Türken in der Schweiz nehmen ihre Kinder aus Gülen-Schulen

Angst vor Erdogans Einfluss: Wie die Privatschulen des Exil-Predigers immer mehr Kinder verlieren und dann schliessen müssen.

Die Angst vor Erdogan hält die Kinder fern: Sera-Schule in Zürich-Schwammendingen. Foto: Samuel Schalch

Die Angst vor Erdogan hält die Kinder fern: Sera-Schule in Zürich-Schwammendingen. Foto: Samuel Schalch

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Die Angst vor Recep Tayyip Erdogans Liste zeigt Wirkung: Aus Furcht, ihren Kindern oder Verwandten in der Türkei könnte etwas passieren, nehmen Dutzende Eltern ihre Kinder aus Schweizer Privatschulen und Nachhilfeinstituten, die dem Exil-Prediger Fethullah Gülen nahestehen sollen.

Die vom Volksschulamt anerkannte Zürcher Sera-Schule ist am Ende. Die Privatschule in Schwamendingen verlor innerhalb kürzester Zeit mehr als die Hälfte ihrer Schüler und muss auf Ende Schuljahr ihre Tore für immer schliessen. Genauso wie etliche andere Institute in Aarau, St. Gallen, ­Olten und Winterthur. Diese Schulen waren vor allem im Bereich Nachhilfe und Gymi-Vorbereitung aktiv, mit Fokus auf türkische Schüler, aber auch auf andere Kinder mit Migrationshintergrund.

«Gebrandmarkt»

Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 verfolgt der türkische Präsident Erdogan Personen, die der Gülen-Bewegung nahestehen sollen, konsequent. Sie werden ver­haftet oder ihrer Ämter enthoben. Eine der grössten türkischen Tageszeitungen ­forderte vorletzte Woche ihre Leser dazu auf, auch «die in Europa lebenden Türken, die euch belästigen, zu melden». Gemeint sind damit vor allem Anhänger der Gülen-Bewegung oder solche, die es sein könnten. Seit jeher waren Gülenisten in der Ausbildung junger Menschen aktiv.

«Angesichts der Art und Weise, wie Gülen-Anhänger in der Türkei gebrandmarkt werden, ist es verständlich, dass die Eltern ihre Kinder von der Schule abmelden», sagt Muammer Kurtulmus, Zürcher Gemeinderat (Grüne) und schweizerisch-türkischer Doppelbürger. «Ich nehme besorgt zur Kenntnis, dass sie wie auch die AKP- und Erdogan-kri­tischen Stimmen in der Türkei keine Chance auf einen fairen Prozess haben.»

Gravierende Folgen

Auch Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne), eben zurück von einer politischen Türkeireise, versteht die Angst der Eltern, die ihre Kinder von der Schule nehmen: «In der Türkei wird nicht lange ge­fackelt.» Die Folgen der willkürlichen Verhaftungen, Anklagen und Entlassungen unliebsamer Personen seien derart gravierend, dass sie den sozialen Tod bedeuten würden. «Sollten in der Schweiz Menschen von der Türkei bespitzelt werden, müssten Nachrichtendienst und Bundesanwaltschaft durchgreifen», fordert er.

«In der Türkei wird nicht lange ge­fackelt.»Balthasar Glättli

Deutschland hat gestern reagiert und einen Auftritt von Recep Tayyip Erdogan am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg verboten. Begründung: Man sei dagegen, dass die in Deutschland leben­-den Türken und Deutsch-Türken aufgewiegelt würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 00:09 Uhr

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