Die Gondel auf den Uetliberg

Die Zoo-Seilbahn ist nicht das erste umstrittene Luftseilbahnprojekt in Zürich: 1950 gab es Pläne für eine Schwebebahn auf den Uto Kulm. Die Argumente der Gegner tönten zum Teil ähnlich wie heute.

Restaurant Uto Kulm mit Aussichtsplattform auf einer Aufnahme um 1950. Foto: Photoglob (Keystone)

Restaurant Uto Kulm mit Aussichtsplattform auf einer Aufnahme um 1950. Foto: Photoglob (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zürcher Seilbahnträume leben länger: Vor kurzem gab der Zoo bekannt, er halte trotz eines erneuten Rückschlags vor Verwaltungsgericht an der geplanten Seilbahn zum Bahnhof Stettbach fest. Und vor wenigen Tagen präsentierten Zürcher Studenten die kühne Idee, mit einer Gondelbahn von Zürich-West zum Hauptbahnhof das Stauproblem zu lösen.

Vor 65 Jahren erhitzten Pläne für eine Schwebebahn auf den Uetliberg die ­Gemüter. Ein privates Initiativkomitee reichte 1949 ein Konzessionsgesuch beim Bund ein und fragte den Stadtrat an, ob er den Bau der Luftseilbahn unterstütze. Die Talstation war im Albisgüetli vorgesehen, unmittelbar hinter dem Tramwartehäuschen. Von dort sollte die Bahn mit ihren Kabinen für 60 Personen über eine einzige Zwischenstütze beim Kolbenhof auf das Plateau des Uto Kulm führen. Die Kosten für die 1250 Meter lange Bahn wurden auf 2,7 Millionen Franken veranschlagt.

Soziale Tarife als Trumpf

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatte es Ideen für eine zusätzliche Erschliessung des Uetlibergs gegeben, auf den seit 1875 eine Schienenbahn fährt. Pläne für Zahnrad- oder Standseilbahnen verschwanden aber in der Versenkung. Die Schwebebahn-Initianten von 1949 rund um den Zürcher Architekten Robert Thierry betonten nebst touristischen auch volksgesundheitliche Aspekte. Der Uetliberg mit seiner Sonnenterrasse sollte der Bevölkerung besser zugänglich gemacht werden, namentlich in Nebelmonaten. Als Trumpf priesen sie die sozial verträglichen Tickettarife an. Ein Retourbillett sollte 1.50 Franken kosten, 1 Franken weniger als bei der Uetlibergbahn. Deren Ticketpreise stiessen damals auf Kritik, in die auch Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler einstimmte.

Um die Schienenbahn finanziell nicht zu gefährden, sicherten die Seilbahn-Initianten der Uetlibergbahn zum Ausgleich für den Frequenzverlust gar eine jährliche Entschädigung von 15 Prozent ihrer Einnahmen zu. Daneben versuchten sie, die militärische Bedeutung der Bahn herauszustreichen. Doch die Armee winkte ab: «Auch für den Transport von Flüchtlingen, im Falle der Grossbombardierung oder Überflutung Zürichs, hat diese Luftseilbahn praktisch keinen Wert, denn was sollte man schliesslich mit den Menschenmassen oben auf dem schmalen Utokamm anfangen», schrieb die Generalstabsabteilung im Mai 1951.

«Verunstaltung der Silhouette»

Die Uetliberg-Seilbahn löste eine rege Debatte aus. Damit werde «dem Moloch Tempo wieder ein beträchtliches Stück Ruhe geopfert», schrieb ein Gegner in der NZZ. Auch der Direktor des Verkehrsvereins Zürich äusserte sich negativ. Schon heute treffe man vom Uetliberg nach Baldern hin «Spaziergänger in Viererkolonnen» an. Der Stadtrat mit Stadtpräsident Emil Landolt an der Spitze lehnte die Schwebebahn 1950 ab. Stattdessen befürwortete er eine Luftseilbahn von Adliswil auf die Felsenegg, die vier Jahre später eröffnet wurde. Das Hauptargument der Stadt war die Konkurrenzierung der Uetlibergbahn: Die für den Nahverkehr wichtige Verbindung würde in ihrer Existenz bedroht. Zudem hätte die Seilbahn eine untragbare Steigerung der Besuchermengen auf dem Uetliberg zur Folge gehabt. Auch «ästhetische Gründe» machte die Stadtregierung geltend: Der Bau der Talstation und die Überspannung der Uetli­bergstrasse durch Trag-, Zug- und Gegenseile sei «nicht annehmbar», ebenso wenig die Bergstation auf der Kante des Kulm-Plateaus, die eine «schwere Verunstaltung der Silhouette des Uetliberggrates» bedeuten würde.

