist der Besuch des Fests Ehrensache. Marco Keller gehört zur «Orange Army», zu den hunderten Arbeitern, die am Bau der Durchmesserlinie (DML) beteiligt waren. Das Rayon des Projektleiters technische Anlagen war Oerlikon, sein Fachgebiet: Perrons und Dächer. «Die DML ist wie ein Virus», sagt er. Er ist erst seit 2013 dabei und hat erfahren, wie fest einen das Projekt in Beschlag nimmt: «Ich war je länger, desto begeisterter.» Er durfte auch schon durch den Weinbergtunnel fahren. Einmal hat er ihn gar durchschritten.

Seine Frau Mirjam stellt klar: «Eigentlich bin ich der grösste ÖV-Freak der Familie.» Als solche äussert sie auch Kritik: «Ihre» S-Bahn wird künftig nicht durchgehend niederflurig sein, weil die neueste Generation S-Bahn-Züge auf den DML-Linien konzentriert werden. Das interessiert sie aufgrund des Kinderwagens. Darin sitzt der sechsmonatige Elias. Ihm sind die Befürchtungen der Mutter egal. Er strahlt pausbackig. Am Flügelbahnhof Sihlpost angekommen, sagt die Mama zu Aaron: «Das ist das letzte Mal, dass wir hier ankommen. Dieser Bahnhof wird abgebrochen.» Aaron schaut mit grossen Augen auf den Flügelbahnhof.

Der Löschzug ist die grösste Attraktion

Auf den neuen unterirdischen Gleisen 33 und 34 sind die neuesten S-Bahnwagen ausgestellt und glänzen unter dem goldenen Dach des neuen Bahnhofs. Die grösste Attraktion ist der SBB-Löschzug. Es gibt Führungen durch die ganze Komposition, die Schlange wird länger und länger. Einer der Wartenden ist Beat Bloch mit seinen zwei Söhnen Linus (7) und Clemens (4). Clemens freut sich am meisten ... aufs Trammuseum, weils dort eine Kurbel hat, an der man drehen kann. Dorthin gehen sie am Nachmittag. Linus ist aber ganz auf den Löschzug konzentriert. Er will mal Feuerwehrmann werden.

Bloch politisiert im Kantonsrat für die CSP, war aber noch nicht im Parlament, als der Kredit für die DML gesprochen wurde. «Die Abkehr vom Sackbahnhof ist ein grosser Fortschritt», sagt er. «Die Ostschweiz rückt näher an Zürich und Bern.»

Zürich besser als Stuttgart

Schon länger im neuen Bahnhof ist Tobias Prager. Er bezeichnet sich als «extremer Zugfan». Deshalb musste der Dornacher auch auf dem ersten Tunnelturbo sein. Dieser fuhr schon um 9.25 Uhr Richtung Oerlikon. «Ich war zuvorderst, durfte aber nicht in den Führerstand», sagt er etwas enttäuscht. «Es war trotzdem super!» Am eindrücklichste sei die Einfahrt in den Tunnel und die Ausfahrt gewesen. Von der DML profitieren wird er, wenn er seinen Bruder von Basel aus in Hettlingen bei Winterthur besucht.

Vor dem Shuttle auf Gleis 32 posiert Peter Baumgartner für ein Foto. Der Klotener ist da, weil er den «Plausch» an Bahnen hat. Angesichts der Schwierigkeiten beim Bau des neuen Bahnhofs Stuttgart findet er, dass die Sache in Zürich «überraschend schnell über die Bühne gegangen ist». Sein Hauptinteresse gilt dem Abschnitt in Oerlikon, weil er gleich über der Bahnschneise aufgewachsen ist. «Verrückt» findet er, dass der neue Tunnel gleich nach dem Bahnhof unter der Limmat und dann gleich noch unter dem älteren Hirschengrabentunnel durchfährt.

Wo steht Stadler?

Nach der Fahrt wird sich Baumgartner vom «Oerliker Labyrinth» beeindruckt zeigen. «Man fährt hoch und wieder runter und fast kreuzungsfrei durch den Bahnhof.» Die langgezogene Kurve des Weinbergtunnels habe er kaum bemerkt – ausser dass er wegen der leichten Neigung etwas schräger sass. Das werde man wohl nicht mehr bemerken, wenn die Fernzüge mit 120 km/h durch den Tunnel blochen, meint er. Der Tunnelturbo fährt nämlich fast im Schleichgang. Wohl damit die Passagiere die Fahrt geniessen können und Oerlikon nicht schon auftaucht, bevor man sich richtig hingesetzt hat.

Zwei Kritikpunkte hat ÖV-Kenner Baumgartner. Einerseits stört ihn, dass der Hersteller des Rollmaterials – in diesem Fall Stadler Rail – nicht auf dem Zug vermerkt ist. Anderseits ärgert ihn, dass ihm als S7-Fahrer der modernste S-Bahn-Zug «zugunsten der neuen DML-Prestigelinien» entzogen wird.

Bauarbeiter im Tauchanzug

Im Zug sitzt auch die Familie Ben Brahim. Mutter Irma freut sich, dass sie schneller von Dietlikon in Zürich-Wiedikon oder -Enge sein wird. Vater Abbes findet es gut, dass «Zürich mit der DML etwas mehr wie Paris oder London wird». Tochter Samira (16) meint, sie sei «ein bisschen genötigt» worden mitzukommen. Schmnunzeln muss auch sie bei der Durchsage im Shuttle. Die Stimme aus dem Lautsprecher wechselt zwischen gefühlsbetont («Es liegen spannende Jahre hinter uns, die viel Freude bereitet haben»), märlihaft («Am Anfang war viel Wasser»), lustig («Die Bauarbeiter wollten nicht im Tauchanzug arbeiten»), beruhigend («Sie können sich unbesorgt zurücklehnen») und informativ («30 Meter über uns ist das Radiostudio»).

