Die Hüter der Orgelpfeifen

Andreas und Mathias Metzler bauen in der vierten Generation Kirchenorgeln: mit Leidenschaft und Musikalität. Doch der Anti-Kirchen-Reflex der Hörer setzt ihnen zu.

Mathias Metzler zeigt, wie eine Orgel gebaut wird. Video: Anja Metzger

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Geisterstunde im Grossmünster. Bei der Revision der Orgel blieb Andreas Metzler im November und Dezember fast täglich bis Mitternacht allein in der Kirche. Er ist beim Stimmen und Intonieren auf Stille angewiesen. «Auf Hellhörigkeit sensibilisiert, nimmt man auch die Geräusche innerhalb des alten Kirchengemäuers intensiv wahr.» Des Nachts scheinen sich die Statuen zu räuspern, Dämonen- und Engelsfiguren lebendig zu werden, die Toten Zwiesprache zu halten. «Die Fantasie geht mit einem durch, wie wenn man in einem alten schottischen Schloss allein ist.» 3000 Arbeitsstunden hat die Belegschaft von Orgelbau Metzler in die Revision der Grossmünster-Orgel investiert, die Vater Hansueli vor 50 Jahren erbaut hatte: Pfeifen wurden geputzt, mechanische Teile ersetzt, Register angepasst.

Der normale Arbeitsplatz der Brüder Andreas (55) und Mathias (52) Metzler an der Zürcherstrasse 154 in Dietikon ist hell, geräumig und nüchtern. Werkstätten liegen neben Montageräumen. In der Pfeifenwerkstatt werden Platten gegossen, gehämmert und zu Pfeifen gelötet. In Sägewerk und Schreinerei wird Eichenholz aus umliegenden Wäldern verarbeitet. Stapel um Stapel geschnittenes Holz liegt im Hof zum Trocknen aus.

In die Dynastie hineingeboren

Orgelbau Metzler macht alles selber, von der Pfeife über die Windlade bis zum Gehäuse. Wobei sich die Brüder an eine strenge Arbeitsteilung halten: Andreas, der Organist, ist für die Geschäftsführung, die Planung der Orgelgehäuse und für die Intonation zuständig. Mathias, der Orgelbauer, für alles Handwerkliche. Das Know-how geht auf Ururgrossvater Jakob Metzler, Bauernsohn aus Vorarlberg, zurück, der die Firma vor 125 Jahren gegründet hatte.

Man wachse selbstverständlich rein in dieses Metier, sagen die Brüder. «Schon als Kind fühlten wir uns im Betrieb, in dem die Grosseltern wohnten, ganz zu Hause.» Man merke gar nicht, wie viel in einem angelegt worden sei, wenn man dann selber zu arbeiten beginne. Die Eltern hätten nie Druck gemacht, die Umgebung insgesamt wohl schon. «In eine Dynastie hineingeboren zu werden, hat auch etwas Enges. Es hat einen daran gehindert, vielseitiger zu werden.»

Heute leiten die Brüder die Firma mit 20 Mitarbeitenden. Zurzeit bauen sie an der 657. und der 658. Metzler-Orgel; eine für die Unikirche Leipzig und eine für ein Gotteshaus im norwegischen Knarvik. Die Firma lebt auch von ihrem internationalen Renommee. Gerade hat sie im katalanischen Zisterzienserkloster von Poblet eine Orgel gebaut, früher eine für die Kathedrale in Antwerpen, eine für den Dom in Salzburg und zwei für das dortige Franziskanerkloster. Als reformierte Orgelbauer beliefern Metzlers auch katholische Kirchen. Bis vor kurzem sei das etwa in der Innerschweiz noch schwierig gewesen. Heute spiele die Konfession kaum mehr eine Rolle.

Die Boomzeit ist vorbei

Als Spezialist des kirchlichen Orgelbaus hat man laut Andreas Metzler wohl eine positivere Einstellung zur Kirche als der Durchschnitt. Obwohl sie keine fleissigen Kirchgänger seien, sei es für sie Voraussetzung, an die Welt der Religion glauben zu können. Mathias Metzler: «Oft in der Kirche tätig, erschliesst sich für mich der Glaube über sakrale Architektur, Räume, Glasfenster und vor allem über die Musik.» Es ist klar von Vorteil, dass beide Brüder musikalisch sind: Andreas hat in der reformierten Kirche Dietikon ein Nebenamt als Organist. Mathias spielt Klarinette, auch in einer Big Band oder an Hauskonzerten der Familie.

Etwas nostalgisch blicken sie auf die Boomzeit des kirchlichen Orgelbaus zurück: In den 60er- bis 80er-Jahren musste man die vielen qualitativ schlechten pneumatischen und elektrischen Orgeln aus der Vorkriegszeit ersetzen. Wobei der Trend weg von der romantischen Orgel, zurück zu den Wurzeln ging, also zu den barocken und mechanischen Orgeln. Auch im Grossmünster ersetzte Vater Hansueli Metzler die kaputte pneumatische Orgel durch eine mechanische, die sich besonders für barocke Musik, Bach und moderne Kompositionen eignet. Es war die erste grosse Orgel, die wieder eine mechanische Spieltraktur (Verbindung von den Tasten zu den Ventilen) hatte, versehen neuerdings mit einer elektrischen Koppelung. Das war laut Andreas Metzler in den 60er-Jahren fast eine Revolution: «Der helle, klare und durchsichtige Ton war das völlige Gegenprogramm zur romantischen Orgel mit ihrem Klangbrei.»

Heute hat die Branche zu kämpfen, zumal der kirchliche Orgelbau. «Es ist ernüchternd, zu beobachten, wie viele Leute von Orgelmusik eigentlich begeistert sind, aus einem Anti-Kirchen-Reflex aber nicht an Konzerte gehen.» Dabei sei die Musik meist der einfachere Zugang zu Religion und Glaube als die Predigt. Leider mache der Erfolg der Freikirchen mit ihren populärmusikalischen Events die traditionellen Gottesdienste mit Orgelmusik zu etwas Elitärem. Davon ganz zu schweigen, dass heute kaum mehr neue Kirchen gebaut und kaum mehr neue Orgeln benötigt werden.

Übersättigter Markt

Dazu kommt der Konkurrenz- und Kostendruck: Mit vier grossen Orgelbauern in der Schweiz – Metzler, Kuhn, Goll, Mathis – und vielen kleineren ist der Markt übersättigt. Durch den Wechselkurs geraten die KMU zusätzlich unter Druck. «Wenn man plötzlich 20 Prozent teurer wird, nützt auch der gute Name nichts», sagt Mathias Metzler. In Deutschland ist der Einbruch dramatisch. Auch in der Schweiz muss die Branche Kapazitäten abbauen. Revision, Unterhalt und Pflege alter Orgeln sind aber weiterhin gefragt.

Die Zukunft von Orgelbau Metzler ist offen: Die Gebrüder meinen, dass heute eigentlich wieder ein Mäzenatentum von Kunstliebhabern angesagt sei. Und wie steht es mit der fünften Generation von Orgelbauern? Die kleinere Tochter von Andreas Metzler ist sehr an Musik und Orgel interessiert, aber leider erst 13 Jahre alt.

Erstellt: 29.01.2015, 17:44 Uhr

Klare Töne: Die Metzler-Brüder Andreas und Mathias (rechts) in ihrer Werkstatt in Dietikon. Foto: Sabina Bobst

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