Die FDP hat ein Frauenproblem

Der Streit zwischen den FDP-Frauen und Präsident Philipp Müller spitzt sich nach dem Nein zum Familienartikel zu. In Zürich haben Frauen Angst, bei einem Rechtsrutsch der FDP vergessen zu gehen.

«Mit Leidenschaft FDPlerin»: Carmen Walker Späh, Präsidentin der FDP Frauen.

«Mit Leidenschaft FDPlerin»: Carmen Walker Späh, Präsidentin der FDP Frauen. Bild: Saskja Rosset

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Es sind die Frauen, die zurzeit die FDP-Parteileitung in Bern stressen. Dabei geht es um ganz alltägliche Themen wie Krippen, Familie und Beruf, Kindergärten oder Frauen in Führungspositionen. Noch erstaunlicher für eine weltoffene Partei: Die Männer drücken sich um Aussagen. Eine Ausnahme ist Nationalrat Ruedi Noser: «Ich bin stolz auf unsere FDP-Frauen, weil sie mit viel Engagement zu ihren eigenen Themen eine eigenständige Politik machen.»

Der Ärger einiger FDP-Männer in Bern richtet sich gegen die Zürcher Kantonsrätin Carmen Walker Späh, die Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz. Gar ein rotes Tuch ist für gewisse FDP-Kämpen Frauen-Generalsekretärin Claudine Esseiva. Die selbstbewusste Esseiva, die mit der «Nicht mehr oben ohne»-Kampagne mehr Frauen in den Teppichetagen forderte, soll laut der Zeitung «Der Sonntag» von der Generalsekretärin zur einfachen Sekretärin degradiert werden.

Strafaktion gegen Esseiva?

Ist die Rückversetzung von Walker Spähs Generalsekretärin Esseiva eine Strafaktion? Offiziell äussert sich niemand, weil das ein Internum aus dem Sekretariat betreffe. Walker Späh sagt bloss: «Ich bin mit Leidenschaft FDPlerin, und genauso beherzt setze ich mich auch für die FDP-Frauen ein.»

Voll und ganz hinter Walker Späh stellt sich die Zürcher Finanzdirektorin Ursula Gut (FDP): «Es ist auch heute noch richtig, auf spezifische Anliegen von Frauen aufmerksam zu machen. Wenn dies die FDP-Frauen Schweiz gelegentlich pointiert tun, so muss dies in einer liberalen Partei Platz haben.»

Keine Rücksicht auf Befindlichkeiten in Bern muss Ursula Uttinger nehmen, die Präsidentin der Stadtzürcher FDP-Frauen. Als sich Philipp Müller ums Präsidium bewarb, habe er die Frauen umgarnt. «Doch nun bekommen wir seine rechtsbürgerlichen Ansichten immer mehr zu spüren.» Müller leite die Partei nach dem «Mir-nach-Prinzip». Regierungsrätin Ursula Gut allerdings erkennt keine Trendwende: Müller habe sich schliesslich zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekannt.

Carmen Walker Späh ist Frust und Widerstände gewohnt. Die Bauanwältin kämpft so beharrlich wie nur wenige im Kantonsrat – und trotzdem wird sie immer wieder verschmäht: als Nationalrätin, Kantonalzürcher FDP-Präsidentin, Vizepräsidentin der FDP Schweiz und eben erst als Stadtratskandidatin. «Mit gesellschaftspolitischen Themen allerdings ecke ich in Zürich nicht an, diese Anliegen gehören heute zum Parteiprogramm.» Schon 2006 hatte Walker Späh die Bürokratie bei Kinderkrippen thematisiert.

«Frauen spüren Trends besser»

In Bern haben es die Frauen schwerer als in Zürich – und werden auch finanziell kurzgehalten. Nur 25 000 Franken pro Jahr haben sie im Durchschnitt zur Verfügung. «Deshalb müssen wir unsere Kampagnen weitgehend über Internet, Facebook oder Twitter führen», sagt Walker Späh. Vor allem Esseiva, die sich als «liberal, progressiv und frei denkende Feministin» bezeichnet, twittert, was das Zeug hält. Beim Familienartikel haben sich die FDP-Frauen ein einziges – gesponsertes – Inserat leisten können.

Nach Ansicht der Stadtzürcher Frauenpräsidentin Ursula Uttinger macht die Partei einen Fehler, wenn sie den Frauen Steine in den Weg legt und kein modernes gesellschaftspolitisches Verständnis mehr zeigt. «Bei einem Rechtsrutsch würden wir Frauen völlig vergessen gehen.» Die FDP könne mit konservativen Anliegen auf dem Land nicht punkten, dort grasten schon andere. Laut Uttinger kann die FDP vor allem in urbanen Schichten neue Wählerinnen und Wähler gewinnen. «Ich bin überzeugt: Wir Frauen spüren die Trends viel besser als unsere FDP-Männer.» Auch zahlenmässig liegen die Frauen vorne: Der Mitgliederbestand bei den FDP-Frauen ist klar am Steigen.

Erstellt: 12.03.2013, 07:45 Uhr

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