Die Familie ist nicht heilig

Nach der Bluttat von Flaach zeigt sich, wie viele Bürger dem Staat grundsätzlich misstrauen. Und wie gross unsere Angst ist, Verantwortung zu übernehmen.

Nach der Bluttat in diesem Haus in Flaach richtete sich der öffentliche Zorn gegen die Kinderschutzbehörde.

Nach der Bluttat in diesem Haus in Flaach richtete sich der öffentliche Zorn gegen die Kinderschutzbehörde. Bild: Urs Jaudas

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«Stasi-Behörde», «Psychoterror», «staatlicher Kinderraub»: Nach der Bluttat von Flaach entlud sich ein Sturm des Zorns über der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Ein Sturm, der in dieser Heftigkeit erstaunt und Fragen aufwirft: Woher kommt er? Was steckt dahinter? Und was sind die Folgen?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Es sind mehrere Faktoren, die sich überlagern. Aber: Wer die Einträge in Foren und in den sozialen Medien liest, dem fällt rasch auf: Es geht nicht nur um eine Erklärung für das Unerklärliche. Es geht vielmehr um ein ganz grundsätzliches Misstrauen der Zornigen gegenüber dem Staat.

Genährt wird dieses Misstrauen teils durch unerfreuliche Erfahrungen, die wohl jeder und jede schon gemacht hat. Nicht unbedingt, weil unser Staat so schlecht wäre, sondern weil wir ständig mit ihm zu tun haben: Wir zahlen Steuern, wir heiraten, wir haben Schulkinder, wir kassieren Bussen – die Liste unserer Behördenkontakte liesse sich endlos verlängern. Dass wir das eine oder andere Mal unzufrieden sind, ist ob dieser Menge unvermeidbar.

Aber warum pauschalisieren wir solche Erfahrungen? Hier werden die Folgen einer seit Jahren andauernden Kampagne vor allem vonseiten der SVP spürbar, die Staat und Behörden pauschal als unfähigen Moloch verunglimpft, gegen den sich der Bürger nicht wehren kann. Der unflätige Vergleich der Kesb mit der Stasi war nur der jüngste Auswuchs.

Das Perfide an dieser Art Politik ist: Sie funktioniert als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Eine Behörde wird so lange desavouiert, bis sie in der Bevölkerung unglaubwürdig wird – und genau das wird dann der Behörde angelastet. Im Fall der Kesb heisst das, man suggeriert den Menschen: Wehe, wenn ihr einmal in deren Fänge geratet, habt ihr keine Chance mehr, eure Unschuld zu beweisen. Und wenn dann jemand, beeinflusst von der Propaganda, eine Affekthandlung begeht, wird auch das dem Staat angelastet statt dem Täter.

Unsägliches Leid

Eine weitere, entscheidende Rolle spielt der Umstand, dass die Kesb in unser Allerheiligstes eingreift: unsere Familie und unser Privatleben. Die Kesb führt den Begriff «Schutz» im Namen und scheint doch Familien zu zerreissen. Und wenn dann in der Obhut dieser Schutzbehörde auch noch Kinder sterben, klingt das nach totalem Versagen.

Familie und Privatleben, das sind Bereiche, in denen wir die Behörden nicht haben wollen. Und weil wir sie selbst dort nicht haben wollen, muten wir sie auch anderen nicht zu. Mit gutem Grund, wie wir gern glauben: Monströse staatliche Übergriffe auf die Kinder von Fahrenden, von ledigen Müttern oder armen Familien noch in der Generation unserer Eltern und Grosseltern haben Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Nie wieder, sagen wir uns.

Wir sagen das zu Recht. Aber wir sagen es zu absolut. Wir blenden dabei aus, dass die Kernfamilie keineswegs immer der sichere Garant für Stabilität ist, wie wir gern glauben wollen. Wer an diesem Dogma festhält, wer behauptet, Eltern oder Grosseltern seien auf jeden Fall immer die bessere Wahl für Kinder, der verharmlost, was in zerrütteten Familien abgehen kann. Das sind nicht einfach leicht turbulente Verhältnisse, die mit etwas gesundem Menschenverstand wieder gerichtet werden können. Das sind unsägliche Leidensgeschichten.

Was hier spielt, ist dieselbe Mentalität, die es möglich machte, dass Vergewaltigung in der Ehe noch vor 20 Jahren nicht strafbar war. Man hielt sie schlicht für inexistent. Diese Haltung besagt: Was nicht sein darf, kann nicht sein. Und: Wäre ja noch schöner, wollte der Staat den Männern vorschreiben, wie sie mit ihren Frauen umzugehen haben. Eine Haltung, die umso problematischer ist, als sie sich potenziert: Sie verharmlost das Leid, und sie bestärkt die Betroffenen im Glauben, keine Hilfe zu brauchen. Das führt zu einem Zirkelschluss: Warum sollen wir Hilfe anbieten, wenn die Betroffenen gar keine wollen?

Angst vor der Verantwortung

Letztlich ist diese Haltung für uns sehr bequem. Denn damit vermeiden wir, in die Abgründe blicken zu müssen, die sich in zerrütteten Familien auftun. Davor schrecken wir zurück. Nicht aus Respekt vor dem Privatleben, das ist eine Ausrede. Sondern weil es uns hilflos und ratlos macht, wenn Eltern ihre Kinder beschimpfen, prügeln, vernachlässigen, missbrauchen, töten oder sterben lassen.

Und das ist vielleicht der eigentliche Kern der Sache: Wir fürchten uns vor dem, was wir uns aufhalsen, wenn wir genau hinsehen. Denn das würde bedeuten, Verantwortung zu übernehmen für die betroffenen Kinder und ihre Familien. Und diese Verantwortung wollen wir nicht. Weil jede Hilfe, die wir anbieten, jede Massnahme, die wir treffen, auch die Möglichkeit des Scheiterns beinhaltet. Mehr noch: Je nach Situation ist ein Scheitern sogar wahrscheinlich.

Und dann haben wir nicht nur viel Zeit, viele Nerven und womöglich viel Geld verloren, sondern stehen auch – und hier schliesst sich der Kreis zur Propaganda der SVP – als Mitschuldige da. Da ist es bequemer, nichts zu tun und den Betroffenen allein die Schuld zuzuschieben für die Folgen. Dass wir uns auch damit eine Mitschuld aufladen, das kann uns ja dann keiner nachweisen.

Erstellt: 13.01.2015, 22:44 Uhr

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