Die Hausverschiebung in letzter Minute

Morgen wird in Oerlikon ein 6200 Tonnen schweres Gebäude verschoben. Beinahe scheiterte die Rettung des Industriebaus an der ABB – und der knappen Zeit.

Ein Haus geht auf Reisen: Animation des grössten Umzuges der Schweiz. (Video: SPS)


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Wenn morgen Dienstag um 11 Uhr das MFO-Gebäude beim Bahnhof Oerlikon wie geplant in Bewegung kommt, werden die Beteiligten jubeln und auf das Ereignis anstossen. Der aussergewöhnliche Anlass wird nicht nur als technische Meisterleistung gefeiert. Gerne wird auch betont, dass mit dem Verschieben einer der letzten Zeitzeugen der Industriegeschichte Zürichs gerettet wird.

Dabei sah die Situation noch im August 2010 ganz anders aus. Damals war klar, dass die ABB als Besitzerin des Gebäudes den Backsteinbau abreissen will. Historisch ist der Weltkonzern mit dem 6200 Tonnen schweren Haus zwar eng verbunden, doch wirtschaftlich machte die Verschiebung für die Firma offenbar keinen Sinn. Denn ABB wollte das MFO-Gebäude nicht umsonst hergeben. Das Unternehmen forderte von den SBB Geld für das Haus. Die Firma wurde enteignet, da auf dem Gelände zwei neue SBB-Gleise vorgesehen sind. «Dafür verlangten wir wie bei solchen Fällen üblich eine Entschädigung», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth gegenüber Tagesanzeiger.chTagesanzeiger.ch/Newsnet. Es musste weg, da auf dem Gelände zwei neue SBB-Gleise vorgesehen sind.

10 Millionen für die Verschiebung

Die SBB wiederum stellten sich auf den Standpunkt, dass die ABB das Grundstück entschädigungslos abtreten müsse. Das würden die Sonderbauvorschriften von 1998 vorsehen, so die Bundesbahnen.

Die Fronten waren so verhärtet, dass auch die Swiss Prime Site (SPS) nicht mehr helfen konnte. Die Immobilienfirma bot zwar an, das Gebäude auf ihr Gelände zu verschieben und instand zu stellen. Die dafür benötigten 10 Millionen Franken wollte SPS übernehmen. Doch die ABB willigte nicht ein. Schliesslich wurde die Zeit derart knapp, dass der gigantische Umzug immer unwahrscheinlicher wurde. Denn Ende Mai 2012 starten die Arbeiten für den Gleisbau. Diese können nicht verschoben werden, da sie als Teil der Durchmesserlinie in ein Milliardenprojekt eingebunden sind.

Mantel des Schweigens

Doch die Quartierbewohner von Oerlikon gaben die Hoffnung nicht auf. Sie sammelten 1000 Unterschriften, die Stadtzürcher Parteien wurden gemeinsam bei ABB-Schweiz-Chefin Jasmin Staiblin vorstellig und verlangten, dass die Firma eine Lösung ermögliche. Der Druck wurde so gross, dass der Konzern schliesslich in letzter Minute einlenkte: Er einigte sich mit den SBB.

Was das genau bedeutet, wollen die beiden Parteien nicht sagen. «Wir haben eine Vereinbarung abgeschlossen und über die Details Stillschweigen vereinbart», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli auf Anfrage. Der Stadtrat jedenfalls war heilfroh über die Einigung. Nachdem er es verpasst hatte, andere wichtige Zeugen der Industriezeit vor dem Abriss zu schützen, brachte er die nötige Bewilligung zügig durch. Danach konnte unter Hochdruck die Verschiebung geplant und schliesslich wortwörtlich aufgegleist werden. Die ABB äusserte sich bisher auf Anfrage nicht zum Fall.

Verschiebung weg vom ABB-Land

Die ABB vertritt entschieden die Meinung, nicht alleine für den Beinahe-Abbruch verantwortlich zu sein. Der Grund dafür sind laut Sprecher Inderfurth die langen Verfahrenswege bei einer Enteignung - und ein juristischer Ausnahmefall. Zuerst ging der Industriekonzern davon aus, in Folge der Enteignung von Grundstück und Gebäude entschädigt zu werden. Als die SBB das Gelände ohne Entschädigung übernehmen wollten, legte ABB Einsprache ein.

«Solange die Einsprache nicht abschliessend geklärt war, konnten wir der Verschiebung nicht zustimmen», sagt Inderfurth. Denn ABB befürchtete, dass mit der Verschiebung des Gebäudes von ABB- auf Nicht-ABB-Land der Anspruch auf Entschädigung womöglich verloren gegangen wäre. Einen juristisch vergleichbaren Fall gibt es nicht. «Erst als sich im Enteignungsverfahren eine Lösung abzeichnete, konnte ABB der Verschiebung zustimmen», sagt Inderfurth.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.05.2012, 11:45 Uhr

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