Mit der Störung des Landschaftsbildes argumentieren heute auch Gegner der Zoo-Seilbahn. Sie befürchten eine Verschandelung des Naherholungsgebiets Sagentobel und klagen über Waldrodungen. Auch in der Erschliessungsfrage zeigen sich Parallelen. Während die Gegner der Zoo-Seilbahn eine Verlagerung der Verkehrs- und Parkplatzprobleme nach Stettbach befürchten, kritisierte der Stadtrat 1950 die ungelöste Parkplatzfrage im Albisgütli. Die Talstation sei zudem viel zu nahe bei der Tramendstation projektiert, wodurch es an schönen Ausflugstagen an Platz für wartende Fahrgäste fehle und sich Fussgänger und Fahrzeuge auf der Uetlibergstrasse in die Quere geraten würden.

1951 kam das definitive Aus: Das Eidgenössische Post- und Eisenbahndepartement lehnte das Konzessionsgesuch ab. Für die Luftseilbahn bestehe kein ­Bedürfnis, sie würde die Uetlibergbahn zu stark konkurrenzieren und die ­Rentabilität sei bei den vorgesehenen Tarifen zweifelhaft. Kleiner Trost für Seilbahnfreunde: 1959 wurde an der Zürcher Gartenbauausstellung eine ­Seilbahn über den See eröffnet, die bis 1966 in Betrieb war.

Fry hat Seilbahnpläne begraben

2006 erlebten die Seilbahnpläne kurzfristig ein Revival. Kulm-Hotelier Giusep Fry spielte mit dem Gedanken, den Uetli­berg per Gondelbahn vom Albisgütli her zu erschliessen. Weil weder Zürich noch Stallikon dahinterstanden, verfolgte er die Idee nicht mehr weiter. Derzeit gebe es keine Seilbahnpläne mehr, sagt Frys Sprecher Clemens Schuster. Obwohl eine Seilbahn durchaus reizvoll wäre und touristisches Potenzial hätte.

Zürich-Tourismus-Präsident Elmar Ledergerber hält den Verzicht auf die Seilbahn im Jahr 1950 heute für richtig: «Der Uetliberg wurde schon damals stark genutzt, die Erschliessung war und ist gut.» Für wichtiger hält der Ex-Stadtpräsident derzeit den Bau der Seilbahn zum Zoo.

Experte: Seilbahn über den See

Für den Zürcher Verkehrsplaner und ETH-Professor Ulrich Weidmann wäre die Uetliberg-Seilbahn eine vielversprechende Lösung gewesen – wenn die Uetlibergbahn noch nicht existiert hätte. Heute rät er davon ab, weil die Seilbahn dem bereits überlasteten Kulm noch weitere Gäste zuführen würde. Längerfristig denkbar sind für Weidmann Seilbahnen auf den Gubrist, den Altberg oder die Lägern. Diese könnten andere Zürcher Naherholungsgebiete entlasten. Ebenso würde er eine Seilbahn über das Seebecken zwischen Tiefenbrunnen und Wollishofen begrüssen. «Damit liesse sich das Naherholungsgebiet Zürichsee zu einem Ring schliessen und die hohe Personenzahl besser verteilen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2014, 19:37 Uhr

Bildstrecke

Luftseilbahn Uetliberg

Luftseilbahn Uetliberg Wenig bekanntes Kapitel in Zürichs Verkehrsgeschichte: 1950 gab es konkrete Pläne für eine Luftseilbahn auf den Uetliberg.

Solche Gondeln sollten Ausflügler auf den Uetliberg bringen. Bild: Stadtarchiv Zürich

Artikel zum Thema

Mit der Seilbahn in die City

Mit einer Gondelbahn könnte Zürich-West mit dem Hauptbahnhof verbunden werden. Die Vorteile eines viel beachteten Studentenprojekts: Schnell, benutzerfreundlich, leise und ohne Wartezeiten. Mehr...

Rückschlag für die Zoo-Seilbahn

Das kantonale Verwaltungsgericht hat eine Beschwerde der Seilbahn-gegner teilweise gutgeheissen. Zuerst einmal sei das Potenzial besserer Bus- und Tramverbindungen zu prüfen. Mehr...

Dübendorf geht gegen Seilbahn vor Gericht

Die Stadtregierung von Dübendorf ist mit dem positiven Entscheid des Regierungsrates zur Zoo-Seilbahn nicht einverstanden. Sie zieht das Verfahren weiter vor das Verwaltungsgericht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...