Irma Ben Brahim findet den Tunnel «angenehm und heller als die anderen», die Fahrt extrem ruhig. Vater Ben Brahim: «Aber Achtung: Er fuhr langsam!»

Das meint der Experte

Im Nebenabteil sitzt ein absoluter Experte. Ian aus St. Gallen wird von Grossmutter Hanna Osterwalder als «der grösste ÖV-Spezialist der Schweiz» bezeichnet. «Ziemlich spannend» hat er die Fahrt gefunden. Mit Kennerblick fügt der etwa 10-Jährige an: «Eine Mega-Leistung der Arbeiter.» Dass im Tunnelschacht die Lichterkette durchgehend ist und nicht sprunghaft, ist ihm sofort aufgefallen. Die lange Kurve hat der Fachmann natürlich bemerkt.

Grossmutter Osterwalder ist nicht unbeschränkt begeistert. Denn sie wohnt in Wipkingen und hat die Protestpetition unterschrieben, weil aufgrund der DML weniger Züge im westlichen Stadtteil halten. «Ich gehöre zu den Verliererinnen», sagt sie und fügt fatalistisch hinzu: «Alles wird besser, nur Valser bleibt gleich.» Der Jüngling, der natürlich Lokführer oder Fahrplanmacher werden will, belässt es nicht dabei. Ihm geht nicht in den Kopf, warum auch die S14, die früher in Wipkingen hielt, durch den neuen Tunnel fahren muss und diese durch die S24 ersetzt wird, die dann in Zürich kehren muss. Ian bleibt dennoch Optimist: «Vielleicht leiten sie im Gegenzug die künftige S19 durch Wipkingen.» Als Laie ist man geneigt zu sagen: ZVV, übernehmen Sie!

Die Angst des Unispitals

Wieder zurück im Bahnhof Löwenstrasse fällt Thomas Güntert auf. Er schaut sich nicht die Attraktionen an, sondern blickt zu den Fahrleitungen hoch. «Diese hängen nicht», stellt er fest. «Der Kupferdraht ist fix verschraubt.» Damit spare man an Wartung, sagt der Mann, der – man ahnts – bei der SBB-Infrastruktur arbeitet. «Und der Bahnhof muss weniger hoch sein.»

Güntert, der eigens aus Heerbrugg im Rheintal angereist ist, hat auch eine Anekdote parat. Als die Spezialisten des Unispitals hörten, dass der Tunnel und damit die 15'000-Volt-Leitung direkt unter dem Krankenhaus durchführt, befürchteten sie, dass die Herzmaschinen beeinträchtigt werden. Deshalb habe sich ein Ingenieur etwas einfallen lassen müssen, berichtet Güntert. Die Lösung: Die Fahrleitungen wurden mit vielen zusätzlichen Spezialkabeln geerdet.

Viel heller als Shop-Ville

In Hochstimmung sind nicht nur die Zugspassagiere, sondern auch die Verantwortlichen der 45 neuen Läden in der neuen Passage. Daniel Keppler, Verkaufsleiter der Naturkosmetik-Kette L'Occitane sagt: «Wir sind zurück und freuen uns.» Der Laden war bis vor drei Jahren in der Haupthalle, musste aber weichen, als die SBB dort nur noch Convenience wollte: Blumen- und Esslokale. «Das tat weh», sagt er. Aber nun ist er zuversichtlich, dass es gut kommt. Die Rentabilität werde wohl besser sein als im Flagshipstore an der Bahnhofstrasse, denkt Keppler. Grund dafür ist nicht eine höhere Kundenfrequenz, sondern die tiefere Miete.

«Wir bezahlen hier eine hohe Marktmiete. Aber diese ist immer noch um ein Vielfaches tiefer als an der Bahnhofstrasse», so Keppler. Er setzt auf das Pick-and-Go-Konzept. Die Kundinnen bestellen im Internet und holen es in der neuen Filiale ab. Diesen bezeichnet er als sehr hell und sehr freundlich. Zudem sei den SBB ein guter Mietermix gelungen. «Die Leute werden sich hier wohler fühlen als im dunkleren, alten Teil des Shop-Ville», ist Keppler überzeugt.

«Wie an der frischen Luft»

Auch Vera Senn ist guter Dinge. Der Sushi-Laden Yooji's, dessen Geschäftsführerin sie ist, brummt. «Alle Erwartungen sind erfüllt worden», sagt sie. Zumindest am ersten Tag. «Die Leute sind entspannt, der neue Bahnhofsteil ist super-schön», wie sie meint. Man fühle sich wie an der frischen Luft. Im Gegensatz zum Glattzentrum, wo sie auch gearbeitet hat, darf hier jeder Angestellte alle vier Stunden 20 Minuten an die Sonne.

Senn ist überzeugt, dass diese Yooji's-Filiale schnell rentieren wird. «Das ist ein Selbstläufer», meint sie. Das Angebot ist auf die eilige Pendler-Kundschaft abgestimmt worden. Im Sushi-Laden gibts auch Cappuccino und ein Frühstücks-Sojabrot.

Erstellt: 14.06.2014, 16:42 Uhr

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