Die Enge ist der wahre Zürichberg

Zwischen Breitinger- und Bürglistrasse in der Enge lebten zahlreiche Schweizer, die einst Geschichte geschrieben haben. In Blick in die Geschichte des Quartiers der Reichen des 19. Jahrhunderts.

Das Quartier um 1900: Damals lebten im Stadtkreis Enge vor allem reiche Leute.

Das Quartier um 1900: Damals lebten im Stadtkreis Enge vor allem reiche Leute. Bild: Photoglob/Keystone

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Die Enge ist heute ein begehrtes Wohnquartier, und sie war es schon Ende des 19. Jahrhunderts. Hier lebten vor allem reiche Leute. Heute bahnt sich eine ähnliche Entwicklung wieder an. Wie wohlhabend die Quartierbewohner damals waren, davon zeugen das Belvoir, die Villa Rieter und Wesendonk und die vielen, alten herrschaftlichen Häuser im Quartier, von denen heute noch etliche zu bewundern sind. Zum Beispiel das Haus am unteren linken Bildrand, das sich an der Breitingerstrasse befindet.

Auf den ersten Blick wirkt es vertraut. Aber nur auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinschauen entdeckt man Merkwürdigkeiten wie das Ende einer Passerelle und dass die Strasse sich nicht auf demselben Niveau befindet wie das Haus. Was steckt dahinter? Die Passerelle führte über die im Bild nicht sichtbaren Bahngeleise der tiefer gelegenen Seebahn, die ab 1875 den Hauptbahnhof mit Zügen nach Thalwil über Ziegelbrücke bis nach Näfels bediente. Der erste Bahnhof in der Enge befand sich deshalb am Alfred-Escher-Platz, und die Bahngeleise führten an der Breitingerstrasse vorbei. Erst 1927 entstand am Tessinerplatz der heutige Bahnhof Enge.

Gottfried Keller wäre am liebsten wochenlang im seinem Haus geblieben

Auf dem Bild fällt einem nicht nur die Breitingerstrasse auf, sondern auch die Kirche Enge und das Bürgli. Beide Häuser überragen in der Enge alle anderen Bauten. Das hat auch seine Gründe. Das Bürgli thront auf dem Hügel des Rebberges, der von der Bürglistrasse aus zu sehen ist. Zwischen 1876 bis 1882 wohnte im Bürgli im zweiten Stock Gottfried Keller, zusammen mit seiner Schwester Regula. Sie kümmerte sich um den Haushalt, bis es ihr zu mühselig wurde und sie an den Zeltweg übersiedelten.

Gottfried Keller jedoch hatte Heimweh nach dem Bürgli: «Am liebsten bliebe ich wochenlang im Haus, wenn ich nicht der Bewegung wegen ausgehen müsste», schrieb er an Theodor Storm. Der Dichter, der in der engen Altstadt aufgewachsen war, genoss in der Enge die Weite. Und so notierte er über seinen neuen Wohnort am Zeltweg in Hottingen: «Allein Aussicht und Himmel sind flöten gegangen, und ich bin gewärtig, ob ich noch ein Wohnsitzchen im Grünen erlangen kann.»

Johanna Spyris Nichte lebte in einem der beiden Pfaffhäuser

Reben gab es in dieser Gegend schon immer. Sie wuchsen um den ganzen Hügel herum. Doch mindestens die Hälfte der Anbaufläche verschwand, als die Kirche Enge zwischen 1892 und 1894 gebaut wurde. Mit ihrer markanten Kuppel und dem 60 Meter hohen Turm ist sie ein Wahrzeichen im Quartier. Zum Ensemble gehören auch der parkartige, grosszügig gestaltete Treppenaufgang und die beiden Pfarrhäuser.

In einem dieser beiden lebte damals ein Vorbild der Frauenbewegung, Emilie Kempin-Spyri. Sie war die Frau von Walter Kempin, der zwischen 1875 und 1885 Pfarrer in der Kirche Enge war. Sie war zudem die erste Frau, die in der Schweiz Jura studiert hatte und später erste Privatdozentin an der Uni Zürich wurde. Sie war schliesslich die Nichte von Johanna Spyri, der Autorin von «Heidi». Ihr wechselvolles und teilweise tragisches Leben schildert Eveline Hasler in ihrem bekannten Roman «Die Wachsflügelfrau». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2010, 11:39 Uhr

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