Die Einzelgängerin

Jacqueline Fehr, SP-Regierungsratskandidatin und Nationalrätin, ist ein Politprofi. Sie weiss, was sie will – und wie man die richtigen Verbündeten findet. Braucht sie Ruhe, spaziert sie durch den Wald.

Jacqueline Fehr gilt als einflussreiche Politikerin und hat in ihrer Karriere bereits viel erreicht. Mehrmals wurde sie für hohe politische Ämter gehandelt, den grossen Durchbruch schaffte sie aber nie. Foto: Urs Jaudas

Jacqueline Fehr gilt als einflussreiche Politikerin und hat in ihrer Karriere bereits viel erreicht. Mehrmals wurde sie für hohe politische Ämter gehandelt, den grossen Durchbruch schaffte sie aber nie. Foto: Urs Jaudas

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Es gibt einen Moment, in dem Jacqueline Fehr aus sich herauskommt. Einen Moment während des Gesprächs, in dem ihre Augen funkeln und sie sich freut – über eine kühne Aktion aus der Vergangenheit. Fehr wirkt weich und nahbar, als sie über die unübliche Allianz spricht, die sie als linke Nationalrätin mit dem Arbeitgeberverband schmiedete. Die Allianz machte es möglich, dass in den letzten Jahren Tausende zusätzliche Krippenplätze entstehen konnten. «Das war cool», sagt sie, lächelt, dreht den Kopf zur Seite, überrascht von ihrer spontanen Freude.

Die Idee für die Krippenfinanzierung kam Fehr in der Waschküche in ihrem Haus in Winterthur. Die zweifache Mutter hängte Kleider auf, liess sich die Diskussion über Frauen, die arbeiten, und Familien, die finanziell entlastet werden sollen, durch den Kopf gehen. Sie dachte: «Das Einfachste wäre, Krippen eine Anschubfinanzierung zu sichern.» Diese Idee fand Gleichgesinnte: Bürgerliche Frauen unterstützten sie, mit dem damaligen Chef des Arbeitgeberverbands, Peter Hasler, schrieb Fehr einen Gesetzestext. Das war vor gut zehn Jahren. Fehr macht noch heute stolz, «dass wir etwas derart unkompliziert umsetzen konnten».

Auf ähnliche Weise gelang eine weitere Errungenschaft: die Mutterschaftsversicherung mit dem bezahlten Mutterschaftsurlaub. Diese entstand, weil sich Fehr mit Pierre Triponez, FDP-Nationalrat und damals Direktor des Gewerbeverbands, verbündete. Seither gilt Fehr als Meisterin der Allianzen. 2009 verlieh ihr die «SonntagsZeitung» das Prädikat der einflussreichsten eidgenössischen Parlamentarierin. Selbst politische Gegner anerkennen Fehrs Geschick. Der Winterthurer SVP-Nationalrat Jürg Stahl relativiert jedoch und sagt, sie setze diese Stärke vor allem ein, wenn es um ein linkes Anliegen gehe. «Sie ist Sozialdemokratin durch und durch.»

Talfahrt nach dem Aufstieg

Mit ihrer Art hat die Winterthurerin in ihrer langen Politkarriere viel erreicht. Sie wurde für mehrere hohe, politische Ämter gehandelt. Und sie stand mehrfach vor einem grossen Durchbruch, schaffte ihn aber nie. Im Gegenteil: Fehr erlitt schmerzvolle Niederlagen.

Hart getroffen hat sie die Bundesratswahl 2010, als die Bundesversammlung statt ihrer Simonetta Sommaruga ins Amt hob. Noch schwieriger sei gewesen, dass sie 2012 nicht zur Chefin der SP-Bundeshausfraktion gewählt worden sei, sagt sie. Sie unterlag als Favoritin überraschend dem Aussenseiter, dem Schwyzer Nationalrat Andy Tschümperlin.

Die Absage an Politprofi Fehr war eine Klatsche der eigenen Kollegen, die sie nicht als Führerin akzeptieren wollten. Einige äusserten sich anschliessend anonym in Zeitungsberichten und erklärten die Niederlage der Politikerin mit persönlichen Schwächen. Sie sprachen von schlechten Erfahrungen mit Fehr, von ihrer «berechnenden Art», «ihrem Ehrgeiz und Machtwillen». Dabei kamen auch alte Geschichten zur Sprache wie Fehrs Rolle beim Sturz der einstigen SP-Präsidentin Ursula Koch im Jahr 2000. Die ungestüme Fehr hatte Koch öffentlich zum Rücktritt aufgefordert. Damit stiess sie viele Genossinnen und Genossen vor den Kopf.

«Heute würde ich anders handeln», sagt die 51-Jährige. Fehr spricht leise, zeigt sich selbstkritisch: «Auch bei der Wahl ums Fraktionspräsidium habe ich Fehler gemacht.» Damals, 2012, habe sie sich als Chefin für gesetzt gehalten. «Nicht aus Arroganz. Es war für mich klar, dass eine Frau die Fraktion führt, wenn ein Mann an der Parteispitze steht.» Heute teilt Fehr öffentlich nicht mehr aus wie früher, hält sich mit Kommentaren über andere zurück. Über ihren Mitstreiter, Regierungsrat Mario Fehr, sagt sie kein schlechtes Wort. Obwohl es ein offenes Geheimnis ist, dass sich die beiden nicht sonderlich mögen.

