Die Flugkatastrophen-Forscher von Winterthur

Aus dem Absturz der A320 in Frankreich will man am Zentrum für Aviatik in Winterthur lernen. Zur Analyse dient auch der schweizweit einzigartige Simulator.

Wichtiger Bestandteil der Forschung: Forschungssimulator im Zentrum für Aviatik in Winterthur. (Foto: zvg)

Wichtiger Bestandteil der Forschung: Forschungssimulator im Zentrum für Aviatik in Winterthur. (Foto: zvg)

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«Emotionen sind wichtig», sagt Christoph Regli. Der Leiter des Studiengangs Aviatik an der ZHAW ist derzeit als Aviatik-Experte sehr gefragt. Soeben stand er fürs Schweizer Fernsehen vor der Kamera. Regli sagt, dass ein breites Interesse auch für eine bessere Aufklärung sorge: «Die Leute wollen wissen, was sich ereignet hat. Spekulationen gehören halt dazu.»

Wichtig sei, die verfügbaren Fakten von der Informationsflut zu trennen. Darauf ist das Forschungszentrum für Aviatik besonders angewiesen. Es ist Teil der ZHAW und hat sich unter anderem der Flugsicherheit verschrieben. «Wir bieten auch ein Modul namens Learning from Incidents and Accidents an», sagt Regli (Anm. d. Red.: lernen aus Vorfällen und Unfällen).

Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Diesem Ansatz hat sich die ZHAW-Psychologin Céline Mühlethaler verschrieben. In einer Zeit, in der die Technik so sicher scheint wie noch nie, befasst sich die Aviatik-Forschung vermehrt mit dem Faktor Mensch. Die Dozentin sensibilisiert ihre Studenten auf die «Human Factors» – die psychologischen Hintergründe und Bedingungen für menschliches Risikohandeln in hoch technisierten Branchen. Wie reagiert ein Pilot, wenn wichtige Sensoren ausfallen, wie etwa beim Air-France-Absturz von 2009? «Stresstests und Training des Situationsbewusstseins sind heute fester Bestandteil in der Ausbildung von Piloten und Fluglotsen», sagt Mühlethaler.

Privatleben der Piloten wird überprüft

Doch was, wenn der Mensch mit Absicht zum Risiko wird? Silk Air 1997, Egypt Air 1999, Mozambique Airlines 2013, Malaysia Airlines und nun auch Germanwings 2015 - bei all diesen Vorfällen besteht zumindest der Verdacht, dass die Maschine willentlich zum Absturz gebracht wurde. Die Konstitution für den Erhalt der Pilotenlizenz werde heute regelmässig durch medizinische Abklärungen überprüft, sagt Mühlethaler. Die Verantwortung liegt aber bei den einzelnen Fluggesellschaften. Die Lufthansa, der Mutterkonzern der verunglückten Germanwings-Maschine, setzt auf einen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelten Eignungstest. Vor der Ausbildung wird die psychische Verfassung der potenziellen Piloten überprüft. Nach Erwerb der Lizenz gibt es dann noch regelmässige medizinische Tests. Eine psychische Überprüfung gibt es allerdings nicht mehr.

«Die Annahme, der Mensch sei automatisch das schwächste Glied in der Kette, ist aber auch gefährlich», sagt Regli. Die Technik werde zwar immer besser und intelligenter. Dennoch fehle Maschinen eine entscheidende Qualität: die Kreativität. «Piloten verhindern weit mehr Flugunfälle, als sie verursachen», sagt Regli. Wenn beispielsweise ein wichtiger Sensor ausfalle, dann liege es am Piloten, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Lernen aus dem Absturz

Raphael Monstein leistet als wissenschaftlicher Mitarbeiter einen wichtigen Beitrag zur Flugsicherheit. Er ist für die Betreuung des Forschungssimulators – eines Herzstücks des Forschungszentrums – zuständig. Hier dienen die Informationen über Flugzeugabstürze als Informationsgrundlage, aus der Antworten gezogen werden.

Katastrophen wie diejenige nun in Frankreich werden in der Aviatik-Forschung genutzt, um Fehler zu analysieren und die Fliegerei noch sicherer zu machen. Der Flugzeugabsturz in Teneriffa im Jahr 1977 sei ein solches Ereignis gewesen, sagt Monstein. Damals hätten die Ermittlungen ergeben, dass der Absturz unter anderem auf kommunikative Faktoren zurückzuführen gewesen sei. «Seither sind Piloten vermehrt verpflichtet, Sprachtests zu absolvieren», sagt Monstein. In der Aviatik-Forschung wird eine Katastrophe auch als Möglichkeit begriffen, die Sicherheit zu erhöhen.

Hoch entwickelter Flugsimulator

Der Flugsimulator in Winterthur ist schweizweit einzigartig. Gemäss Monstein kann theoretisch jeder Flugzeugtyp simuliert und jede beliebige Strecke abgeflogen werden. Darin können etwa Szenarien wie die nötige Reaktion auf einen plötzlichen Druckabfall simuliert werden. Neu ist die Kombination mit einer Eye-Tracking-Brille: Eine Kamera verfolgt und analysiert, wann ein Pilot wohin blickt und wie dieser zum Beispiel in einer Stresssituation reagiert.

Das Flugzeugunglück in Frankreich habe man bis jetzt nicht simuliert. Gemäss Monstein ist der Simulator nicht primär dazu da, Katastrophen nachzuspielen, sondern um Experimente zu Flugeigenschaften eines Flugzeugs durchzuführen. «Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine ist der Bereich, der uns am meisten interessiert.»

Erstellt: 27.03.2015, 10:37 Uhr

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A320-Absturz in Frankreich

A320-Absturz in Frankreich Nachdem ein Flugzeug von Germanwings in den französischen Alpen verunglückt ist, trauert Europa um die 150 Opfer.

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