Die Frauen mit dem geschickten Händchen

Marie-Christine Fluet ist Neurowissenschaftlerin, Sophie Winkler-Payot Bankerin. Ihre Start-up-Firma wurde gestern an der ETH ausgezeichnet.

Erfolgreiches Duo: Die Lausannerin Sophie Winkler-Payot (links) und die Kanadierin Marie-Christine Fluet mit dem Diagnosegerät.

Erfolgreiches Duo: Die Lausannerin Sophie Winkler-Payot (links) und die Kanadierin Marie-Christine Fluet mit dem Diagnosegerät. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fröhlich, französisch, charmant. Wenn die Frankokanadierin Marie-Christine Fluet und die Lausannerin Sophie Winkler-Payot – beide 35 – im ETH-Labor herumalbern, wirken sie nicht wie erfolgreiche Businessfrauen. Die beiden haben aber eine ganze Menge im Kopf – und in ihrem Fall auch in der Hand. Zusammen sind sie Rehaptix, haben schon über 600 000 Franken an Forschungs- und Stiftungsgeldern gewonnen und standen auch gestern mit ihrer Businessidee bei Venture 2014 an der ETH im Rampenlicht.

Von ihrer Ausbildung und Herkunft haben Marie-Christine Fluet und Sophie Winkler-Payot wenig gemeinsam – ausser der französischen Muttersprache. Fluet hat in Montreal Elektroingenieurin studiert und an der Uni Zürich als Neurowissenschaftlerin doktoriert. Ihr Spezialgebiet: die Steuerung der Hand durch das Grosshirn. Winkler-Payot ist die Tochter eines Kardiologen in Lausanne, hat an der HSG St. Gallen in Finanzwissenschaften abgeschlossen und mehrere Jahre als Investmentbankerin in London und Amsterdam gearbeitet.

Zusammengeführt haben die beiden Frauen vor einem Jahr gemeinsame Bekannte – und gemeinsame Interessen. Bankerin Winkler suchte «eine sinnvolle Aufgabe mit Menschen». Fluet wollte in Kanada Ergotherapeutin werden – wenn sie nicht auch so grosse Interessen an Mathematik und Physik gehabt hätte. Nachdem sie während ihrer Doktorarbeit an der Uni an Affen geforscht hatte, ist auch sie zurück beim Menschen und der Rehabilitation.

Ein Test wie ein Computerspiel

Ihr preisgekröntes Projekt besteht aus einer tennisballgrossen Kugel, einem roboterartigen Arm, einem Laptop und einer selbst entwickelten Software. Damit können sie Armmotorik, Koordinationsfähigkeit und Kraft in der Hand von Patienten messen, die zum Beispiel einen Schlaganfall erlitten haben oder an multipler Sklerose erkrankt sind.

Diese Patienten machen heute den 9-Loch-Hölzchen-Test zur Messung der Handgeschicklichkeit. Sie müssen neun Hölzchen einzeln aus einer Schale greifen und in die dafür vorgesehenen Löcher im Testbrett stecken. Dazu wird die Zeit gestoppt; es gibt normierte Auswertungstabellen.

Die Erfindung von Fluet und WinklerPayot digitalisiert diesen Test. Die Hand umfasst die Kugel, und die Hölzchen werden wie bei einem Computerspiel mit der Maus digital ergriffen und auf dem Bildschirm in die Löcher geschoben. Vorteil dieser Methode: Gleichzeitig können die Kraft der Hand, allfälliges Zittern, Armmotorik, Koordinationsfähigkeit, Umwege und Zeit erfasst werden. Die Software erlaubt eine viel präzisere Auswertung und Vergleichbarkeit als das blosse Stoppen der Zeit beim Hölzchentest.

Ein Team, das sich ergänzt

Warum die beiden Frauen ein Top-Team sind: Marie-Christine Fluet ist die Hirnforscherin, die als Elektroingenieurin auch Kabel löten, Roboterteile zusammenschrauben und Software programmieren kann. Sophie Winkler-Payot kann mit Geld umgehen, Businesspläne schreiben, sie hat schon Firmen restrukturiert und marketingmässig begleitet. Beide sind locker, unkompliziert und sprechen Französisch, Englisch und Deutsch fast gleich gut. Von solchen Botschafterinnen kann jedes Unternehmen nur träumen.

Ihre Start-up-Firma Rehaptix hat bereits mehrere Geräte für klinische Tests in Belgien, Kanada, Bern und Zürich im Einsatz. Um den Hölzchentest definitiv zu ersetzen, müssen sie noch ein paar Hindernisse überwinden: «Viele Physiotherapeuten arbeiten lieber mit den Händen als mit dem Computer», sagt Fluet. Zürich sei aber ein idealer Ort, um mit Rehaptix durchzustarten. «Hier hat es viele junge Firmen, die neue Geräte für die Rehabilitation entwickelt haben. Das ergibt ein gutes Netzwerk.»

Erstellt: 16.01.2014, 08:29 Uhr

Preise für zehn Jungunternehmen

Zum neunten Mal haben die ETH Zürich, die Transportfirma Knecht Holding, der Unternehmensberater McKinsey und die Kommission für Technologie und Innovation des Bundes gestern Erfolg versprechende Jungunternehmer ausgezeichnet. Am führenden Start-up-Wettbewerb der Schweiz haben dieses Jahr 239 Teams teilgenommen. Die zehn Gewinner werden mit insgesamt 150 000 Franken Preisgeld ausgezeichnet und bei der Entwicklung ihrer Businessideen von erfahrenen Unternehmern gecoacht. Venture hat seit 1998 schon viele Erfolgsprojekte hervorgebracht – zum Beispiel die Vegi-Kette Tibits, die Biotechfirma Glycart, die 2005 für 235 Millionen Dollar an Roche verkauft wurde, oder die erfolgreiche Sensorfirma Sensirion, die in Stäfa 250 Leute beschäftigt.

Gründer des Wettbewerbs ist der ehemalige McKinsey-Direktor Thomas Knecht. Bei der gestrigen Preisverleihung beobachtete er nach dem bisherigen Boom im IT-Bereich und bei Handy-Apps «einen Trend zurück in Richtung Medizinaltechnik, Biotech und Maschinenbau». So gab es einen Preisträger, der günstige Drohnen baut zur Datenübermittlung in Echtzeit, ein anderer entwickelt einen Sensor zur besseren Verbrennung von Biogas. Weitere Ideen: ein neuer Test für die Tumoranalyse, 3-D-Zellkulturen für medizinische Tests oder eine neue Audiotechnologie für eine Lern-App zum Gitarrenspielen. (rba)

Der alte 9-Loch-Hölzchen-Test.
(Bild: Reto Oeschger)

Artikel zum Thema

Cleveres ETH-Heizsystem für CO2-freie Gebäude

Eine Allianz von Schweizer Unternehmen will Gebäude dereinst CO2-frei heizen und kühlen. Möglich wird das durch ein neues ETH-Energiesystem mit tiefen Erdwärmesonden und effizienten Wärmepumpen. Mehr...

Anzahl Studentinnen an der ETH sinkt

Die Frauen halten an der Zürcher Universität die Mehrheit. Ganz anders an der Technischen Hochschule. Mehr...

Uni-Ranking: ETH top, Uni Zürich flop

Auf der neusten Rangliste der weltbesten Universitäten ist die ETH in die Top 20 vorgerückt. Die Uni Zürich dagegen ist zurückgefallen – zum vierten Mal in Folge. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Die Ziele definieren die Anlagestrategie

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...