«Keine Schwätzerin»

Nun setzt Jacqueline Fehr erneut zum Gipfelsturm an – und will in den Regierungsrat. Wegen ihres politischen Profils wird das für sie kein Spaziergang. Fehr gehört zum linken Flügel ihrer Partei. Sie stand ein für die Einheitskrankenkasse, setzt sich ein für Frauenquoten und gegen die Privatisierung von Spitälern. Dennoch will sie nicht als ideologisch gelten, sagt: «Man kann mich nicht schubladisieren.» Um die Wählerschaft im bürgerlichen Kanton Zürich von sich zu überzeugen, betreibt sie einen intensiven Wahlkampf. Erneut knüpft sie Verbindungen in die verschiedenen Lager – so lobt Anton Affentranger, der Geschäftsführer des Baukonzerns Implenia, ihren Willen, Lösungen zu finden, und BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti wählt Fehr, weil sie sich für Krippenplätze einsetzt. Beide lassen sich auf Fehrs Internetsite zitieren.

Dort zeigt sich auch, wie sehr Fehr um ihre Wahl kämpft: Sie ist unterwegs, an Podien, Versammlungen, Standaktionen, spricht mit Leuten, hört ihnen zu. Sie stellt ihre Positionen vor, polarisiert. Den Kanton Zürich zum Beispiel hält sie zurzeit für kleinlich. Es werde «zu viel ­gejammert und zu viel gespart». Das will sie ändern und Zürich zurück in eine Pionierrolle führen. Sie verspricht, kleine, innovative Unternehmen zu stärken, die Landschaft zu schützen und in Bildung, Kultur und Forschung zu investieren.

Obwohl die Berufspolitikerin bisher kaum Führungserfahrung hat, traut sie sich das Leiten eines Departements mit Hunderten Angestellten zu. Selbstsicher sagt sie: «Ich kann das.» Weggefährtinnen loben Jacqueline Fehrs Gestaltungswillen. Sie halten sie für eine gescheite Strategin, für engagiert und dossierfest. Der Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran gefällt, dass «Fehr eine Macherin und keine Schwätzerin ist».

Fehr selbst hält sich für eine Einzelgängerin. Sie geht zwar auf Menschen zu, hat viele Kontakte, zieht sich aber auch zurück, schafft Distanz. «Ich brauche viel Zeit für mich», sagt sie. Dann fälle sie ihre Entscheide, entwickle Ideen. Wenn sie allein sein will, spaziert sie durch die Wälder Winterthurs.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2015, 21:37 Uhr

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Jacqueline Fehr

SP-Nationalrätin

Die Winterthurerin Jacqueline Fehr ist seit 1998 Nationalrätin und amtet als Vizepräsidentin der SP Schweiz. Im Parlament ­engagiert sie sich vor allem in den Themen Familie, Bildung, Gesundheitswesen. Sie ist ausgebildete Sekundarlehrerin, ihr Geld verdient sie heute aber als Nationalrätin und ­Geschäftsführerin ihrer kleinen Firma Atelier Politique. Die 51-Jährige sitzt im Verwaltungsrat von Energie 360° – der ehemaligen Erdgas Zürich AG – und der Mobiliar-­Genossenschaft. Im letzten Herbst haben die Delegierten der Sozialdemokraten Fehr mit grosser Mehrheit zur Regierungsrats­kandidatin nominiert. Sie will den SP-Sitz der abtretenden Bildungsdirektorin Regine Aeppli ver­teidigen. Jacqueline Fehr hat zwei Söhne und ist geschieden. (meg)

Sieben Fragen

Was denken Sie, wenn Sie eine Frau mit Burka sehen?
Muss das sein? Ich frage mich, wie eine Frau dazu kommt, sich selbst in so ein Gefängnis zu stecken. Ich wünschte mir dann jeweils, sie würde sich von der Burka befreien.

Wann sind Sie geizig?
Wenn ich in einem Restaurant schlecht bedient werde, dann spare ich mir das Trinkgeld.

Geben Sie einer Bettlerin am Hauptbahnhof Zürich Geld?
Selten. Ich gebe kein Geld, wenn es den Anschein hat, dass eine organisierte Bettelbande dahintersteckt. Einem drogenabhängigen Mann oder einer Frau würde ich hingegen schon eher etwas geben.

Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Ja. Für mich ist es klar, dass sie ebenso gute Eltern sind.

Haben Sie eine Ferienwohnung, wenn ja, wo?
Nein, ich habe keine.

Möchten Sie selbst bestimmen können, wann Sie sterben?
Ja, ganz bestimmt. Meiner Ansicht nach ermöglicht die Medizin heutzutage im Alter derart viel Unwürdiges. Da soll mit mir nicht alles möglich sein.

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen und weshalb?
Tatsächlich habe ich erst kürzlich das letzte Mal gelogen. Mein Sohn fragte mich um Geld, weil er selbst keines mehr in seinem Portemonnaie hatte. Ich sagte, ich hätte auch keines mehr, er solle sich selbst welches am Bancomaten besorgen. Allerdings stimmte das nicht. Ich hatte noch Geld bei mir.

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